Bordeaux 2014: Was das rechte Ufer zum neuen Jahrgang sagt

Weinlese in Bordeaux
Weinlese in Bordeaux
Anfang April pilgerten wieder Tausende von Händlern und Journalisten nach Bordeaux, um den Jahrgang 2014 en primeur zu verkosten. Andrew Black sprach bei der Gelegenheit mit einigen Château-Besitzern aus St. Emilion und Pomerol.

Der Jahr­gang 2014 birgt Über­ra­schun­gen. Mit jeder neu­en Pha­se sei­ner Ent­wick­lung wer­den die Wei­ne bes­ser. Anfäng­lich hieß es, sie sei­en streng, dann fehl­te es ihnen an Kör­per und an Balan­ce, schließ­lich hieß es, sie hät­ten nur eine kur­ze, bes­ten­falls eine mitt­le­re Lebens­er­war­tung. Alle die­se Pro­gno­sen kann man heu­te bei­sei­te wischen.

Okay, 2014 ist kein gro­ßer Bordeaux-Jahrgang. Aber das hat­te auch nie­mand erwar­tet. Den­noch setzt sich zuneh­mend die Auf­fas­sung durch, dass 2014 Wei­ne her­vor­ge­bracht hat, wie moder­ne Bor­deaux sein sol­len: frisch, aus­ba­lan­ciert, zugäng­lich, aber gleich­zei­tig gut struk­tu­riert, fein und lang, mit einem guten Alte­rungs­po­ten­zi­al aus­ge­stat­tet. Star des Jahr­gangs ist zwei­fel­los der Caber­net Sau­vi­gnon des lin­ken Ufers. Aber auch der Caber­net franc vom rech­ten Ufer ist von guter Qua­li­tät und hat mit Unter­stüt­zung der Mer­lot aus­ge­zeich­ne­te Wei­ne gege­ben.

Pierre Lur­ton | © Gerard Ufe­rasPierre Lur­ton, 59, Direk­tor von Châ­teau Che­val Blanc und Châ­teau d’Yquem, zugleich Mit­be­sit­zer von mehr als einem Dut­zend Wein­gü­tern in Bor­deaux und in Spa­ni­en.

…über den Jahr­gang 2014: „2014 ist klar bes­ser als 2013. Das wer­den die Kri­ti­ker schnell mer­ken. Ein gro­ßer Jahr­gang aber wird es wohl nicht.“

…über die Qua­li­tät der Mer­lot: „Die Mer­lot braucht in der Rei­fe­pha­se Was­ser­stress. Den hat­ten wir in 2014 nicht. Das führ­te dazu, dass die Trau­ben zu viel Was­ser auf­nah­men. Durch das am Ende hei­ße, tro­cke­ne Wet­ter und unse­re leicht erwärm­ba­ren Kies­bö­den auf Che­val Blanc konn­ten wir die­sen Nach­teil in letz­ter Minu­te noch ausgleichen…Wir wer­den auf Che­val Blanc den Merlot-Anteil im 2014er Wein etwas gerin­ger hal­ten.“

…über die Qua­li­tät des Caber­net franc: „In dem hei­ßen, tro­cke­nen Wet­ter im Sep­tem­ber und Okto­ber konn­te die Caber­net franc lang­sam und sicher aus­rei­fen, so dass wir Par­zel­le für Par­zel­le zum Ide­al­zeit­punkt lesen konn­ten.“

Pau­li­ne Vaut­hi­erPau­li­ne Vaut­hi­er, 30, ist eines der vier Geschwis­ter von Alain Vaut­hi­er, dem Besit­zer von Châ­teau Aus­o­ne in St. Emi­li­on, und die ein­zi­ge, die auf Aus­o­ne arbei­tet. Sie lei­tet das Châ­teau zusam­men mit ihrem Vater.

…über den Jahr­gang 2014: „Es ist kei­ner der ganz gro­ßen Jahr­gän­ge, aber ein sehr guter. Die Alko­hol­wer­te lie­gen bei 14 Vol.%, die ph-Werte bei 3,53. Der Typ von Jahr­gang, den wir in Bor­deaux lie­ben.“

…über das Alte­rungs­ver­mö­gen: „Er besitzt mehr Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al, als ich ursprüng­lich dach­te.“

…über Ver­glei­che mit ande­ren Jahr­gän­gen: „Obwohl ich ungern ver­glei­che, erin­nert mich der 2014er an den 2012er: fruch­tig, mit wei­chen Tan­ni­nen, easy zu trin­ken.“

…über den end­gül­ti­gen Blend: „Wir auf Aus­o­ne wer­den dies­mal den Caber­net franc-Anteil auf 60 Pro­zent erhö­hen. Das heißt: Nur 40 Pro­zent Mer­lot.

…über die Men­gen: „Auf­grund des hei­ßen Wet­ters im Sep­tem­ber sind die Bee­ren teil­wei­se geschrum­pelt. Dadurch haben wir 15 bis 20 Pro­zent an Men­ge ver­lo­ren. Der Hekt­ar­er­trag hat sich dadurch auf 27 Hek­to­li­ter ver­rin­gert.“

Alex­and­re Thi­en­pontAlex­and­re Thi­en­pont, 59, Direk­tor und Mit­be­sit­zer von Vieux Châ­teau Cer­tan in Pome­rol.

…über den Jahr­gang 2014: „Der 2014er ist das jus­te Gegen­teil des­sen, was man in einem hei­ßen Jahr­gang bekommt. Einer jener Jahr­gän­ge, der nur in Bor­deaux erfolg­rei­che Wei­ne her­vor­brin­gen kann. Wir erwar­te­ten auf­grund der Rei­fe­ver­zö­ge­rung zunächst grü­ne Aro­men. Doch der Wein ist reif. Nicht grün. Ein hei­ßer Jahr­gang hät­te sicher üppi­ge­re, kon­zen­trier­te­re Wei­ne her­vor­ge­bracht, aber die kön­nen auch ermü­dend sein. 2014 ist für mich ein typi­scher Bor­deaux im bes­ten Sin­ne.“

…über die öno­lo­gi­schen Beson­der­hei­ten des Jahr­gangs: „Was mich über­rascht hat, ist der hohe Wein­stein­an­teil, der im Fass aus­ge­fällt wur­de. Das ist ein Indiz für die hohe Säu­re des Weins, die nun etwas mil­der aus­fal­len wird.“

…über Ver­glei­che mit ande­ren Jahr­gän­gen: „Qua­li­ta­tiv liegt der 2014er über dem 2008er.“

…über das Wet­ter: „Das Pro­blem war dies­mal der küh­le, nas­se August mit einer Vérai­son, die sich lan­ge hin­zog. Dadurch gin­gen die Trau­ben nicht homo­gen in die Rei­fe­pha­se. Ende August setz­te dann das gute Wet­ter ein. Es war tro­cken und warm, teil­wei­se auch heiß, und es hielt bis in den Okto­ber hin­ein. Wir hat­ten einen herr­li­chen Indian Sum­mer und konn­ten die Lese ganz in Ruhe abwar­ten.“

Frédé­ric FayeFrédé­ric Faye, Direk­tor von Châ­teau Fige­ac in St. Emi­li­on.

…über die Trau­ben: „Die Caber­net franc hat eine super Tan­n­in­struk­tur, ver­gleich­bar mit 2010. Der Caber­net Sau­vi­gnon ist so gut wie in 2005. Die Mer­lot war dage­gen nicht ganz so ein­drucks­voll, eher auf dem Niveau von 2008 und 2004.

…über die öno­lo­gi­schen Beson­der­hei­ten des Jahr­gangs: „Die aro­ma­ti­sche Frucht und das fein­kör­ni­ge Tan­nin sind die her­aus­ra­gen­den Tugen­den des Jahr­gangs 2014. Durch eine sie­ben­tä­gi­ge Kalt­ma­zera­ti­on haben wir die aro­ma­ti­sche Inten­si­tät noch stei­gern kön­nen. Bei der Gärung haben wir nur am Beginn Pige­ages und Pump Overs gemacht und dann für den Rest der Gärung nichts mehr. Dadurch haben wir beson­ders geschmei­di­ge Tan­ni­ne bekom­men.“

…über Michel Rolland, der zum ers­ten Mal als Bera­ter invol­viert war: „Wir stim­men mit Michel Rolland über­ein, dass wir einen sei­di­gen, aber kräf­ti­gen Wein anstre­ben. Also haben wir in die Rich­tung gear­bei­tet, dass wir cre­mi­ge­re Tex­tu­ren bekom­men. Ich bin sicher, die Kri­ti­ker haben es bemerkt.“

Mickaël Obert
Mick­aël Obert

Mick­aël Obert, 35, Chef des Kel­lers und der Wein­ber­ge auf Châ­teau Gazin in Pome­rol.

…über den Jahr­gang 2014: „Ich wür­de ihn nicht groß nen­nen, aber ganz klar ein guter Jahr­gang. Um ein altes Kli­schee zu benut­zen: ein klas­si­scher Bor­deaux. Bes­ser als 2006 und 2007, auch bes­ser als 2012. Unge­fähr auf dem Niveau von 1998. Viel­leicht ist er auf dem lin­ken Ufer bes­ser, und auch St. Emi­li­on hat wohl die Nase vorn gegen­über Pome­rol.“

…über die Qua­li­tät des Caber­net franc: „Wir haben auf Gazin nur eine klei­ne Par­zel­le Caber­net franc, aber die Trau­ben sind aus­ge­zeich­net. Wir wer­den sie in den end­gül­ti­gen Blend hin­ein­neh­men, so dass der 2014er dies­mal aus 95 Mer­lot und 5 Pro­zent Caber­net franc bestehen wird.“

…über die öno­lo­gi­schen Beson­der­hei­ten des Jahr­gangs: „Bei den hohen Apfelsäure-Werten, wie wir sie in 2014 hat­ten, kann es pas­sie­ren, dass der Wein nach der Malo flach wird. Das war in 2014 nicht der Fall. Die gro­ße Ver­su­chung bestand dar­in, die Extrak­ti­on zu inten­si­vie­ren, um mehr Tan­nin in den Wein zu brin­gen, was bei nied­ri­gen Säu­re­wer­ten sinn­voll sein kann. Ich habe der Ver­su­chung aber wider­stan­den. Der Wein wäre unba­lan­ciert gewe­sen. So haben wir in 2014 einen fri­schen Wein mit viel Frucht und sei­di­gen Tan­ni­nen bekom­men, kei­nen Block­bus­ter.“

François Des­pa­gneFrançois Des­pa­gne, 51, Direk­tor und Mit­be­sit­zer des Châ­teau Grand Corbin-Despagne in St. Emi­li­on.

…über den Jahr­gang 2014: „Nach­dem die Malo vor­über war, hat sich her­aus­ge­stellt, dass 2014 ein guter bis sehr guter Jahr­gang ist. Ele­ganz, wun­der­bar aus­drucks­vol­le Frucht, viel Mine­ra­li­tät – das sind die Eigen­schaf­ten, die die Wei­ne die­ses Jahr­gangs aus­zeich­nen.“

…über Ver­glei­che mit ande­ren Jahr­gän­gen: „Ich erin­ne­re den 2004er. Vie­le Leu­te beklag­ten sich wäh­rend der en pri­meur-Ver­kos­tun­gen damals über die Stren­ge der Wei­ne. Heu­te sind die 2004er superb. Und 2014 ist bes­ser als 2004.“

…über die Qua­li­tät der Mer­lot: „Der Mer­lot war in 2014 eine klei­ne Ent­täu­schung. Trotz­dem möch­te ich sagen, dass, wer Mer­lot nach der Vérai­son aus­ge­dünnt hat, sehr gute Qua­li­tä­ten bekom­men konn­te. Der hei­ße Sep­tem­ber hat es mög­lich gemacht. Wir haben unse­re Haus­auf­ga­ben getan und danach ein­fach nur die Fin­ger gekreuzt…“

…über die Zusam­men­set­zung des Blends: „Der Star des Jahr­gangs ist am rech­ten Ufer natür­lich der Caber­net franc. Der wird mit 25 Pro­zent in den fina­len Blend von Grand Corbin-Despagne ein­ge­hen.“

Peter Sis­seckPeter Sis­seck, 54, aus Däne­mark stam­men­der Besit­zer der Wein­gü­ter Domi­nio de Pin­gus in der spa­ni­schen Ribei­ra del Duero und mit Sil­vio Denz zusam­men Besit­zer von Châ­teu Rochey­ron in St. Emi­li­on.

…über den Jahr­gang 2014: „Eine Zeit­lang sah es nicht gut aus für den Jahr­gang. Aber heu­te sage ich: Der 2014er erweist sich als sehr gut.“

…über die Qua­li­tät des Caber­net franc: „Wäh­rend der Lese sah es so aus, als sei die Mer­lot bes­ser als der Caber­net franc. Über­ra­schen­der­wei­se ist der Caber­net franc heu­te sehr viel viel­ver­spre­chen­der als vor­her. Aber ich war­te ab. Auch wenn er sehr gut sein soll­te: Auf kei­nen Fall ist er so gut wie 2010, da war er auf Rochey­ron gran­di­os.“

…über die Qua­li­tät der Mer­lot: „Ich bin sehr glück­lich über die gute Qua­li­tät der Mer­lot. Sie war nicht über­reif, der Frucht­cha­rak­ter ist sehr prä­zi­se, das Aro­ma frisch. Aber ich möch­te nicht noch ein­mal erle­ben, was ich 2014 spe­zi­ell mit die­ser Sor­te durch­ma­chen muss­te.“

…über den Ver­gleich mit dem 2014er Pin­gus: „Der Pin­gus die­ses Jahr­gangs ist spek­ta­ku­lär. Der bes­te seit 1995, als ich die­sen Wein zum ers­ten Mal kel­ter­te. Ich kann mein Urteil noch gar nicht in Wor­te fas­sen. Auf jeden Fall ist der Jahr­gang 2014 in der Ribei­ra del Duero bes­ser als in Bor­deaux.

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