Domaine La Tour Vieille: Große Rote aus Collioure und Banyuls

Stefan Krimm, unser Schatzsucher, hat sich auf Reisen begeben. Diesmal war er im äußersten Süden Frankreichs, wo einst Picasso, Braque, Matisse und Utrillo lebten und ihre Hotelrechnung mit gemalten Bildern bezahlten. In Collioure fand er einen Winzer aus der Generation der Alt-68er, der meisterhafte Weine für relativ kleines Geld erzeugt und sich und andere glücklich damit macht.

Auf die­sem Wein­gut mit immer­hin 14 Hekt­ar Reb­flä­che gibt es kei­nen Trak­tor. Man könn­te damit auch gar nichts anfan­gen, denn die Zug­ma­schi­nen kön­nen auf den schma­len, dem Schie­fer abge­trotz­ten, durch ein Netz von klei­nen Kanä­len (agouilles) drai­nier­ten Ter­ras­sen von Col­liou­re und Banyuls nicht ein­ge­setzt wer­den.

Und so muss, von der Locke­rung des Bodens im Früh­jahr bis zur Lese im Herbst, alles in Hand­ar­beit erle­digt wer­den. So ein­fach ist das – und so schweiß­trei­bend, denn im Som­mer wird es hier, weni­ge Kilo­me­ter von der spa­ni­schen Gren­ze ent­fernt, ziem­lich heiß.

Banyuls und Col­liou­re sind die süd­lichs­ten Wein­an­bau­ge­bie­te Frank­reichs. Sie lie­gen inner­halb der glei­chen Gren­zen und gehö­ren zu Rouss­il­lon. Col­liou­re steht vor allem für schwe­re, tro­cke­ne Rot­wei­ne, Banyuls für süße, alko­hol­ver­stärk­te Wei­ne: über­wie­gend rot, teil­wei­se aber auch weiß.

Viel Sonne, wenig Feuchtigkeit

Die Wei­ne wer­den über­wie­gend aus der Grenache-Rebe erzeugt: die wei­ßen aus der Gren­ache Blanc, die Roten aus der Gren­ache Noir. Dazu kom­men meist klei­ne­re Men­gen Cari­gnan, Cinsaut, Mour­vèd­re, Syrah. Nur sol­che Reb­stö­cke über­le­ben, die die Kraft haben, ihre Wur­zeln in die Ris­se und Spal­ten des Unter­bo­dens hin­ein­zu­trei­ben.

Die dün­ne Schicht Decker­de spei­chert nicht genü­gend Feuch­tig­keit. Mehr als vier bis fünf Trau­ben pro Stock kön­nen aller­dings nie zur Rei­fe gebracht wer­den. Zu extrem sind Hit­ze und Tro­cken­heit im Som­mer.

Vor dem Ers­ten Welt­krieg zog die­se Land­schaft auf­grund ihrer pit­to­res­ken Schön­heit vie­le fran­zö­si­sche Künst­ler an, allen vor­an Picas­so, Braque, Utril­lo und Matis­se, von dem der Spruch über­lie­fert ist, es gebe in Frank­reich kei­nen blaue­ren Him­mel als in Col­liou­re, und er brau­che nur die Fens­ter­lä­den zu öff­nen, schon habe er alle Far­ben des Mal­kas­tens vor sich.

Picasso zahlte sein Hotel mit Kunst

Beson­ders beliebt war bei den Künst­lern die Hôstel­le­rie des Tem­pliers. Wenn sie kein Geld hat­ten, durf­ten sie ihre Rech­nun­gen dort mit Kunst bezah­len. Mal lie­ßen sie Zeich­nun­gen, mal klei­ne Bil­der zurück. Noch heu­te sind eini­ge die­ser „Zah­lungs­mit­tel“ in dem klei­nen Fami­li­en­ho­tel mit­ten in dem male­ri­schen Fischer­städt­chen Col­liou­re zu besich­ti­gen.

Auf der Domai­ne La Tour Vieil­le ober­halb von Col­liou­re hat man nichts zu ver­schen­ken. Da muss man für sei­nen Lebens­un­ter­halt hart arbei­ten. Vin­cent Can­tié und Chris­ti­ne Cam­pa­dieu, die bei­den Besit­zer des Wein­guts, wis­sen das. Sie sind kei­ne Matis­ses, kei­ne Braques, kei­ne Picas­sos, und für Wei­ne aus dem Rouss­il­lon wer­den sowie­so kei­ne Prei­se wie für moder­ne Kunst gezahlt. Im Gegen­teil: Gemes­sen an dem, was die Spit­zen­do­mä­nen im Bur­gund und an der Rhô­ne für ihren Wein bekom­men, sind Chris­ti­ne und Vin­cent beschei­de­ne Leu­te.

In der ersten Reihe der Roussillon-Winzer

Dabei haben auch sie sich in die ers­te Rei­he der Win­zer im Rouss­il­lon hoch­ge­ar­bei­tet. Ihre Rot­wei­ne Puig Ori­ol und Puig Ambeil­le gehö­ren zum Feins­ten, was Süd­frank­reich her­vor­bringt. Und die süßen Vins Doux Natu­rels sind eben­falls von einer Exqui­se, die sel­ten gewor­den ist. „Außer­ge­wöhn­li­che Qua­li­tä­ten“ attes­tier­te die füh­ren­de fran­zö­si­sche Fach­zeit­schrift Revue du Vin de Fran­ce den Wei­nen von La Tour Vieil­le.

Can­tié, 58, ist das, was man in Deutsch­land als Alt-68er bezeich­net: frei­heits­lie­bend, leicht rebel­lisch, stu­den­ten­be­wegt in sei­ner Jugend und heu­te ange­sichts des acht­lo­sen Umgangs der Men­schen mit den begrenz­ten Res­sour­cen bis tief in der Wol­le grün gefärbt.

Vincent Cantié

Einen schö­ne­ren Arbeits­platz als hoch oben über dem Städt­chen am Mit­tel­meer hät­te er sich für sei­ne Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik frei­lich nicht aus­su­chen kön­nen. Nach Osten fällt sein Blick bei der Arbeit auf das male­ri­sche Fischer­städt­chen zu sei­nen Füßen mit den engen Gas­sen, den zahl­lo­sen Cafés und Restau­rants, die im Som­mer von Tau­sen­den von Tou­ris­ten fre­quen­tiert wer­den, in der Fer­ne  La Gran­de Bleue, das azur­blaue Mit­tel­meer. Nach Wes­ten blickt er auf die Wein­berg­ter­ras­sen mit ihren alten, knor­ri­gen Reb­stö­cken in grau­brau­ner oder rost­ro­ter Erde. Ein Luxus­pan­ora­ma.

Auch Träume können hart sein

Mit dem Anchovis-Betrieb sei­ner Eltern woll­te Can­tié nichts zu tun haben, und mit der Stadt Col­liou­re zunächst auch nicht viel. Er stu­dier­te Land­wirt­schaft und arbei­te­te dann zwei Jah­re als Agrar­in­ge­nieur in Neu-Kaledonien. 1980 kehr­te er nach Col­liou­re zurück. Am ande­ren Ende der Welt war ihm klar gewor­den, dass er Win­zer wer­den und auf eige­ne Faust etwas gestal­ten woll­te. Gemein­sam mit einem Freund aus der Bre­ta­gne pach­te­te er von sei­nen Eltern drei Hekt­ar Land und dazu von Nach­barn fünf wei­te­re Hekt­ar, um sei­nen Traum vom Win­zer­da­sein zu ver­wirk­li­chen. Doch ein paar Jah­re spä­ter ent­schied sich der Freund, Leh­rer zu wer­den, und stieg wie­der aus.

Dafür war Chris­ti­ne dazu gesto­ßen, eine Win­zers­toch­ter aus dem benach­bar­ten Banyuls, die Eng­lisch und Chi­ne­sisch stu­dier­te und für die Win­zer­ver­ei­ni­gung des Rouss­il­lon PR gemacht hat­te. Den Win­zer­be­ruf hat­te die jun­ge, selbst­be­wuss­te Frau nicht ange­strebt. Doch schon bald hat­te sie das Gefühl, mit Vin­cent und La Tour Vieil­le fes­ten Boden unter den Füßen zu haben. Zuerst leg­ten die bei­den ihren in 16 ver­schie­de­ne Par­zel­len auf­ge­split­ter­ten Besitz zusam­men. Dann füll­ten sie 1990 ihren ers­ten gemein­sa­men Jahr­gang ab. Chris­ti­ne war (und ist) für Kel­ler und Ver­mark­tung zustän­dig, Vin­cent für die Wein­ber­ge.

Bio-Winzer ohne Ansage

Von Anfang an streb­ten die bei­den danach, im Wein­berg  nach bio­lo­gi­schen Stan­dards zu arbei­ten (auch wenn sie das auf ihren Eti­ket­ten ihrer Wei­ne nicht erwäh­nen). Die Natur begüns­tig­te sie dabei. Die Tra­mon­ta­ne, der vom Fest­land zum Meer hin wehen­de star­ke Wind, sorgt dafür, dass es in Col­liou­re wenig Pilz­be­fall gibt. Sprit­zen ist über­flüs­sig. Aller­dings ver­ur­sacht der Wind manch­mal auch Pro­ble­me – zum Bei­spiel, wenn er die jun­gen Trie­be der stark­wüch­si­gen Mourvèdre-Rebe förm­lich von den Stö­cken fetzt.

Terrassen bei Banyuls

Die Tra­mon­ta­ne ist auch für die rela­tiv hohen Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de zwi­schen Tag und Nacht ver­ant­wort­lich, die in Col­liou­re herr­schen. Durch sie blei­ben die Rot­wei­ne frisch, erhal­ten ihre fei­ne Nuan­cie­rung und Wür­ze. Trotz der süd­li­chen Lage schme­cken sie nicht bran­dig, son­dern sind dicht, mine­ra­lisch, ja sogar mentholig-frisch.

Die Erträ­ge im Wein­berg lie­gen zwi­schen 30 und 35 Hektoliter/Hektar – also extrem nied­rig. Folg­lich sind auch die Men­gen, die La Tour Vieil­le pro­du­ziert, nicht sehr hoch. Vom Puig Ori­ol und vom Puig Ambeil­le gibt es jeweils nur 8.500 Fla­schen. Die Vins Doux Natu­rels sind noch rarer.

Rückgang der Vins Doux Naturels

Aller­dings geht die Nach­fra­ge nach die­sen natur­sü­ßen Wei­nen sowie­so stark zurück. Die Zeit der plü­schi­gen Cafés, in denen die älte­ren Damen nach­mit­tags zu Tört­chen oder Man­del­ge­bäck ganz selbst­ver­ständ­lich ein Gläs­chen Banyuls (oder Mau­ry oder Rive­s­al­tes) zu sich nah­men und damit für ste­ti­gen Absatz sorg­ten, ist vor­bei. Es gibt die Vins Doux Natu­rels als Weiß­wei­ne (Banyuls blanc, gekel­tert vor­wie­gend aus der Sor­te Gren­ache banc) und als Rot­wei­ne (Banyuls, gewon­nen aus Gren­ache Noir).

Dabei wird die Gärung nach einem im Mit­tel­al­ter von Arnal­dus de Vil­la­no­va, dem Leib­arzt des Königs von Mal­lor­ca, ent­wi­ckel­ten Ver­fah­ren durch Zuga­be von rei­nem Alko­hol gestoppt, sodass ein Teil des im Most befind­li­chen Zuckers nicht ver­gärt und der Wein süß bleibt. Einen Teil ihrer Rei­fe­zeit ver­brin­gen die Banyuls danach in Glas­bal­lons (bon­bon­nes), die im Frei­en ste­hen und Son­ne und Wind aus­ge­setzt sind. Dadurch erhal­ten die­se Wei­ne ihren leicht oxi­da­ti­ven, „ran­zi­gen“ Geschmack. Geschätzt wer­den sie nur noch von Ken­nern, die sie als Ape­ri­tif, zu Ancho­vis, zu Roque­fort oder zu süßen Nach­spei­sen genie­ßen.

Die tro­cke­nen und die natur­sü­ßen Wei­ne müs­sen, wenn sie von hoher Qua­li­tät sein sol­len, der Natur förm­lich abge­run­gen wer­den. Vin­cent und Chris­ti­ne haben sich ent­schlos­sen, die­se Her­aus­for­de­rung anzu­neh­men. Ange­sichts des­sen sind die Wei­ne von La Tour Vieil­le äußerst preis­güns­tig.

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