Das Leben geht weiter, nur langsamer: Jetzt den eigenen Weinkeller plündern!

Nicht nur Klopapier erlebt einen Boom. Auch Wein wird offenbar in der häuslichen Isolation mehr getrunken als in der Vor-Corona-Zeit. Die einen lassen ihn sich kistenweise vor die Tür liefern, andere plündern ihre Vorräte. Jens Priewe gehört zu letzteren.

Angst zu ver­durs­ten habe ich nicht. In mei­nem Kel­ler ist genug Wein für zwei Leben. Da ich ein höchst undis­zi­pli­nier­ter Käu­fer, aber ein dis­zi­pli­nier­ter Trin­ker bin, sind vie­le Fla­schen noch unbe­rührt, die ich vor fünf, 10, 20 oder mehr Jah­ren erwor­ben habe. Man­che Wei­ne blü­hen jetzt erst rich­tig auf, ande­re sind, lei­der, für den mensch­li­chen Genuss nicht mehr geeig­net. Ärger­lich? Sehe ich anders. Ein Kel­ler, in dem Wei­ne lie­gen, die für eine län­ge­re Rei­fe kon­zi­piert sind, sind für mich eine Art Archiv, durch das ich über­prü­fen kann, ob und wie alt Wei­ne wer­den kön­nen und wie sie schme­cken. Ent­täu­schun­gen sind da unver­meid­lich, die­nen aber der Wahr­heits­fin­dung, und die ist wich­ti­ger als die Vor­aus­sa­gen zur opti­ma­len Trink­rei­fe, wie sie Win­zer, Händ­ler und Wein­kri­ti­ker regel­mä­ßig machen. Sie sind für mich so vali­de wie Horo­sko­pe.

Nicht alle lieben gereifte Weine, aber immer mehr

Okay, vie­le inter­es­siert das The­ma gar nicht, weil sie sowie­so alles gleich weg­trin­ken, was sie kau­fen. Ande­re mögen gar kei­ne gereif­ten Wei­ne oder haben kei­nen geeig­ne­ten Kel­ler. Auf der ande­ren Sei­te gibt es aber mehr und mehr Men­schen, die begon­nen haben, eine Vor­rats­hal­tung an Wein zu betrei­ben. Sie haben begrif­fen, dass sie sonst nie erfah­ren wer­den, wie die bes­ten Wei­ne, die unser Pla­net her­vor­bringt, schme­cken kön­nen, wenn man ihnen Zeit läßt. Die­se jung und damit unfer­tig zu trin­ken, ist – genau genom­men – raus­ge­schmis­se­nes Geld. Jetzt, da die Mensch­heit gezwun­gen ist, sich in die Iso­la­ti­on zurück­zu­zie­hen und einen Gang her­un­ter­zu­schal­ten, ist ein guter Zeit­punkt, um mal wie­der in den Kel­ler zu stei­gen und nach ein paar gereif­ten Wei­nen Aus­schau zu hal­ten. Im Fol­gen­den beschrei­be ich acht aus­ge­wähl­te Wei­ne, die ich im Monat März getrun­ken habe, um zu sehen, wie sie sich ent­wi­ckelt haben. Mir ist klar, dass es die­se Wei­ne nicht mehr zu kau­fen gibt (aus­ser viel­leicht bei Wein­auk­tio­nen).  Trotz­dem geben die Zustands­be­schrei­bun­gen Anhalts­punk­te dafür, ob und wie lan­ge man die­se Wei­ne, wenn man sie jung kauft, auf­be­wah­ren kann.

 

1999 Frühburgunder „R“, Weingut Rudolf Fürst (Franken)

Gro­ße Momen­te kom­men ohne Vor­ankün­di­gung. Wenig bis nichts hat­te ich erwar­tet, als ich die­se Fla­sche auf­mach­te: einen blass­ro­ten, aus­ge­trock­ne­ten Wein, der viel­leicht ganz nett duf­tet, ansons­ten aber gezehrt ist mehr oder min­der unbe­merkt hin­ter den Papil­len ver­si­ckert. Und dann das: leuch­ten­des Gra­nat­rot, herr­li­cher Duft, sym­pho­ni­sche Fül­le. Sel­ten habe ich einen deut­schen Bur­gun­der getrun­ken, der nach über 20 Jah­ren noch wie eine Eins im Glas steht und sich dabei so fein prä­sen­tiert wie die­ser Früh­bur­gun­der aus dem frän­ki­schen Bürg­stadt. Müss­te ich ihn beschrei­ben, wür­de ich sagen: Pfläum­chen mit Erd­beer­kon­fi­tü­re und Rote Bete in der Nase, am Gau­men zimt­i­ge Süße, Rauch­schin­ken und ein Hauch von frisch gerie­be­ner Mus­kat­nuss. Ein in sich ruhen­der Wein, der wie Samt über die Zun­ge läuft, unheim­lich viel Esprit hat und immer noch rela­tiv frisch ist. Paul Fürst, der Win­zer, ist ein Pio­nier des Spät­bur­gun­ders in Deutsch­lands (Früh­bur­gun­der ist eine Muta­ti­on des Spät­bur­gun­ders). Aus sei­nen Wein­ber­gen kom­men eini­ge der abso­lu­ten Top­wei­ne aus die­ser Sor­te. Der „R“ ist neben dem Gros­sen Gewächs vom Hunds­rück das Spit­zen­pro­dukt sei­ner Burgunder-Palette. Es stammt aus dem Cen­tra­fen­berg, kam aber damals ohne Lagen­be­zeich­nung auf den Markt (dafür als „Aus­le­se“). 1999 war ein mit­tel­mä­ßi­ger Riesling-, aber ein her­vor­ra­gen­der Burgunder-Jahrgang, wovon die­ser Früh­bur­gun­der Zeug­nis ablegt. Lei­der dürf­te er inzwi­schen aus­ge­trun­ken sein. Er zeigt aber, dass die bes­ten Wei­ne die­ser Sor­te erst nach einem Jahr­zehnt oder zwei­en ihr gan­zes Poten­ti­al abru­fen: für Paul Fürst und sei­nen Sohn Sebas­ti­an wahr­schein­lich kei­ne Über­ra­schung. Mein Kol­le­ge Max Gerstl aus der Schweiz hat­te vor eini­gen Jah­ren bei den Fürsts einen 1990er „R“ getrun­ken, der eben­falls per­fekt war und der sich, wie Max sag­te, als „qua­li­ta­tiv auf Augen­hö­he mit einem abso­lu­ten Top­wein aus dem Bur­gund“ prä­sen­tier­te. Die­ser Wein, ein Zufalls­fund aus dem eige­nen Kel­ler, war für mich der bes­te Wein im Monat März. Übri­gens: Die neu­en Jahr­gän­ge lie­gen preis­lich zwi­schen 60 und 70 Euro.

Bewer­tung: ✰✰✰
Bezug: www.geiselsweingalerie.de, www.karl-kerler.de, www.weinrefugium.de,   www.gerstl.ch

 

 

2007 Barolo „Cerequio“, Roberto Voerzio (Piemont)

Baro­lo gilt als gros­ser Wein. Aber längst nicht alles, was die­sen Namen auf dem Eti­kett trägt, macht dem Namen Ehre. Die­ser schon: ein fein­duf­ti­ger, ele­gan­ter, sau­ber gereif­ter Wein mit viel Cha­rak­ter, den ich, da ich kein Kel­ler­buch füh­re, per Zufall in mei­nen Wein­re­ga­len gefun­den habe. Kein Gewalt-Barolo, der das Glas sprengt, son­dern ein sehr geord­ne­ter Wein, der trotz des hei­ßen Jah­res 1997 Fri­sche und Frucht besitzt und ohne süße Port­wein­no­ten, ohne Teer­stich und ohne moo­si­ge Wür­ze aus­kommt, wie sie so vie­le tra­di­tio­nel­le Baro­lo zei­gen. Cere­quio wäre, gäbe es eine Klas­si­fi­ka­ti­on im Pie­mont, sicher­lich ein Grand Cru, der zwar nicht die schwers­ten, aber sehr fei­ne Wei­ne von dis­zi­pli­nier­ter Fül­le her­vor­bringt. Rober­to Voer­zio, der Win­zer, ist bekannt für extre­me Ertrags­re­du­zie­run­gen (was dazu führt, dass sei­ne Baro­lo stets zu den teu­ers­ten des Gebiets gehö­ren), für eine skru­pu­lö­se Selek­ti­on, wobei er bei der Lese nie in die Über­rei­fe geht. Säu­re und Fri­sche sind ihm wich­tig,  und wenn das Tan­nin anfäng­lich hart ist, so ver­schmilzt es im Lau­fe der Jah­re mit dem Wein, wie der 2007er zeigt. Die­ser Jahr­gang ist nicht mehr auf dem Markt. Der 2016er, der der­zeit jüngs­te Jahr­gang, kos­tet knapp 300 Euro.

Bewer­tung: ✰✰✰
Bezug: www.gute-weine.de, www.moevenpick-wein.com, www.boucherville.ch

 

2001 Brunello di Montalcino Riserva, Eredi Fuligni

An die­sen Bru­nel­lo hat­te ich hohe Erwar­tun­gen. Sie wur­den nur teil­wei­se erfüllt. Der Wein ist stark von ter­tiä­ren Aro­men geprägt wie Leder, Malz, Cham­pi­gnons. Das ist nicht nega­tiv, aber es fehlt ihm jetzt, nach fast 20 Jah­ren, jeg­li­che Fri­sche. Das ist scha­de und trübt den Genuß ein wenig. Außer­dem ist der Wein mono­the­ma­tisch: ein zwar ein­drucks­vol­ler Kör­per mit viel Tan­nin, das lang­sam mür­be wird, es feh­len aber die Facet­ten. Und es fehlt die Säu­re. Der Wein ist nicht oxi­diert, weist jedoch wenig Span­nung auf: eine klei­ne Ent­täu­schung für eine Riser­va aus einem ganz, ganz gro­ßem Jahr­gang. Er zeigt, dass die Rede von der außer­ge­wöhn­li­chen Lang­le­big­keit der Bru­nel­lo di Mon­tal­ci­no eine Mär ist. Eine gute Chi­an­ti Clas­si­co Riser­va von Fon­do­di, Rie­ci­ne, Pog­gio al Sole, Ama, prä­sen­tiert sich nach 20 Jah­ren heu­te ungleich fri­scher und facet­ten­rei­cher als vie­le Wei­ne aus Mon­tal­ci­no. Zur Ehren­ret­tung von Fuli­gni, einem klei­nen, äußerst seriö­sen Erzeu­ger, muss ich hin­zu­fü­gen, dass sei­ne Wei­ne heu­te wesent­lich bes­ser sind. Jung kos­tet die Fuligni-Riserva rund 100 Euro.

Bewer­tung: ✰✰
Bezug: www.superiore.de, www.terravigna.ch, www.hischierweine.ch

 

2005 Prova di Botte, Passopiscaro

Die­se Fla­sche fand ich in einem Sta­pel süd­ita­lie­ni­scher Wei­ne ver­schie­de­ner Her­künf­te im hin­ters­ten Win­kel mei­nes Kel­lers. Dort hor­te ich Ein­zel­fla­schen, die mir Win­zer zu Ver­kos­tungs­zwe­cken zuge­schickt haben. Ich erkann­te die Fla­sche trotz des pro­vi­so­ri­schen Eti­ketts (Pro­va di Bot­te bedeu­tet Fass­pro­be) sofort: Es war der Passo­pi­sci­a­ro aus dem gleich­na­mi­gen Wein­gut vom Ätna. Andrea Fran­chet­ti, der Win­zer, hat­te sie mir irgend­wann ein­mal zur Ver­fü­gung gestellt mit der Bit­te um Bewer­tung. Ich hof­fe, die­ser Bit­te damals ent­spro­chen zu haben, und ich hof­fe noch mehr, dass die Bewer­tung sich mit mei­ner heu­ti­gen deckt. Sonst hät­te ich mich ziem­lich bla­miert. Der 2005er gilt heu­te als ein legen­dä­rer Wein, von dem vie­le Wein­ken­ner sagen, dass er ihnen die Augen geöff­net habe, was das Poten­zi­al des Ätna angeht. Ich bin nicht sicher, ob ich das Pro­ten­zi­al im jun­gen Sta­di­um erkannt hät­te. Es jetzt zu erken­nen, ist es nicht schwer: ein gran­dio­ser Wein, der mit sei­ner rau­chi­gen Mine­ra­li­tät und der Süße sei­ner rei­fen Frucht schon beim ers­ten Schluck Begeis­te­rung her­vor­ruft. Hoch­kom­plex, aber vom Tan­nin sicher zusam­men­ge­hal­ten, kommt er ganz ohne die meridional-marmeladigen Töne aus, die mich häu­fig an sizi­lia­ni­schen Wei­nen stö­ren, auch bei sol­chen vom Ätna. Die­sen Wein zehn und mehr Jah­re „ver­ges­sen“ zu haben, ist ein Glück. Jetzt zeigt er, wie viel Feu­er in ihm steckt. Natür­lich ist der Wein nicht mehr erhält­lich. Heu­te kos­tet der Passo­pi­sci­a­ro um die 28 Euro. Doch ist er nicht mehr der­sel­be Wein wie damals, son­dern eher ein Art Zweit­wein. Andrea Fran­chet­ti erzeugt inzwi­schen fünf Lagen­wei­ne. In sie gehen sei­ne bes­ten Nerello-Trauben ein – wie damals in den Passo­pi­sci­a­ro. Die­se Lagen­wei­ne kos­ten zwi­schen 45 und 60 Euro.

Bewer­tung: ✰✰✰
Bezug: http://lieblings-weine.de, www.weinhandel-italien.de,  https://weinhandelshaus.at, https://perenzinvino.ch,

 

2018 Chardonnay-Viognier, Domaine Auzias

Zu den Wei­nen, die ich pri­vat gekauft habe und lage­re, kom­men noch Mus­ter­wei­ne hin­zu, die mir Händ­ler zur Ver­fü­gung stel­len. Dabei han­delt es sich meist um nor­mal­prei­si­ge Wei­ne. Sie müs­sen nicht rei­fen, son­dern sind zum sofor­ti­gen Genuß gedacht. Über die meis­ten die­ser Wei­ne lohnt es sich nicht, gro­ße Wor­te zu ver­lie­ren. Sie sind gut, aber aus­tausch­bar. Da ich nach Wei­nen mit Cha­rak­ter suche, fal­len sie bei mir meist durchs Ras­ter. Aber es gibt Aus­nah­men. Eine Aus­nah­me kommt aus dem Süden Frank­reichs, genau­er gesagt: von den Hügeln um die Stadt Car­cas­son­ne. Es han­delt sich um einen Weiß­wein aus Char­don­nay und Vio­gnier. Er wur­de im Stahl­tank aus­ge­baut, ist aber so weich und rund, als hät­te er im Holz gele­gen. Ein sau­be­rer, kla­rer, äußerst wohl­schme­cken­der Wein, der nicht belie­big aus­tausch­bar ist. Er lässt erken­nen, dass die Trau­ben im mil­den Kli­ma des Langue­doc gereift sind. Die Char­don­nay lie­fert Fri­sche und Frucht, die Vio­gnier den Kör­per. Nach den vie­len Alt­wei­nen, die ich im März getrun­ken habe und die teil­wei­se phan­tas­ti­sche Erleb­nis­se boten, aber auch höchs­te Kon­zen­tra­ti­on erfor­der­ten, ist die­ser Wein herr­lich unan­stren­gend. Man genießt mit ihm den Moment – nicht schlecht in schwie­ri­gen Zei­ten. Und wenn man den Moment wie­der­ho­len will, köpft man die nächs­te Fla­sche. Der Preis macht’s mög­lich (5,95 Euro). Die Tes­ter des Gui­de Hachet­te, des maß­geb­li­chen fran­zö­si­schen Wein­füh­rers, haben die­sem Wein der der Domai­ne Auzi­as über­ra­schend zwei Ster­ne (von maxi­mal drei­en) zuge­spro­chen, was bei Wei­nen die­ser Preis­klas­se sonst nie vor­kommt.

Bewer­tung: ✰

Bezug: www.vandermeulen-wein.de

 

1989 Niersteiner Brudersberg Riesling Spätlese, Heyl zu Herrnsheim

Die­ser Wein war mal Legen­de. Ohne Über­trei­bung kann man sagen: einer der abso­lut bes­ten Ries­lin­ge Deutsch­lands. Es war die Zeit, als Nier­stein noch für Gutes Dom­tal stand, als Johan­nes Has­sel­bach, Caro­lin Gil­lot, Lisa Bunn, Kai Schät­zel und die ande­ren Mata­do­re vom Roten Hang noch Klein­kin­der waren. Es war die letz­te Fla­sche, die ich von die­sem Wein mit dem berühm­ten Eti­kett des blau­en Mön­ches noch besaß: eine per­fekt gereif­te, inzwi­schen fast tro­cke­ne Spät­le­se ohne jeg­li­che Fir­ne, die gut und ger­ne noch wei­te­re zehn Jah­re auf der Fla­sche wei­ter rei­fen könn­te. Sie kommt aus einer stei­len Süd­la­ge mit rotem Schie­fer, die zwi­schen Pet­ten­thal und Hip­ping liegt, aller­dings sehr viel klei­ner ist als die­se Renom­mier­la­gen. Der Bru­ders­berg befand (und befin­det) sich im Allein­be­sitz des Wein­guts Heyl zu Herrns­heim, das 1997 ver­kauft wur­de. 2006 pach­te dann das Nier­stei­ner Wein­gut St. Ant­o­ny die Heyl’schen Reb­flä­chen vom neu­en Besit­zer und ließ den Bru­ders­berg unter dem alten Wein­guts­na­men Heyl zu Herrns­heim wie­der auf­le­ben. Der Bru­ders­berg war immer der bes­te und teu­ers­te Ries­ling vom Roten Hang. Der frü­he­re FAZ-Redakteur Horst Dohm sprach in sei­nem 1985 erschie­ne­nen Buch „Wein­gü­ter in Deutsch­land“ von der „ver­mut­lich bes­ten Lage Nier­steins“, und wenn man den 1989er heu­te ver­kos­tet, ver­steht man war­um: ein üppi­ger, aber nicht über­la­de­ner Ries­ling mit exo­ti­schen Kumquat-Noten und einer immer noch fre­chen Säu­re, dazu schmau­chi­ger Flint­stein und – par­don – ein himmlisch-zarter Petrol­ton. Ich glau­be aller­dings, dass die Begeis­te­rung über so einen Wein ohne Pri­mär­aro­men sich bei den heu­ti­gen Riesling-Liebhabern in engen Gren­zen hiel­te. Und auch ich habe den Wein nicht gekauft, um erst nach drei Jahr­zehn­ten zu trin­ken. Frü­her, als von einem Riesling-Hype in Deutsch­land noch nichts zu spü­ren war, bin ich jedes Jahr nach Nier­stein gefah­ren, um mir einen Kar­ton Bru­ders­berg bei Peter von Wey­marn, dem dama­li­gen Besit­zer, abzu­ho­len. Der Astro-Physiker, der sechs Jah­re lang Prä­si­dent des VDP (1972-1978) und einer der moder­nen Pio­nie­re des biologisch-dynamischen Wein­baus war, hat das Wein­gut 1997 ver­kauft. Sei­ne Kin­der hat­ten kein Inter­es­se es wei­ter­zu­füh­ren. Der heu­ti­ge Bru­ders­berg, bei St. Ant­o­ny vini­fi­ziert, kommt als Gro­ßes Gewächs auf den Markt (ca. 30 Euro), ist aber von der Klas­se der frü­he­ren Wei­ne weit ent­fernt.

Bewer­tung: ✰✰✰

Bezug: www.heyl-zu-herrnsheim.de

 

 

1986 Chardonnay Gaia&Rey, Gaja

Ita­li­en ist nicht reich an bedeu­ten­den Weiß­wei­nen. Gajas Char­don­nay Gaia&Rey gehört zu den weni­gen Aus­nah­men. Nicht jeder wird die­sen im bur­gun­di­schen Stil erzeug­ten Wein mögen. Ich lie­be ihn, leis­te ihn mir aller­dings auch nur ein­mal oder zwei­mal im Jahr. Er ist näm­lich nicht ganz bil­lig (ca. 190 Euro), und wer ihn jung trinkt, ver­brennt sein Geld. Wer ihn dage­gen zehn oder 15 Jah­re lie­gen lässt, bekommt einen Gegen­wert: tropisch-röstig in der Nase mit vie­len Facet­ten, die von Gelee­frucht über Wald­ho­nig bis zu Salz­ka­ra­mell rei­chen. Die Jahr­gän­ge 2008, 2001, 1999  habe ich noch in bes­ter Erin­ne­rung. Und 1986? Ein leich­ter Firne­film liegt über dem Wein. Zehn Jah­re eher getrun­ken wäre ganz klar bes­ser gewe­sen.

Bewer­tung: ✰✰
Bezug: www.genuss7.de, www.sansibar.de, www.vinorama.at, www.globus.ch

 

2010 Felseneck Riesling Grosses Gewächs, Schäfer-Fröhlich

So lang­sam wird es Zeit, an die GG-Vorräte zu gehen, die in den letz­ten Jah­ren ange­legt wur­den. Dach­te ich, und mach­te die­sen 2010er auf, der zu den am höchs­ten bewer­te­ten Ries­lin­gen des Jahr­gangs gehört. Ich habe es nicht bereut. Schäfer-Fröhlichs Fel­sen­eck beginnt sich lang­sam zu öff­nen und zeigt jetzt, welch genia­ler Wein er ist. Die Reduk­ti­ons­no­ten, die die Wei­ne die­ses Gutes in den ers­ten Jah­ren immer prä­gen, sind weit­ge­hend ver­schwun­den. Statt­des­sen kommt jetzt die spek­ta­ku­lä­re mine­ra­li­sche Wür­ze der Blau­schie­fer­la­ge zum Vor­schein: Gra­nit­staub, Feu­er­stein, Schwarz­pul­ver, Fleur de Sel, das Gan­ze aber ein­ge­bet­tet in saf­ti­ge Frucht und durch­zo­gen von einer fre­chen Säu­re. Ein dra­ma­ti­scher Wein, der jetzt die ers­te Evo­lu­ti­ons­stu­fe erreicht und – erfreu­li­che Nach­richt – sei­ne Fri­sche nicht ver­lo­ren hat. Die­ser Ries­ling ist ein­zig­ar­tig ist auf der Welt. Jeder, der sich für Ries­ling inter­es­siert, soll­te ihn wenigs­tens ein­mal getrun­ken haben – aber bit­te gereift und, wie ich fin­de, dekan­tiert. Man braucht gar kein tol­les Essen dazu. Ein Kan­ten Grau­brot und ein gereif­ter Camem­bert, das reicht.

Bewer­tung: ✰✰✰

Bezug: www.grubis-weine.de, www.schreiblehner.com, www.pinard.de, www.martel.ch

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3 Kommentare

  • Lie­ber Herr Priewe,
    herz­li­chen Dank für Ihre hori­zont­er­wei­tern­den Ver­kos­tungs­no­ti­zen, die ich immer mit gro­ßem Ver­gnü­gen lese. Eine Fra­ge hät­te ich jedoch. Haben Sie tat­säch­lich den 1997er und nicht den 2007er Baro­lo „Cere­quio“ ver­kos­tet? Laut der Über­schift und der Abbil­dung geht es um einen 2007er.
    Vino­phi­le Grü­ße
    Vasi­ly Skvorts­ov

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