Ein Paukenschlag: Chateau Lafleur ist aus der Pomerol-Appellation ausgestiegen. Die Gründe dafür sind ein Alarmzeichen für ganz Bordeaux. Jens Priewe war vor Ort und hat nachgefragt.
Ab dem Jahrgang 2025 wird der Wein von Chateau Lafleur nur noch als einfacher Vin de France erscheinen. Nicht mehr als Pomerol, nicht einmal mehr als Bordeaux AC. Lafleur ist der unmittelbare Nachbar von Pétrus und einer der vier großen Weine der Appellation, die, wenn Pomerol eine Klassifikation hätte, mit Sicherheit als Premier Grand Cru Classé eingestuft worden wären. Was hat die Familie Guinaudeau zu diesem radikalen Schritt veranlasst?
Der heißeste und trockenste Sommer seit Jahrzehnten
Ich war am 1. September zufällig in Saint Emilion und Pomerol, eine Woche nach der Verlautbarung des Chateau. Als ich ankam, regnete es in Strömen. Ich dachte: eine Katastrophe: Die Lese hatte gerade begonnen. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Chateaux waren erleichtert über den Regen. Wochenlang hatte Trockenheit geherrscht. Der Boden war ausgedörrt. Vielerorts entdeckte ich in den Weinbergen Trauben mit verkümmerten Beeren, mal am Stock, mal herausgeschnitten am Boden. In den Rebzeilen gab es immer wieder Pflanzen, deren Blätter gelb waren, vor allem bei jungen Reben. Sie waren verdurstet. Auf Chateau Figeac, wo ich einquartiert war, musste man auf dem Rasen im Garten nach grünen Grashalmen suchen. Die Bäume ließen die Blätter hängen. Das Wasser im Pool hinter dem Haus war 28 Grad warm. Hätte es gesprudelt, könnte man Iacuzzi dazu sagen. Der heißeste Sommer, an den sich Weinbergsarbeiter erinnern können, erzählte der Direktor. Und der trockenste. Dabei können die Kalksandstein- und Lehmböden von Saint Emilion und Pomerol Feuchtigkeit speichern, glücklicherweise. Die Schäden sind aus diesem Grunde dort relativ gering – sofern die Reben auf solchen Böden stehen, etwa bei den Grand Cru Classé. Am linken Ufer, also im Médoc, sieht die Lage anders aus. Die dortigen Kieselsteinböden haben ein geringeres Wasserhaltevermögen. Dort ist die Feuchtigkeit aus dem Frühjahr geradewegs nach unten durchgesickert. Die oberen Bodenschichten sind staubtrocken.
Rekordtemperaturen im Weinberg
Aber auch am rechten Ufer sind die Chateaux wegen der Hitze alarmiert. Ende August haben sie auf Chateau Lafleur auf der Traubenoberfläche 49,7 Grad Celsius gemessen: ein Rekordwert. Das Risiko für Sonnenbrand der Trauben mit all seinen vegetativen und geschmacksverändernden Folgen steigt stark an. In einem Brief an ihre Kunden sprechen die Guinaudeau von einem „dramatischen Klimawandel, der sich schon 2015, 2019, 2022 und, schlimmer noch, jetzt in 2025 zeigt und gezeigt hat“. Und: Man könne nicht weiterhin in dem Rahmen arbeiten, den die Appellation in ihrem Pflichtenheft vorgibt. Diese seien „das Rezept für ein Desaster“.

Sind Dichtpflanzungen plötzlich obsolet?
Nach der Ankündigung, die Appellation zu verlassen, war in der Öffentlichkeit gerätselt worden, was der genaue Grund für die Entscheidung der Lafleur-Besitzer gewesen sein könnte. Einige spekulierten, dass das Chateau vermehrt fremde, hitzebeständige Sorten pflanzen wolle, um den Klimawandel zu kontern. In seiner Erklärung machten die Guinaudeau jedoch klar, dass sie an den heimischen Sorten festhalten wollen, also an Merlot und Cabernet franc. Man sei aber zu der Überzeugung gelangt, dass es für die Wasserversorgung der Reben besser sei, wenn die Stockdichte teilweise weniger als die vorgeschriebenen 5000 Stöcke pro Hektar betrage, um die Wasserkonkurrenz zu verringern – ein Bruch mit den Vorschriften der Appellation. Auch müsse über eine temporäre Tröpfchenbewässerung nachgedacht werden, was unter den bestehenden Statuten nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Weitere Optionen seien eine Verringerung der Laubwand, Mulchen und die Entwicklung von neuen Beschattungssystemen.
Ein multiples Krisenszenario
Starker Tobak, und das zu einer Zeit, da der Platz Bordeaux sowieso schon in Panik ist. Die verkorkste en primeur-Kampagne, die Trumpschen Zölle, die Regierungskrise, die Krise der privaten Haushalte, die sinkende Nachfrage nach Wein allgemein und nach Bordeaux im Speziellen – all das zerrt an den Nerven der Chateauxbesitzer. Dazu kommt, dass die Keller voll sind mit unverkaufter Ware. Und mit 2025 steht abermals ein mengenmässig ergiebiger Jahrgang ins Haus. Positiv zu vermelden ist immerhin, dass die Qualität des 2025ers sehr gut zu sein scheint. Der Regen Anfang September hat den Stoffwechsel den Reben wieder angekurbelt und den Saft in die Trauben schießen lassen. Mit diesen Aussichten besteht also Hoffnung, dass die Käufer wieder zum Markt zurückkehren werden – egal ob der Wein Pomerol, St-Emilion oder Vin de France heisst.









































































