Kolumnen

Das reizende Burgundermädchen von nebenan

Justin Leone
Im Keller eines Münchner Sterne-Restaurants stößt Sommelier Justin Leone eines Tages zufällig auf eine hübsche, aber schüchterne Rothaarige aus der Bourgogne Rouge-Abteilung, die ihn gehörig ins Schleudern bringt. Eigentlich ist sie ihm zu jung. Eine komplizierte Romanze nimmt ihren Lauf …

Im Kel­ler eines Münch­ner Sterne-Restaurants stößt Som­me­lier Jus­tin Leo­ne eines Tages zufäl­lig auf eine hüb­sche, aber schüch­ter­ne Rot­haa­ri­ge aus der Bour­go­gne Rouge-Abteilung, die ihn gehö­rig ins Schleu­dern bringt. Eigent­lich ist sie ihm zu jung. Eine kom­pli­zier­te Roman­ze nimmt ihren Lauf …


Den eng­li­schen Ori­gi­nal­text gibt es auf Sei­te 3


Die Geschich­te einer heik­len Büro­schwär­me­rei Von Jus­tin G. Leo­ne | Über­set­zung: Kath­rin Noll

Ein Glas RotweinVer­mi­sche nie­mals Arbeit mit Ver­gnü­gen. Eine ein­fa­che Faust­re­gel, die, wenn sie miss­ach­tet wird, ange­hen­den Füh­rungs­kräf­ten die Kar­rie­re kos­ten, zur Auf­lö­sung gan­zer Unter­neh­men füh­ren und Fami­li­en ins Unglück stür­zen kann.

Genau die Art von Rat­schlag, die ich am liebs­ten igno­rie­re.

Ein­mal, an einem Tag wie jeder ande­re, stach mir eine hüb­sche Rot­haa­ri­ge ins Auge, als ich mich mal wie­der im Kel­ler abplag­te. Sie war mir schon im Büro auf­ge­fal­len. Da sie eher der stil­le, intro­ver­tier­te Typ ist, sind wir ein­an­der bis­lang noch nicht vor­ge­stellt wor­den. Sie gehört zu den bes­ten der Bour­go­gne Rouge-Abteilung – eine Kate­go­rie, der ich nor­ma­ler­wei­se nicht über­mä­ßig viel Auf­merk­sam­keit schen­ke, die mir aber nichts­des­to­trotz am Her­zen liegt. Um in die­sem Team zu arbei­ten, ist eine sehr eige­ne, oft etwas schrul­li­ge Per­sön­lich­keit von­nö­ten. An der Spit­ze die­ser Klas­se steht schie­re Bril­lanz, wenn auch uner­war­tet, wäh­rend selbst die Basis noch einen recht hoch­mü­ti­gen Geist auf­weist, um es böse und unver­blümt zu sagen. Cha­ris­ma muss warm, ein­la­dend und vor allem echt sein. So wie es etwa ein aus­län­di­scher Diplo­mat besitzt. Viel­leicht etwas über­schwäng­li­cher als die Logis­tik­ar­bei­ter auf Village-Ebene, die Lob­by­is­ten mit ihrer Geschäf­te­ma­che­rei in der Premier-Cru-Branche oder die Säu­len von iko­no­klas­ti­scher Kühn­heit, die die Grand-Cru-Elite bil­den.

Sie mach­te auf mich einen ruhi­gen, eher kon­ser­va­ti­ven Ein­druck. So als ste­cke sie häu­fig ihre Nase in Bücher, genie­ße schweig­sa­me Spa­zier­gän­ge an war­men Som­mer­aben­den durch die Nach­bar­schaft und – hof­fent­lich – hin und wie­der auch ein extra­va­gan­tes Abend­essen. Sie sieht bestimmt umwer­fend aus, wenn sie die Tür öff­net, in Scha­le geschmis­sen, auch wenn ihrem Kleid der Glanz eines Ori­gi­nals von Vera Wang feh­len mag und sie kei­ne schwar­zen High-Heels von Lou­bou­tin trägt. Sie ist das unauf­fäl­li­ge, beschei­de­ne Mäd­chen von neben­an, von dem ein heiß­blü­ti­ger, nor­ma­ler Kerl wie ich nur hof­fen kann, dass sich „hin­ter den ver­schlos­se­nen Türen“ eine uner­sätt­li­che Löwin ver­steckt.

2004 Cuvée du Pinson | Domaine PonsotWir stie­ßen zufäl­lig im Kel­ler zusam­men, als ich gera­de eine Fla­sche Cham­bol­le  holen woll­te. „2008“, brach­te ich her­vor. „Ich weiß wirk­lich nicht, was Leu­te dazu treibt, den Wein so jung zu trin­ken. Ein Schan­de!“ – „Tat­säch­lich?“ ent­geg­ne­te sie schnell, mit einem fra­gen­den, den­noch selbst­be­wuss­ten Blick. „Oh, ich bin mir sicher, dass er eini­ges zu bie­ten hat. Ich wür­de nicht zu vor­schnell urtei­len.“ – „Äh, also …“, stam­me­le ich, erstarrt von der Schnel­lig­keit ihrer schar­fen Erwi­de­rung. Und mit Erstau­nen beob­ach­te ich, wie mein tod­si­che­res, ers­tes Auf­schlags­ass quer über das Feld zurück­schießt, ent­flammt durch ihre glü­hen­de Rück­hand. „Ich glau­be … aber …er ist so … jung …“  – „Aha, Du bist also einer von die­sen Typen.“ Ich wer­de lang­sam panisch. Wo bin ich hier nur hin­ein­ge­ra­ten? Was meint sie mit „einer von die­sen Typen“? Soll ich beken­nen, dass ich Wei­ne nor­ma­ler­wei­se lie­ber ein biss­chen rei­fer mag, wor­aus sich rück­schlie­ßen lässt, dass ihr in die­ser Hin­sicht ein paar Jähr­chen feh­len? Oder soll ich mich von dem soeben Gesag­ten distan­zie­ren und zum Dep­pen machen? Ich ken­ne die­ses Mäd­chen ja nicht ein­mal!

Eines war sicher: Ich steck­te in der Klem­me, magisch ange­zo­gen von ihrer ruhi­gen, nüch­ter­nen Zurück­wei­sung. Ich nahm mir vor, die Sache wie­der ein­zu­ren­ken. „Hast Du irgend­wel­che Plä­ne für spä­ter? Ich mei­ne, ich muss jetzt los … mein Abend­dienst beginnt gleich. Aber wenn Du möch­test, kön­nen wir nach­her dort wei­ter machen, wo wir auf­ge­hört haben?“ Ich seuf­ze vor Erleich­te­rung, als sie dem Tref­fen zustimmt und ich genü­gend Zeit her­aus­ge­schla­gen habe, um mich wie­der zu sam­meln. „Ich bin übri­gens Jus­tin.“ – „Ich weiß“, ant­wor­tet sie mit ver­schäm­tem Grin­sen. „Pon­sot, aus der Bour­go­gne Rouge-Spitzenabteilung, Abschluss­klas­se von 2004.“

Unse­re ers­te Begeg­nung hin­ter­ließ einen ziem­lich nach­hal­ti­gen Ein­druck an mei­nem Gau­men. Nicht so warm und ein­la­dend, wie ich es mir erwar­tet hat­te. Nicht so reich, sam­tig und rot­fruch­tig, wie es das Äuße­re ver­mu­ten ließ. Etwas rau, ein wenig ätzend, besitzt sie eine sub­ti­le, aber unver­kenn­ba­re Wild­heit, etwas Ani­ma­li­sches. Anders gesagt: Die­se raue, unver­bo­ge­ne Art spricht unse­re Instink­te an, wäh­rend die per­fek­ten, geschnie­gel­ten und polier­ten Indus­trie­wei­ne, von denen wir im All­tag über­schwemmt wer­den, uns sel­ten tie­fer berüh­ren. Sicher, sie ist nicht so unver­blümt kess, viel­mehr sug­ge­riert sie lei­se, das etwas in die­ser Fla­sche dar­auf brennt, sei­ne Nägel in mei­nen Rücken zu gra­ben. Und ich neh­me natür­lich – mehr als glück­lich – mei­ne Rol­le in die­sem Katz-und-Maus-Spiel an. Ihr man­gelt es zwei­fel­los nicht an Selbst­ver­trau­en, trotz der ihr ange­bo­re­nen Beschei­den­heit. Sie weiß genau, wer sie ist und hat nicht ver­ges­sen, wo sie her­kommt. Ihr Akzent ist unmiss­ver­ständ­lich Fran­zö­sisch, ohne spe­zi­fi­schen Dia­lekt zwar, aber etwas schwe­rer im Mund, eine eher nörd­li­che Her­kunft andeu­tend.

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