Carnuntum: vollblütige Zweigelt und andere Rote

Carnuntum Teaser
Muss man wirklich ein Ösi-Fan sein, um Carnuntum zu kennen? Das Anbaugebiet liegt nur 20 Kilometer von Wiener Flughafen Schwechat entfernt und liefert Rotweine, die Syrah, Merlot, Tempranillo aus Deutschland erblassen lassen.

Es mag Aus­nah­men geben: Aber in der Regel wer­den aus Zwei­gelt und Blau­frän­kisch in Öster­reich span­nen­de­re Wei­ne erzeugt als aus Syrah, Tem­pranil­lo und Mer­lot in Deutsch­land – von Dorn­fel­der und Caber­net Dor­sa ganz zu schwei­gen. Wer das nicht glau­ben will, soll­te bei der nächs­ten Ankunft am Flug­ha­fen Wien-Schwechat nicht links in die Stadt abbie­gen, son­dern sei­nen Miet­wa­gen mal nach rechts auf die A 4 Rich­tung Neu­sied­ler­see len­ken. Zwei­te Aus­fahrt, und man ist mit­ten drin im Anbau­ge­biet Car­nun­tum.

Keine Leichgewichte

Christine und Franz Netzl
Chris­ti­ne und Franz Netzl

Ich selbst habe beim letz­ten Wien-Besuch nur des­halb nicht den Schwenk nach rechts gemacht, weil fünf der bes­ten Win­zer die­ses Anbau­ge­biets in mei­ner Stadt zu Besuch waren und mich ein­ge­la­den hat­ten, ein paar Wei­ne mit ihnen zu pro­bie­ren. So tra­fen wir uns bei Wal­ter & Ben­ja­min, einem ambi­tio­nier­ten Wein­lo­kal in der Münch­ner Innen­stadt, und lie­ßen es kra­chen. Zwei­gelt hoch und run­ter, Blau­frän­kisch vom Feins­ten, dazu ein paar Exo­ten wie Mer­lot, Pinot Noir, Syrah, teils rein­sor­tig, teils in der Cuvée. Fazit: struk­tu­rier­te, ja üppi­ge Wei­ne, extrakt­reich, tan­nin­reich und auch in Sachen Alko­hol kei­ne Leicht­ge­wich­te. Im Han­del wer­den sie für zehn bis zwölf Euro ange­bo­ten.

Die Basis: Rubin Carnuntum

Stefan Ott
Ste­fan Ott

Rubin Car­nun­tum hei­ßen sie. Es sind rein­sor­ti­ge Zweigelt-Weine mit sat­ter Kirsch­frucht und kräf­ti­gem Tan­nin, am Anfang noch etwas sper­rig und rauh, nach ein, zwei Jah­ren run­der und wei­cher. Dane­ben erzeu­gen vie­le Wein­gü­ter eine Reser­ve von ihren bes­ten Lagen. Die­se Wei­ne besit­zen mehr Power, mehr Tie­fe. Rich­tig gut schme­cken sie nach fünf oder zehn Jah­ren. Lei­der fin­det man eine Car­nun­tum Reser­ve in Deutsch­land sel­ten. 20 oder 30 Euro für einen Zwei­gelt – das erscheint vie­len Kon­su­men­ten zu viel. Ich hal­te die­se Prei­se für gerecht­fer­tigt, wenn die Wei­ne wirk­lich gut sind. 90 Punk­te wür­de ich den guten Exem­pla­ren gebe. Der Fal­staff gibt 92.


Zweigelt Basis


2015 Zwei­gelt Rubin Car­nun­tum | Wein­gut Art­ner
Mix aus bes­se­ren Lagen: saf­tig mit kräf­ti­gem Tan­nin, zupa­ckend.
Bewer­tung: 85/100 Punk­te

2015 Zwei­gelt Rubin Car­nun­tum | Wein­gut Ott
Ker­nig mit viel Struk­tur, aber eini­gen grü­nen Noten.
Bewer­tung: 86/100 Punk­te

2015 Zwei­gelt Rubin Car­nun­tum | Wein­gut G. Mar­ko­witsch
Stark frucht­ge­prägt, aber noch sper­rig, in gebrauch­ten Holz­fäs­sern aus­ge­baut.
Bewer­tung: 87/100 Punk­te

2015 Zwei­gelt Rubin Car­nun­tum | Wein­gut F.& C. Netzl
Herz­haft mit leben­di­ger Säu­re, schon offen, mit­tel­kräf­tig.
Bewer­tung: 86/100 Punk­te

2015 Zwei­gelt Rubin Car­nun­tum | Wein­gut Payr
Geschlif­fen, sau­ber, homo­gen – wie aus einem Guss.
Bewer­tung: 87/100 Punk­te


Zweigelt Lage


2011 Zwei­gelt Reser­ve „Stei­nä­cker“ | Wein­gut Payr
Würzig-salziger Wein, straff gewo­ben, jetzt lang­sam trink­reich.
Bewer­tung: 90/100 Punk­te

2014 Zwei­gelt „Stei­nä­cker“ | Wein­gut Art­ner
Sau­be­rer und grad­li­ni­ger Wein aus einem schwie­ri­gern Jahr­gang, pfeff­rig und fruch­tig, gelun­gen.
Bewer­tung: 88/100 Punk­te

2013 Zwei­gelt „Hai­da­cker“ | Wein­gut F.& C. Netzl
Schlan­ker, ele­gan­ter Wein mit rei­fer Säu­re und schö­ner Wür­ze.
Bewer­tung: 88/100 Punk­te


Leitsorte im Carnuntum

Hannes Artner
Han­nes Art­ner

Zwei­gelt ist die Leit­sor­te in Car­nun­tum. Sie bedeckt den größ­ten Teil der 900 Hekt­ar Reb­flä­che. Vor allem im west­li­chen Teil des Anbau­ge­biets ist sie anzu­tref­fen. Aber Zwei­gelt ist nicht die ein­zi­ge rote Reb­sor­te. Im öst­li­chen Teil ist viel Blau­frän­kisch anzu­tref­fen, der ähn­lich gute Qua­li­tä­ten ergibt wie im unmit­tel­bar benach­bar­ten Bur­gen­land. Als Top­la­ge ist der Spit­zer­berg bekannt gewor­den – durch den gleich­na­mi­gen Blau­frän­kisch von Dirk Nie­po­ort und Dor­li Muhr. Neben Blau­frän­kisch expe­ri­men­tie­ren die Carnuntum-Winzer auch mit Pinot Noir, Syrah, Mer­lot und Caber­net Sau­vi­gnon, die meist als Cuvée ange­bo­ten und auf­wen­dig aus­ge­baut wer­den.


Blaufränkisch, Pinot Noir, Merlot und Cuvées


2015 Blau­frän­kisch | Wein­gut Ott
Ein­fa­che Ver­si­on die­ses Weins, vom Spit­zer­berg kom­mend: küh­le Frucht, viel Sauer­kir­sche, herz­haft und klar.
Bewer­tung: 87/100 Punk­te

2014 Blau­frän­kisch „Kirch­wein­gar­ten“ | Wein­gut Art­ner
Rei­cher, mas­ku­li­ner Wein mit sat­ter, geschlif­fe­ner Frucht, sehr struk­tu­riert.
Bewer­tung: 90/100 Punk­te

2014 Blau­frän­kisch Reser­ve „Spit­zer­berg“ | Wein­gut Payr
Wei­cher, offe­ner Wein mit gut inte­grier­ter Säu­re, „femi­ni­ner“ Typ.
Bewer­tung: 89/100 Punk­te

2014 Pinot Noir „Pas de Deux“ | Wein­gut Ott
In sich stim­mi­ger, etwas ein­di­men­sio­nal fruch­ti­ger Wein, etwas hefig in der Nase.
Bewer­tung: 88/100 Punk­te

2015 Mer­lot „Bärn­rei­ser“ | Wein­gut F. & C. Netzl
Kraft­voll, wür­zig, main­strea­m­ig, aber scharf kon­tu­riert und sau­ber.
Bewer­tung: 89/100 Punk­te

2015 Pinot Noir „Scheib­ner“ | Wein­gut G. Mar­ko­witsch
Mild-würzig mit rei­fer, fri­scher Frucht und vie­len Facet­ten: aus einer küh­len Lagen kom­mend.
Bewer­tung: 91/100 Punk­te

2013 Bühl Reser­ve (Zwei­gelt, Blau­frän­kisch, Mer­lot) | Wein­gut Payr
Dicht gewo­ben, fleisch, mus­ku­lös, tief: exzel­lent.
Bewer­tung: 90/100 Punk­te

2011 Rosen­berg (Zwei­gelt, Blau­frän­kisch, Mer­lot) | Wein­gut G. Mar­ko­witsch
Ver­ti­ka­ler Wein mit viel Tie­fe, geschlif­fe­ner Frucht, per­fek­ter Balan­ce, per­fekt gereift.
Bewer­tung: 91/100 Punk­te

2011 Ama­rok (Zwei­gelt, Syrah, Mer­lot, Blau­frän­kisch) | Wein­gut Art­ner
Dun­kel, dicht, salzig-fruchtig mit gro­ßem Span­nungs­bo­gen (größ­ter Jahr­gang der letz­ten zehn Jah­re).
Bewer­tung: 91/100 Punk­te

2008 Anna-Christina (Zwei­gelt, Caber­net Sau­vi­gnon, Mer­lot) | Wein­gut F. & C. Netzl
Top-Cuvée des Wein­guts: nicht der reichs­te Wein, aber sehr homo­gen, glatt, geschlif­fen und ele­gant.
Bewer­tung: 90/100 Punk­te

Die Hälfte der Produktion ist Weißwein

Gerhard Markowitsch
Ger­hard Mar­ko­witsch

Car­nun­tum ist für sei­ne Rot­wei­ne bekannt. Doch die Hälf­te der Reb­flä­che des Anbau­ge­biets ist mit wei­ßen Sor­ten bestockt, allen vor­an Grü­ner Velt­li­ner. Sie haben mich, bei allem Respekt, weni­ger über­zeugt. Bei Alko­hol­ge­hal­ten von 14 und 14,5 Vol.% wirk­ten die Wei­ne oft etwas behä­big und span­nungs­los.

Ich habe mich gefragt, ob Car­nun­tum ein geeig­ne­tes Ter­rain ist, um ele­gan­te Weiß­wei­ne her­vor­zu­brin­gen, wie sie 50 Kilo­me­ter Donau-aufwärts am Wagram und in Krems wach­sen. Die Zwei­fel konn­ten auch eini­ge aus­ge­zeich­ne­te Exem­pla­re nicht ganz aus­räu­men, die die fünf Carnuntum-Winzer mir vor­ge­setzt haben.


Grüner Veltliner und andere


2016 Grü­ner Velt­li­ner „Alte Reben“ | Wein­gut G. Mar­ko­witsch
Kör­per­reich, sau­ber mit schmelzig-cremiger Frucht: stäm­mi­ger, aber nicht zu sät­ti­gen­der Wein.
Bewer­tung: 87/100 Punk­te

2016 Grü­ner Velt­li­ner „Gab­ler“ | Wein­gut Ott
Pfeffrig-herber Wein mit küh­ler, grü­ner Frucht, wirkt nicht ganz aus­ge­reift.
Bewer­tung: 85/100 Punk­te

2015 Grü­ner Velt­li­ner „Kirch­berg“ | Wein­gut Art­ner
Schmeichlerisch-weicher Wein mit mode­ra­ter Wür­ze und brei­ten Schul­tern (14,5Vol.%).
Bewer­tung: 86/100 Punk­te

2015 Grü­ner Velt­li­ner „Rothen­berg Reser­ve“ | Wein­gut Payr
Mäch­tig, reich, inten­siv und nach­hal­tig: ein wei­ßer Rot­wein aus einer küh­len Lage (14,9 Vol.%).
Bewer­tung: 87/100 Punk­te

2015 Char­don­nay Reser­ve „Hagels­berg“ | Wein­gut Ott
Saftig-cremiger Typ, lan­ge auf der Hefe aus­ge­baut, nicht über­la­den, mode­ra­te Fül­le.
Bewer­tung: 87/100 Punk­te

2015 Char­don­nay „Schüt­ten­berg“ | Wein­gut G. Mar­ko­wirtsch
Stof­fi­ger, aber ele­gan­ter Wein, tro­pisch in der Frucht, dezent in der Holz­wür­ze.
Bewer­tung: 89/100 Punk­te

 

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