Corpinnat – so heißt die Marke für den neuen Qualitätsschaumwein einer Handvoll Cava-Rebellen. Agnes Nemeth erzählt, wie es dazu kam.
21 Schaumweinhersteller aus dem Penedès haben sich entschlossen, ihren Wein nicht mehr unter dem Namen Cava zu produzieren. Sie haben eine eigene Marke erfunden und registrieren lassen: Corpinnat. Unter diesem Namen treten sie jetzt auf. Corpinnat steht für flaschenvergorene Schaumweine der Herkunft Penedès, für Handlese der Trauben, für handwerkliche Vinifikation, für doppelt so langes Hefelager als beim Cava.
Kleine Revolution mit großer Symbolwirkung
Der Austritt der 21 aus der Cava DO kommt einer kleinen Revolution mit großer Symbolwirkung gleich. Denn der Zulauf zu den Abtrünnigen ist groß. Zuletzt hatten sich auch der berühmte Cava-Erzeuger Celler Kripta der Vereinigung Corpinnat angeschlossen. Die Rebellen eint der Unmut über die Cava-Politik der letzten Jahre, durch die das Anbaugebiet ausgeweitet, die Qualitätsstandards aufgeweicht, der Industrialisierung des Produkts Cava Vorschub geleistet wurde. Die Folge ist Preisdumping. Von allen Schaumweinen, die weltweit nach der klassischen Methode (Flaschengärung) hergestellt werden, ist Cava mit Abstand der billigste. Gegen die Banalisierung der Qualität können sich kleine, ehrgeizige Produzenten nicht durchsetzen. Anspruchsvolle und entsprechend teurere Produkte haben es folglich schwer, sich unter dem Namen Cava am Markt zu etablieren. Zu groß ist Marktmacht der Big Player wie Freixenet und Codorniu.

Großzügige Auslegung der Regeln durch die Cava DO
Cava ist der bekannteste spanische Schaumwein. Über 250 Millionen Flaschen werden jedes Jahr produziert. Dabei legt die Cava DO genau fest, wo und wie der Schäumer erzeugt werden muss, um sich Cava nennen zu dürfen. War das Herkunftsgebiet anfangs auf das Penedès begrenzt, so dürfen die Trauben inzwischen auch aus Rioja, Àlava, Navarra, Cataluña, Aragon, Valencia, País Vasco, und Extremadura kommen – also teilweise von weit weg vom ursprünglichen Anbaugebiet. Zudem muss der Grundwein nicht mehr, wie ursprünglich der Fall, aus einheimischen Sorten (vor allem Macabeo, Xarel-lo und Parellada) gewonnen, sondern kann aus sechs anderen Sorten gekeltert sein, darunter Chardonnay und Pinot Noir. Maschinenlese ist ebenfalls erlaubt – und auch die Regel.
Die Corpinnat-Regeln
Gegen derart großzügige Regeln sowie gegen die geografische Ausweitung des Herkunftsgebiets opponieren die Corpinnat-Rebellen. Hier sind die wichtigsten Punkte der Corpinnat-Philosophie:
- Das Ursprungsgebiet für die Corpinnat-Schaumweine ist streng auf das Penedès (südlich von Barcelona) begrenzt
- Anbau nur der einheimischen, historischen Penedès-Rebsorten erlaubt
- Organischer Weinbau mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit ist Vorschrift
- Handlese ist verpflichtend
- Vinifizierung und Versektung ausschließlich beim Erzeuger
- Hefelager von mindestens 18 Monaten (statt nur 9 Monaten wie beim Cava)
Wie der Cava einst entstand, welche Fehler gemacht wurden und wie es zur Corpinnat-Gründung kam, wird in folgenden zehn Kapiteln erzählt.
Erste Stufe: Spanien beginnt zu schäumen
1872 wurde der erste spanische Schaumwein im Penedès hergestellt, und zwar von Josep Raventos auf dem Weingut Can Codorníu in dem Ort Sant Sadurní d’Anoia. Er hieß Xampany de Noya auf Katalanisch. Der Name „Champagner“ ist in dem Wort unschwer herauszulesen. Der Name „Champagner“ war damals noch nicht geschützt. Das Penedès war die einzige Region, die Schaumweine nach der klassischen Methode herstellte und dabei lokale Sorten, insbesondere Xarel-lo, Macabeo und Parellada verwendete. In den Folgejahren und Jahrzehnten schwoll die Produktion schäumender Weine stark an. Im Penedès, historisch eher ein Rotweingebiet, wurden viele rote Rebsorten durch weiße ersetzt mit dem Ziel, stille und moussierende Weißweine zu erzeugen.
Zweite Stufe: Der Cava entsteht
1986 trat Spanien in die EU ein, und der Begriff „Champagner“ durfte nicht mehr für das Produkt verwendet werden, da die Trauben nicht aus der Champagne kamen. Als Name für den schäumenden Wein wurde der Begriff „Cava“ gewählt, das spanische Wort für einen unterirdischen Weinkeller. Am 27. Februar 1986 wurde „la Región Determinada del Cava“ offiziell gegründet. Das Ursprungsgebiet ist seitdem nicht nur auf das Penedès begrenzt, sondern schloss auch Gebiete außerhalb des Penedès, ja: außerhalb Kataloniens ein, in denen schon vorher Schaumweine nach der klassischen Methode hergestellt wurden: etwa in Aragon, in La Rioja, in Valencia, in der Extremadura. Entsprechend wurden neben den katalanischen Sorten auch Monastrell, Garnacha, Trepat, Subirat Parent (Malvasia) und Chardonnay zugelassen, später auch Pinot Noir (2007).
Dritte Stufe: Das Unbehagen wächst
Mehrere handwerklich arbeitende Cava-Produzenten verfolgten die Entwicklung mit Unbehagen. Sie monierten, dass Cava seine Identität verlieren würde, wenn er nicht mehr mit einem Ursprungs-Terroir verbunden wäre. Außerdem trug das gesamte Reglement der Cava DO die Handschrift der großen Kellereien, die schnell wuchsen und immer marktbeherrschender wurden. Cava wurde zur billigen Alternative zum Champagner. Vor allem der Umstand, dass für Cava nur eine Mindestlagerzeit auf der Hefe von neun Monaten vorgesehen war, erregte ihren Unmut. Sie produzierten qualitativ bessere Grundweine, die länger auf der Hefe lagen, ohne dass dies auf dem Etikett sichtbar war.

Vierte Stufe: Pepe Raventos, der erste Rebell
Pepe Raventos, der Nachfahre von Josep Raventos (dessen Nachfahren die einstige Familienkellerei Codorniù verkauft hatten) erkannte, dass sich hochklassiger Cava in den USA nicht mehr zu einem fairen Preis verkaufen ließ (wenn man – analog zum Champagner – den Wein 15 Monate auf der Hefe liegen lässt). Er entschied sich im Jahr 2012 als Erster, die Cava DO zu verlassen und die Bezeichnung Conca del Riu Anoia für seinen Schaumwein zu wählen.
Fünfte Stufe: Classic Penedès für schäumende Weine
Zwei Jahre später beschloss eine Gruppe von Penedès-Produzenten, die Cava DO ebenfalls zu verlassen und ihre Schaumweine als Penedès DO auf dem Markt zu bringen. Es war in dieser DO, die bis dahin für Stillweine stand, gerade eine neue Kategorie für schäumende Weine namens Clàssic Penedès geschaffen worden. Voraussetzung: Die Weine müssen biologisch erzeugt sein und eine Hefelagerung von mindestens 15 Monate nachweisen. Derzeit gibt es 15 Clàssic Penedès-Produzenten.
Sechste Stufe: der Cava de paraje calificado löst das Problem nicht
Kleine, qualitätsbewusste Cava-Produzenten unternahmen mehrere Versuche, das Cava DO- Reglement zu ändern, damit die Konsumenten länger gereifte Schaumweine von den industriellen Massenprodukten unterscheiden können. Auf diesen Druck hin wurde 2015 die Kategorie Cava de paraje calificado für Lagen-Cavas aus ertragsreduzierter Traubenerzeugung (8000 Kilogramm/Hektar) eingeführt, verbunden mit der Vorschrift einer mindestens 36monatigen Hefelagerung. Doch den Rebellen reichte diese Differenzierung nicht, da sich für die Masse der einfachen Cavas dadurch nichts änderte.
Siebente Stufe: Wie und warum es zur Corpinnat-Gründung kam
Da die Einführung von Cava de paraje calificado das Problem nicht löste und die Regeln für Classic Penedès nicht streng genug waren, traten sechs qualitätsorientierte Familienbetriebe 2018 aus der Cava DO aus und schufen eine eigene Marke für ihre Schaumweine. Der Name: Corpinnat. Das Reglement, das sie sich gaben, ist das strengste, das jemals für spanische Schaumweine geschrieben wurde. Zum Beispiel müssen alle Mitglieder im Penedès ansässig, biologisch zertifiziert sein und zur Handlese verpflichtet werden. Nach der Corpinnat-Gründung verließen mehrere bekannte Namen die Cava DO, etwa Gramona, Llopart, Nadal, Recaredo, Sabate i Coca und Torelló.
Achte Stufe: Auch in der Rioja steigen Winzer aus der Cava DO aus
Auch viele Schaumwein-Erzeuger in der Rioja waren damit nicht zufrieden, dass ihre Produkte als Cava im Regal stehen. Sie wollten die Sorte Tempranillo Blanco (eine Mutation der roten Tempranillo) für ihren schäumenden Wein verwenden, was in Cava DO nicht erlaubt ist. Außerdem wollten sie ihn mindestens 15 Monate auf der Hefe lagern und nicht verwechselt werden mit Industrie-Cavas, die nur neun Monate Hefelager hinter sich haben. Deshalb entschieden sie sich 2017 parallel zur Corpinnat-Gründung, ihre Schaumweine als Espumoso Genérico (mindestens 15 Monate Hefelager) und Espumoso Reserva (mindestens 24 Monate auf der Hefe) auf den Markt zu bringen. Auch in der Rioja liefen der Cava DO also die Mitglieder weg.
Neune Stufe: Einführung einer „Zonifikation“
Um die Abwanderung zu stoppen und auf die Kritik der Rebellen einzugehen, führte die Cava DO 2020 eine „Zonifikation“ ein. Mit ihr sollen die verschiedenen Cava-Regionen äußerlich kenntlich gemacht werden. So gibt es in Katalonien seitdem mehrere Teilzonen, zum Beispiel die „Valls d’Anoia-Foix sub-zone innerhalb der Zone Comptats de Barcelona“ – ein reichlich komplizierter Name für ein Cava-Unteranbaugebiet. Vielleicht hätte man die Bezeichnung noch vereinfachen können. Vielleicht hätte, wenn der Zonifizierungs-Vorschlag früher gekommen wäre, der Unmut der Abtrünnigen besänftigt werden können. Doch jetzt kamen die Zonifikation für die Corpinnat-Mitglieder zu spät. Sie kehrten nicht in die Cava DO zurück.
Zehnte Stufe: Der Zulauf zu den Rebellen hält an
Im Gegenteil: Corpinnat hat weiteren Zulauf. Vor wenigen Wochen ist auch der renommierte Schaumwein-Erzeuger Juve y Camps angekündigt, künftig auf den Namen Cava zu verzichten und ist (als 22. Mitglied) der Corpinnat-Vereinigung beigetreten.
Die 22 aktuellen Corpinnat-Mitglieder
- Gramona
- Llopart
- Nadal
- Recaredo
- Sabaté i Coca
- Torellò
- Huguet de Can Feixet
- Júlia Bernet
- Mas Candi
- Can Descregut
- Pardas
- Bufadors
- Cisteller
- Celler Viada
- Mas de la Basserola
- Celler KRIPTA
- Demost
- Mas Bertran
- AT Roca
- Celler Mir
- Torné & Bel
- Juve y Camps







































































