Auf der Iberischen Halbinsel tut sich etwas bei den Rebsorten. Der Profiteur heißt dieses Mal nicht Tempranillo. Stattdessen bekommen unbekanntere Sorten wie Bobal, Mencía, Trepat und vor allem Garnacha eine Chance.
Man mag es kaum glauben, aber im Jahr 1990 war der Tempranillo noch eine ganz normale spanische Rebsorte. Mit 46.000 Hektar lag er damals im Ranking der am meisten kultivierten Rotweintrauben des Landes deutlich hinter Garnacha, Bobal und Monastrell auf Platz 4. Dann folgte innerhalb von zwei Jahrzehnten ein kometenhafter Anstieg auf über 200.000 Hektar, der auf Kosten dieser und anderer Sorten geschah. Der Weinkritiker José Peñin sprach von einer „beinahe totalitären Herrschaft des Tempranillo“.
Garnacha wieder im Aufschwung
Doch langsam scheint sich das Blatt zu wenden. Zwar ist Tempranillo nach wie vor der Star in Spanien und die Basis berühmter Rotweine aus Rioja und Ribera del Duero. Einige Rotweinsorten haben jedoch ihren Abwärtstrend gestoppt und treten mit Spitzenweinen aus seinem Schatten hervor.
Dieser Befund gilt insbesondere für Garnacha. Die in Frankreich als Grenache bekannte Rebsorte hat ihren Ursprung am Fluss Ebro in Nordspanien. Aus den Anrainerregionen Rioja, Navarra, Aragon und Katalonien kommen immer mehr bemerkenswerte Garnachas von Erzeugern wie Frontonio, Domaines Lupier und Palacios Remondo. Typischerweise sind es Rotweine mit feinen Tanninen und seidiger Textur, mit floralen und rotfruchtigen Aromen und einer leicht pfeffrigen Würze. Besser als Tempranillo kommt die Sorte im Anbau mit Hitze und Trockenheit zurecht und konserviert auch mehr Säure.
Kommando Gredos — Höhe, Garnacha und Granit
Der wichtigste Ort für das Revival der Garnacha in Spanien ist die Sierra de Gredos. Dieser Gebirgszug in der Nähe von Madrid wurde von der Weinwelt lange Zeit komplett übersehen. Heute ist die urwüchsige Bergregion für den „Gredos-Stil“ bekannt, den einige Journalisten als „burgundische Garnacha“ bezeichnen.
Wegweisend ist diesbezüglich das Weingut Comando G von Daniel Landi und Fernando García. „Gredos ist eine einzigartige Kombination aus sehr alten Garnacha-Weinbergen, Granitböden und Höhenlagen in einem spezifischen Gebirgsklima“, beschreibt Landi das Terroir. Seine biodynamisch bewirtschafteten Weinberge liegen auf bis zu 1.200 Metern Höhe. Zwar herrscht in diesen extremen Hochlagen bis in den Mai hinein Frostgefahr, doch die kühlen Sommernächte bringen genau das, wonach Comando G in den Weinen strebt: Frische und schlanke Eleganz.
An diesen beiden Leitmotiven orientiert sich auch die Weinbereitung: Landi und García vergären die Trauben mit den Stängeln, um mehr Gripp und knackige, grünliche Aromen zu erhalten. Wie viele Vignerons der neuen spanischen Generation bauen sie ihre Weine nicht mehr in kleinen Barriquefässern, sondern in neutraleren Gefäßen wie Betontanks und großen Fudern aus. Die Maischestandzeiten sind mit bis zu 70 Tagen enorm lang. „Wir verzichten auf Umwälzen oder Pigeage. Mit solchen Methoden erhältst du dunklere Weine mit mehr Frucht, aber du verlierst die Finesse und Präzision“, sagt Landi. Stattdessen gießt er morgens und abends einzig mit einer kleinen Kanne etwas vom Most auf den Tresterhut, damit dieser nicht austrocknet. Durch diese sanfte, infusionsartige Mazeration entstehen transparente, von Klarheit geprägte Garnachas wie der straffe, betont mineralische La Bruja 2023.
2023 La Bruja, Comando G, DOP Cebreros
Preis: 27,50 Euro
Bezug: https://www.gute-weine.de/produkt/comando-g-viticultores-la-bruja-de-rozas-2023-67067h/
Mencia — kühle Weine aus dem atlantischen Nordwesten
Auch die DO Bierzo hat sich dank einer wachsenden Zahl exzellenter Winzer einen Namen gemacht. Das Weingebiet liegt im Nordwesten Spaniens, rund 100 Kilometer vom Atlantik entfernt, an der Grenze von Galicien und Kastilien-León. Hier regnet es ähnlich viel wie in Hamburg. Entsprechend ist die Landschaft grüner und das Klima kühler als in den meisten anderen Landesteilen.
Der Bierzo ist ein großes Tal, umgeben von Bergen. Die zumeist winzigen Weinparzellen beginnen in 450 Metern Höhe im Tal, wo die Böden lehmig und sandig sind. Sie ziehen sich bis auf 1.050 Meter die Berghänge hinauf, wo Schiefer und Granit dominieren. Mit 2.400 Hektar Rebfläche ist das Weingebiet nicht allzu groß. Es soll aber die höchste Dichte an alten Reben in Europa aufweisen. Laut dem zuständigen Regulierungsrat sind über 80 Prozent der Reben in der DO Bierzo älter als 40 Jahre.
Zu drei Vierteln ist dabei Mencia im Anbau. Sie zählt zu den attraktivsten Rebsorten Spaniens, da sie frische, elegante und duftige Rotweine mit Noten von roten Früchten, Veilchen und Kräutern hervorbringt. Gleichzeitig hat die Mencia dicke Schalen, sodass sie Farbe und Struktur verleihen kann.
All diese Eigenschaften treffen auf den Quite 2022 von Verónica Ortega zu. Die sortenreine Mencia zeigt eine kühle Mineralität und hat Power, ist aber überhaupt nicht schwer oder opulent, sondern saftig und trinkig. Die andalusischen Muster auf dem Etikett sind eine Referenz an die Ursprünge der Winzerin. Ortega stammt aus Cádiz, also dem Sherry-Gebiet. Sie ging dann auf Wanderschaft und lernte bei den Besten, darunter Álvaro Palacios im Priorat und Romanée-Conti im Burgund. Für ihr eigenes Projekt zog sie 2012 ins Bierzo, da sie – nach eigener Aussage – die dortige Kombination aus Mencia und atlantisch geprägtem Klima für so einzigartig und reizvoll hält.
2022 Quite, Veronica Ortega, DO Bierzo
Preis: 15,95 Euro
Bezug: https://www.pinard-de-picard.de/art/SBI020222
Trepat — leichte Rotweine vom Mittelmeer
Während Gredos und Bierzo heute als Hotspots der sogenannten „New Wave of Spanish Wine“ gelten, ist die katalanische DO Conca de Barberà vielen Weinkennern unbekannt. Das dünn besiedelte Gebiet liegt genau zwischen den weitaus namhafteren Regionen Priorat und Penedès. Eine Besonderheit ist der frische Wind „Marinada“, der praktisch täglich vom 30 Kilometer entfernten Mittelmeer weht. In Verbindung mit den höheren Lagen – manche Rebgärten liegen bis zu 900 Meter hoch – macht dies Conca de Barberà zum kühlsten aller katalanischen Weingebiete.
Das wichtigste Alleinstellungsmerkmal ist die lokale Rotweintraube Trepat. Sie kommt auf ein Viertel der 5.000 Hektar Rebfläche in der Region. Die Sorte hat große Beeren mit dünnen Schalen und ergibt hellfarbige Rotweine mit schöner Säure, wenigen Tanninen und niedrigem Alkoholgehalt. Aufgrund dieser Eigenschaften wird der Trepat vor allem für spritzige Cava-Rosés verwendet. Erst in den 2000er-Jahren begannen Weingüter damit, Rotweine aus ihm zu keltern.
„Die Zukunft des Weintrinkens liegt in weniger Alkohol, und das haben wir mit Trepat“, zeigt sich der Winzer Ricard Sebastia Foraster vom Potenzial überzeugt. Sein Weingut Josep Foraster kultiviert 34 Hektar, davon 22 mit Trepat. Der reinsortige Lagenwein Julieta 2023 stammt von einem Nordhang in 450 Metern Höhe und 84 Jahre alten Reben. Er ist schlank, rotfruchtig, anregend feinwürzig und griffig am Gaumen. Dazu hat er eine gute Länge. Mit nur 12% Alkoholgehalt widerspricht er total dem Klischee vom schweren, alkoholischen Rotwein vom heißen Mittelmeer. Wer leichte Weine mit Charakter mag, sollte einmal Trepat probieren.
2023 Julieta, Josep Foraster, DO Conca de Barberà
Preis: 21,80 Euro
Bezug: https://www.decantalo.de/de/josep-foraster-julieta.html
Bobal — weg vom rustikalen Image
Weiter südlich, im Hinterland von Valencia, ist Bobal mit über 50.000 Hektar die am häufigsten angebaute Weintraube. Die Rebe hatte lange Zeit keinen guten Ruf, da ihre Weine als zu rustikal und alkoholisch galten.
Wie so häufig liegt es jedoch nicht an der Sorte, sondern an den Umständen, die Weine von mäßiger Qualität hervorbringen. Der Südosten Spaniens ist seit jeher stark von Winzergenossenschaften geprägt, die überwiegend billige Fassweine produzieren. Die Trauben werden dabei nach Mostgewicht, also dem Zuckergehalt, bezahlt. Je höher, desto besser. Bobal ist zudem eine ertragreiche Rebe. Wer auf Menge setzt, intensiv bewässert und die Erträge nicht reduziert, erhält dementsprechende Weine.
Es gibt aber auch Winzer, die einen anderen Ansatz verfolgen, wie Juan Antonio Ponce in der auf einem Hochplateau gelegenen DO Manchuela. Er stammt aus einer Weinbauern-Familie. Sein Opa und sein Vater kelterten nie eigenen Wein, sondern lieferten die Trauben an die örtliche Genossenschaft. „Die Leute in meiner Region dachten immer, man müsse ein Millionär sein, um ein Weingut zu gründen“, erklärt Ponce. Er selbst ging jung von zuhause weg zu Telmo Rodríguez, einem der renommiertesten Weinmacher Spaniens. „Bei ihm habe ich gelernt, dass man für Spitzenweine keine teure Technik braucht, sondern dass es auf die Weinberge und den Menschen ankommt“, so Ponce.
Mit dieser Inspiration kehrte er mit 24 Jahren nach Manchuela zurück. Er übernahm die alten, teilweise wurzelechten Weinberge der Familie und gründete mit einem Bankkredit von 60.000 Euro das Weingut Ponce. Viel Anerkennung bekommt er heute für seine feinen Rotweine aus Bobal, die er spontan vergärt und in großen Fudern ausbaut.
Um zu vermeiden, dass seine Bobals allzu konzentriert und kräftig ausfallen, wendet Ponce einen Kniff an. „Im September fällt in unserer Gegend häufig Regen. Während alle warten, bis es abgetrocknet ist, fahre ich die Lese ein“, erklärt der Winzer. „Bei Regen saugen die Beeren Flüssigkeit auf. Die Schalen werden dünner und das Tannin weicher. So erhalte ich auch frischere Weine mit etwas niedrigeren Alkoholgraden.“ Und tatsächlich bietet bereits sein großartiger Einstiegswein Clos Lojen 2024 einen tollen Trinkfluss und ist mit 12,5 Volumenprozent alles andere als ein Schwergewicht.
2023 Clos Lojen, Bodegas y Viñedos Ponce, DO Manchuela
Preis: 10,50 Euro
Bezug: https://shop.walterundsohn.de/products/clos-lojen-bobal-manchuela-do
