Deep Blue: Der außergewöhnliche Rosé des Doktor Martin Tesch

2018 Deep Blue von Tesch (© Weingut Tesch)
Fast jedes Weingut bietet heute einen Rosé an. Aber selten ist ihr Rosé so gut und speziell wie der Deep Blue von Martin Tesch. Dabei ist er eigentlich eine Verlegenheitslösung.

Es gibt einen Satz, der nicht immer, aber oft wahr ist: „Wer zu dumm ist, einen ordent­li­chen Rot­wein zu machen, macht einen Rosé.“ In einem gewis­sen Sin­ne gilt die­ser Satz auch für Mar­tin Tesch. Der Win­zer aus Lan­gen­lons­heim an der Nahe, bekannt für sei­nen Ries­ling „Unplug­ged“ und das „Wei­ße Rau­schen“ (letz­te­rer für die Rock­band „Tote Hosen“ gemacht), hat auch einen Rosé im Ange­bot. Aller­dings nur, weil er so klug war, auf einen Rot­wein zu ver­zich­ten, der sei­nen Ansprü­chen nicht genügt hät­te. Teschs gan­zer Ehr­geiz gehört dem Ries­ling. 90 Pro­zent sei­ner Wein­ber­ge sind mit ihm bestockt. Die Wei­ne, die dort wach­sen, ste­hen in Spit­zen­re­stau­rants in New York, Yoko­ha­ma, Stock­holm auf der Wein­kar­te. Tesch hat also einen Ruf zu ver­tei­di­gen.

Älteste Spätburgunder-Rebstöcke an der Nahe

Gegen die The­se mit der Dumm­heit spricht auch die Tat­sa­che, dass Tesch ein pro­mo­vier­ter Mikro­bio­lo­ge ist. Nicht dass Aka­de­mi­ker gegen Tor­hei­ten gefeit wären. Aber so einer wie er über­legt sich genau, was er macht, bevor er es in Angriff nimmt. In die­sem Fall war es fol­gen­des Kal­kül, das er anstell­te: „Ich bin ein Weißwein-Winzer. Um einen gro­ßen Rot­wein zu machen, müss­te ich mich in die Mate­rie hin­ein­kni­en, was ange­sichts der gera­de mal fünf Pro­zent Spät­bur­gun­der in mei­nen Wein­ber­gen ein unver­hält­nis­mä­ßi­ger Auf­wand wäre.“

Fünf Pro­zent – das sind genau 1,5 Hekt­ar. Nicht viel. Sein Vater hat­te die rote Sor­te 1970 gepflanzt. Es sind heu­te die ältes­ten Spätburgunder-Reben an der Nahe. Viel­leicht könn­te man aus ihren Trau­ben wirk­lich einen bedeu­ten­den Spät­bur­gun­der machen. Anfangs woll­te Tesch es auch. Aber er wog kühl ab: „Dann kom­men die Spa­ni­er um die Ecke mit ihren Rot­wei­nen, die bil­li­ger sind als mei­ne, und viel­leicht auch bes­ser…“

 

Der Win­zer hin­ter dem außer­ge­wöhn­li­chen Rosé: Dok­tor Mar­tin Tesch (© Wein­gut Tesch)

Irritierender Name

Also Rosé. Er heisst bei Tesch Deep Blue. Der Name ist auf den ers­ten Blick irri­tie­rend, weil der Wein natür­lich nicht blau ist, son­dern eine kup­fer­far­be­ne Tönung hat. Der Name „Tief­blau“ bezieht sich auf die Far­be des Urmee­res, aus dem vor 30 Mil­lio­nen Jah­ren durch tek­to­ni­sche Ver­schie­bun­gen jene Land­mas­se empor­stieg, die heu­te Mit­tel­eu­ro­pa heißt und zu der auch die Nahe samt ihren Wein­ber­gen gehört. Muscheln, Koral­len, ja ver­stei­ner­te Hai­fisch­zäh­ne hat Tesch im Boden gefun­den, auf dem sei­ne Spät­bur­gun­der­re­ben wach­sen: Gruß aus der Ver­gan­gen­heit.

Aus der Masse der Rosés hervorstechend

Deep Blue ist ein unge­wöhn­lich guter Roséwein. Er sticht duet­lich her­aus aus der Mas­se der Rosés, die jedes Früh­jahr die Märk­te über­flu­ten. Die meis­ten die­ser Rosés gehö­ren in die Kate­go­rie belang­lo­ser Spaß­wein, wobei Spaß rela­tiv ist. Kolo­rier­tes Blüm­chen­was­ser wür­de es manch­mal bes­ser tref­fen. Doch selbst­ver­ständ­lich gibt es auch gute Roséwei­ne, sogar her­vor­ra­gen­de, die nicht nur an hei­ßen Som­mer­ta­gen schme­cken, son­dern auch im Herbst oder Win­ter, zu einem Lach­startar, einer Hum­mer­es­senz, einer Kür­bis­creme­sup­pe. Das gilt auch für Deep Blue. Er ist gehalt­voll und – bild­lich gespro­chen – eher etwas für den Captain’s Table als für die Kan­ti­ne der Leicht­ma­tro­sen. Er ist kno­chen­tro­cken. Cocktail-Schlürfer und Nutella-Freunde wer­den ver­mut­lich nichts mit ihm anfan­gen kön­nen. Ande­rer­seits muss man auch kein Hea­vy Metal-Rocker oder Tote Hosen-Fan sein, um die­sen Wein zu mögen. Deep Blue ist nicht laut, nicht wild, nicht schrill. Er ist wie ein vibrie­ren­der Sound­track für ein ent­spann­tes Wochen­en­de zu Hau­se, allein, zu zweit, ohne Mund­schutz und ohne Robert-Koch-Zahlen. Skep­ti­ker gegen­über allem Geschrie­be­nen wer­den trotz­dem fra­gen: Ist der Deep Blue nur gut oder schmeckt er auch? Die Ant­wort: her­vor­ra­gend.

Das Geheimnis: die Trauben und das lange Hefelager

Neu­gie­ri­ge wer­den wis­sen wol­len, was Tesch anders macht als ande­re Roséwin­zer. Schwer zu sagen. Da sind, ers­tens, die Spätburgunder-Trauben: zart­duf­tig, tief im Aro­ma. Tesch spricht von Erd­bee­ren und Him­bee­ren. Aber er ist nicht der ein­zi­ge in Deutsch­land, der aus Spät­bur­gun­der Roséwein macht. Zwei­tens: Tesch quetscht sei­ne Trau­ben nur an, nicht aus. Auch das tun, par­don, alle anspruchs­vol­len Roséwein-Produzenten. Drit­tens lässt Tesch die Mai­sche zwei bis vier Stun­den in der Pres­se, so dass die Far­be in den Most über­ge­hen kann. Ähn­lich machen es ande­re auch. Vier­tens lässt Tesch den Wein nach der Gärung 12 Mona­te auf der Hefe im Tank. Dadurch wird er cre­mig, wie die Fach­leu­te sagen, ähn­lich einem Cham­pa­gner. Erst danach wird er frei­ge­ge­ben. Ein der­art lan­ges Hefel­ager prak­ti­zie­ren aller­dings nur weni­ge. Jetzt, da über­all die 2019er Rosés ange­prie­sen wer­den, bringt Tesch erst sei­nen 2018er auf den Markt. So ein Auf­wand lohnt sich nur, wenn man einen beson­de­ren Wein hat, und den bekommt nur, wer sei­ne bes­ten Trau­ben für den Roséwein opfert – nicht für den Rot­wein.

Übri­gens: Tesch pro­du­ziert auch einen Rot­wein aus Spätburgunder-Trauben – ein  ordent­li­cher Wein für 8,90 Euro. Den Deep Blue kriegt man dafür aller­dings nicht.

2018 Deep Blue, Wein­gut Tesch

Preis: 10,90 Euro

Bezug : https://www.weingut-tesch.de/shop/deep-blue/

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create Das Produkt wurde uns zu Rezensionszwecken gestellt.

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