Da schau her: Christmann, Rebholz, Wittman & Co. bei Lidl

VDP-Weine bei Lidl
VDP-Weine bei Lidl
Mehrere renommierte VDP-Güter finden sich in der „Heimische Weine“-Aktion von Lidl wieder – unter anderem ein Großes Gewächs. Die meisten wussten nichts von der Aktion und sind jetzt ziemlich schockiert. Patrick Hemminger hat recherchiert.

Der News­let­ter, den Lidl letz­te Woche an sei­ne Wein­kun­den ver­schick­te, war über­schrie­ben mit den Wor­ten „Hei­mi­sche Wei­ne“. Zehn Gewäch­se aus Deutsch­land hat­te der Dis­coun­ter im Ange­bot sei­nes Wein-Onlineshops, eini­ge mit minus 23 bzw. minus 17 Pro­zent gegen­über Nor­mal­preis.

Das Beson­de­re an der Offer­te war aller­dings nicht der Preis, son­dern die Tat­sa­che, dass sie­ben der zehn Wei­ne von VDP-Gütern stam­men – einer sogar von des­sen Prä­si­dent Stef­fen Christ­mann aus der Pfalz.

Jahrelang war der VDP gegen die Vermarktung auf der Billigschiene

Stef­fen Christ­mannDa­bei war es eben die­ser Ver­band Deut­scher Prä­di­kats­wein­gü­ter, der sei­ne Mit­glie­der jah­re­lang gewarnt hat­te, sich mit Dis­coun­tern und Super­märk­ten ein­zu­las­sen. Denn der VDP kämpft seit Jah­ren um ange­mes­se­ne, sprich: höhe­re Prei­se für qua­li­ta­tiv her­aus­ra­gen­de Wei­ne und gegen die Ver­mark­tung über die Bil­lig­schie­ne. Und jetzt: Christ­manns Ries­ling Guts­wein sowie sein Gro­ßes Gewächs vom Rei­ter­pfad auf der Abver­kaufs­flä­che des zweit­größ­ten deut­schen Hart-Discounters. Dane­ben ein 2014er Gro­ßes Gewächs von Phil­ipp Witt­mann, Prä­si­di­ums­mit­glied des VDP sowie Vor­sit­zen­der des Regio­nal­ver­ban­des Rhein­hes­sen. Und, um das Fass voll zu machen, sie­ben Wei­ne aus dem Sie­bel­din­ger Wein­gut Öko­no­mie­rat Reb­holz, des­sen Inha­ber eben­falls Regio­nal­vor­sit­zen­der des VDP Pfalz ist. Drei füh­ren­de Köp­fe des VDP auf Abwe­gen?

Wittmann fällt aus allen Wolken

„Ein Wein von mir bei Lidl? Davon ist mir nichts bekannt“, sagt Phil­ipp Witt­mann auf Nach­fra­ge von weinkenner.de. „Das letz­te, was ich möch­te, ist, dass mein Wein bei Lidl im Regal steht.“ Ein Kon­troll­an­ruf bei sei­nen bei­den Kol­le­gen ergibt, dass kei­ner etwas von der Lidl-Aktion gewusst hat. Der Dis­coun­ter hat sich die Wei­ne bei ande­ren Händ­lern besorgt und ohne Wis­sen der Win­zer ins Ange­bot genom­men.

Witt­mann brauch­te nicht lan­ge, um her­aus­zu­fin­den, wel­cher Händ­ler die VDP-Weine gelie­fert hat. Es han­delt sich um Vina­tu­rel, einen auf hoch­wer­ti­ge bio­lo­gi­sche und bio­dy­na­mi­sche Wei­ne spe­zia­li­sier­ten Fach­händ­ler aus Berg am Starn­ber­ger See. Die Fir­ma belie­fert vie­le Sterne-Restaurants in Deutsch­lands, unter ande­rem das Mün­che­ner Tan­tris. Vina­tu­rel hat die meis­ten der Lidl-Angebotsweine in sei­nem Sor­ti­ment. Vinaturel-Geschäftsführer Jür­gen Fran­ke gibt zu: „Wir haben in der Tat acht Posi­tio­nen an Lidl gelie­fert.“

Schon immer landete VDP-Wein bei Discountern

Philipp Wittmann
Phil­ipp Witt­mann

Sicher: Eine Zei­ten­wen­de ist das nicht. Seit lan­gem schon lie­fern VDP-Weingüter ein­zel­ne Wei­ne aus ihrem Sor­ti­ment an Super­märk­te und Dis­coun­ter. Nutz­nie­ßer: Ede­ka, Net­to, Aldi & Co, die damit ihr Image auf­po­lie­ren. Vor allem grö­ße­re oder wirt­schaft­lich schwä­cheln­de Wein­gü­ter kön­nen sich die­sem Ver­triebs­weg nicht ver­schlie­ßen (über den in Deutsch­land bereits über 60 Pro­zent allen Weins ver­kauft wird). Bei­spie­le: Hes­si­sche Staats­wein­gü­ter, S.A. Prüm von der Mosel und Baron von Kny­hau­sen im Rhein­gau. Bis jetzt hat die Mar­ke VDP dadurch kei­nen Scha­den genom­men – aller­dings weil die Men­gen zu gering sind, um die Prei­se drü­cken zu kön­nen.

Auch ein Win­zer wie Witt­man kann sei­ne Pro­duk­ti­on (150.000 Fla­schen jähr­lich) nicht aus­schließ­lich ab Kel­ler­tür ver­mark­ten. Er braucht Wie­der­ver­käu­fer wie Vina­tu­rel und ande­re Fach­händ­ler – aber kei­ne Dis­coun­ter. Was Witt­mann und sei­ne VDP-Kollegen so in Rage bringt ist, dass der Deal zwi­schen Vina­tu­rel an Lidl ohne ihr Wis­sen und ohne ihre Bil­li­gung zustan­de kam.

Die gelieferten Mengen waren gering

Dar­an ändert auch nichts, dass die Men­ge, die im Fal­le der „Hei­mi­sche Weine“-Aktion an Lidl ging, ver­mut­lich gering gewe­sen sein dürf­te. Vom Wein­gut Karl Erbes an der Mosel – kein VDP-Betrieb – hat Lidl im Rah­men der „Hei­mi­sche Weine“-Aktion gera­de mal 200 Fla­schen lieb­li­che Spät­le­se aus dem Ürzi­ger Würz­gar­ten bezo­gen. Neue Kund­schaft in gro­ßem Sti­le kann der Dis­coun­ter damit nicht gene­rie­ren.

Schnäppchen hat Lidl nicht parat

Hansjörg Rebholz
Hans­jörg Reb­holz

Apro­pos Prei­se: Die Auf­ma­chung der Lidl-Werbung lässt Schnäpp­chen ver­mu­ten. Die Recher­che beweist das Gegen­teil. Die meis­ten Wei­ne sind zu sehr ähn­li­chen oder sogar nied­ri­ge­ren Prei­sen bei den Win­zern sel­ber oder im Fach­han­del zu bekom­men als beim Dis­coun­ter. Und der Rosé von Öko­no­mie­rat Reb­holz dürf­te nicht mehr der kna­ckigs­te Wein im Glas sein – ein Laden­hü­ter aus dem Jahr­gang 2013. Der unten­ste­hen­de Ver­gleich zeigt, dass der Wer­be­slo­gan „Lidl lohnt sich“ zumin­dest beim Wein durch die bei­den Wor­te „nicht immer“ ergänzt wer­den muss.


2015 Wei­ßer Bur­gun­der Guts­wein, Rap­pen­hof (Rhein­hes­sen)
Lidl: 4,99 Euro            Fach­han­del: 4,99 Euro

2012 Caber­net Sau­vi­gnon, Schloß Schön­born (Rhein­gau)
Lidl: 6,49 Euro            Fach­han­del: 8,60 Euro

2014  Ries­ling Kabi­nett, Baron Kny­p­hau­sen (Rhein­gau)
Lidl: 8,99 Euro            Fach­han­del: 11,50 Euro

2014 Ries­ling Spät­le­se „Alte Reben“ Ürzi­ger Würz­gar­ten, Karl Erbes (Mosel)
Lidl: 8,99 Euro            Wein­gut: 9 Euro

2014 Kirch­spiel Ries­ling „Gro­ßes Gewächs“, Witt­mann (Rhein­hes­sen)
Lidl: 44,99 Euro            Fach­han­del: 39,80 Euro

2014 Mari­en­burg Ries­ling Kabi­nett Gros­se Lage, Cle­mens Busch (Mosel)
Lidl: 14,99 Euro            Fach­han­del: 13,80 Euro

2013 Spät­bur­gun­der Rosé tro­cken, Öko­no­mie­rat Reb­holz (Pfalz)
Lidl: 12,99 Euro            Fach­han­del: 10,50 Euro

2014 Sulz­fel­der Sil­va­ner tro­cken, Zehn­t­hof Luckert (Fran­ken)
Lidl: 11,49 Euro            Fach­han­del: 9,50 Euro

2015 Ries­ling Guts­wein, Christ­mann (Pfalz)
Lidl: 11,49 Euro                Fach­han­del: 10,90 Euro

2014 Ries­ling Sekt Brut, And­res & Mug­ler (Pfalz)
Lidl: 11,99 Euro            Fach­han­del: 11,99 Euro


Gelassenheit in der VDP-Zentrale

In der VDP-Zentrale in Mainz nimmt man das Lidl-Angebot eher gelas­sen. Geschäfts­füh­re­rin Hil­ke Nagel ist nicht ganz so ent­setzt wie die Win­zer. „Mit der zuneh­men­den Bekannt­heit des VDP stei­gen eben auch die Begehr­lich­kei­ten, unse­re Wei­ne zu ver­mark­ten“, sagt sie. „Und so lan­ge der Preis stimmt und unse­re Pro­duk­te nicht unter Wert ver­kauft wer­den, ist das nicht so schlimm. Der Wein­han­del ver­än­dert sich, der Fach­han­del ver­liert immer mehr an Bedeu­tung. Die Fra­ge ist, wie wir damit umge­hen.“

Für Witt­mann sind die Kon­se­quen­zen aus dem Vor­fall klar: „Ich kann mit jeman­dem, der sol­che Sachen macht, nicht mehr zusam­men­ar­bei­ten.“

1 Kommentar

  • VDP.STELLUNGNAHME | Dis­tri­bu­ti­on deut­scher Spit­zen­wei­ne.

    Die Wein­welt ist im Wan­del, die Dis­tri­bu­ti­ons­ka­nä­le wer­den viel­fäl­ti­ger und die Her­aus­for­de­run­gen immer grö­ßer. Der VDP ist ein gewich­ti­ger Teil der Deut­schen Wein­welt und beschäf­tigt sich selbst­ver­ständ­lich nach­hal­tig mit die­sem Wan­del. Für gro­ße Auf­re­gung sorg­te in den letz­ten Tagen die Tat­sa­che, dass Wei­ne einer Rei­he renom­mier­ter Wein­gü­ter im Online­shop eines der größ­ten deut­schen Dis­coun­ter auf­tauch­ten – erstaun­li­cher­wei­se zu höhe­ren Prei­sen als im Fach­han­del und in kleins­ten Men­gen. Wie sich her­aus­stell­te, wur­de der Wein nicht direkt von den Wein­gü­tern an den Dis­coun­ter gelie­fert, son­dern über einen Händ­ler ohne Rück­spra­che mit den Wein­gü­tern. So etwas kann und wird ganz sicher immer wie­der pas­sie­ren. Kein Wein­er­zeu­ger ist in der Lage die Dis­tri­bu­ti­ons­we­ge sei­ner Pro­duk­te lücken­los zu über­wa­chen.

    Die ent­schei­den­den Fra­gen, die es zu beant­wor­ten gilt, sind fol­gen­de: Wie ent­wi­ckeln sich die Ver­kaufs­stät­ten zukünf­tig? Wel­che Rol­le spielt der Fach­han­del und wie kann er sich gegen­über den immer stär­ker wer­den­den Mit­be­wer­bern im LEH, im Dis­count und nicht zuletzt im Inter­net behaup­ten? Wir im VDP beschäf­ti­gen uns inten­siv mit die­sen Fra­gen, denn es sind eben auch die Fra­gen unse­rer Part­ner in den vie­len unter­schied­li­chen Ver­kaufs­stät­ten, wie in der Gas­tro­no­mie und auch im Fach­han­del mit denen wir seit Jah­ren ver­trau­ens­voll zusam­men­ar­bei­ten und auch in Zukunft ver­trau­ens­voll zusam­men­ar­bei­ten wol­len und wer­den.

    Spit­zen­wei­ne – gera­de aus unse­ren VDP.GROSSEN LAGEN – brau­chen ver­trau­ens­vol­le und ver­stän­di­ge Part­ner in der Dis­tri­bu­ti­on. Ver­ständ­nis für unse­re Pro­duk­te und ein hohes Maß an Iden­ti­fi­ka­ti­on sind wich­ti­ger denn je, um gemein­sam den Deut­schen Spit­zen­wein im Han­del die Flä­che zu geben, die er ver­dient.
    Dies noch ein­mal klar­zu­stel­len erach­te­ten wir als not­wen­dig, um sämt­li­che Unschär­fen in der Bericht­erstat­tung und der dar­auf fol­gen­den Dis­kus­si­on aus dem Weg zu räu­men. Der VDP wird die­ses The­ma als eines der zen­tra­len Zukunfts­the­men auf die Agen­da set­zen und unse­re Part­nern in den kom­men­den Mona­ten zu einer Dis­kus­si­on hier­über ein­la­den.

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