Report Frankreich

Bordeaux 2011: von klassisch gut bis klassisch schlecht

Pomerol
Ulrich Sautter war eine Woche in Bordeaux. Sein Fazit: Die misslungenen Weine sind schlechter als alles, was Bordeaux in den letzten zehn Jahren hervorgebracht hat. Die guten sind harmonisch und mittelgewichtig und werden in wenigen Jahren angenehm zu trinken sein. Die besten Weine haben Stil und Klasse – und beschwören die Renaissance einer Art von Bordeaux-Klassik herauf, wie man sie zuletzt in den achtziger Jahren gesehen hat.

Ulrich Saut­ter war eine Woche in Bor­deaux. Sein Fazit: Die miss­lun­ge­nen Wei­ne sind schlech­ter als alles, was Bor­deaux in den letz­ten zehn Jah­ren her­vor­ge­bracht hat. Die guten sind har­mo­nisch und mit­tel­ge­wich­tig und wer­den in weni­gen Jah­ren ange­nehm zu trin­ken sein. Die bes­ten Wei­ne haben Stil und Klas­se – und beschwö­ren die Renais­sance einer Art von Bordeaux-Klassik her­auf, wie man sie zuletzt in den acht­zi­ger Jah­ren gese­hen hat.

PomerolChâ­teau Mar­gaux: 13,1 Vol.%, Châ­teau Latour: 13,1 Vol.%, Châ­teau Lafi­te Roth­schild 12,8 Vol.% – sol­che mode­ra­ten Alko­hol­wer­te hat es in Bor­deaux schon lan­ge nicht mehr gege­ben. Spöt­ter sehen die­se Gra­da­tio­nen als Aus­druck der schwie­ri­gen Kli­ma­be­din­gun­gen des Jahrs 2011. Doch das ist nur die hal­be Wahr­heit. Denn wer den Hin­der­nis­par­cours von Tro­cken­heit, Hit­ze und herbst­li­chem Stark­re­gen mit nach­fol­gen­den Botry­ti­s­at­ta­cken zu meis­tern wuss­te, hat aus­ge­zeich­ne­te Wei­ne von klas­si­schem Zuschnitt im Kel­ler.

Zum Bei­spiel Lafi­te. Mei­ner Mei­nung nach einer der bes­ten Wei­ne des Jahr­gangs: „kühl“ und prä­zi­se in sei­nen frisch­fruch­ti­gen Aro­men, am Gau­men von einer alt­mo­di­schen Stof­fig­keit mit hand­werk­lich extra­hier­tem, rei­fem Tan­nin, dabei hin­ter­grün­dig, saf­tig, mine­ra­lisch und in sei­nem ver­gleichs­wei­se schma­len Alko­hol­rah­men kein biss­chen leicht wir­kend.

Lafite – einer der besten des Jahrgangs

Wie ist es mög­lich, dass hier ein so makel­lo­ser Wein ent­stan­den ist, in die­sem schwie­ri­gen Jahr? Chris­to­phe Salin, Ver­triebs­chef des Châ­teau, hat eine ein­fa­che Erklä­rung: „Es kam auf den rich­ti­gen Lese­zeit­punkt an. Seit August waren wir alle zwei Tage im Wein­berg, um reih­um in allen Par­zel­len Trau­ben zu kos­ten. So konn­ten wir über­all im rich­ti­gen Moment lesen – genau dann, als die Gerb­stof­fe schon reif waren, aber die Frucht noch ihre gan­ze Fri­sche besaß.“

Doch auch die­se Aus­sa­ge ist wahr­schein­lich nur die hal­be Wahr­heit, denn natür­lich waren schon frü­her wäh­rend der gesam­ten Sai­son umfang­rei­che Wein­bergs­ar­bei­ten erfor­der­lich, um die Trau­ben gesund zu erhal­ten. Die chefs de cul­tu­re, wie in Bor­deaux die für den Wein­berg zustän­di­gen lei­ten­den Ange­stell­ten hei­ßen, berich­ten von der dau­ern­den Not­wen­dig­keit, schwie­ri­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen: Ent­blät­tern in der Trau­ben­zo­ne hilft gegen Botry­tis (weil die Trau­ben dann vom Wind getrock­net wer­den kön­nen), erhöht aber die Gefahr, dass die Trau­ben Son­nen­brand bekom­men. Eine gro­ße Men­ge Laub ver­sorgt die Trau­ben beson­ders gut mit Inhalts­stof­fen (vor allem Zucker), sorgt jedoch gleich­zei­tig dafür, dass der Reb­stock in tro­cke­nen Pha­sen viel Was­ser durch Ver­duns­tung ver­liert. Nur weni­ge Güter hat­ten das Kön­nen – und wohl auch das nöti­ge Quänt­chen Glück – um bei die­sen Ent­schei­dun­gen immer die rich­ti­ge Wahl zu tref­fen.

Palmer verlas die Trauben per Scanner

Verlesen der TraubenGro­ße Bedeu­tung kam zwei­fel­los auch der Selek­ti­on bei der Lese zu. Auf Châ­teau Pal­mer bei­spiels­wei­se, wo man Ende des Som­mers auf­grund von Tro­cken­heit und Hit­ze sogar damit rech­ne­te, den Jahr­gang ganz aus­fal­len las­sen zu müs­sen, setz­te man bei der Lese opti­sche Sor­tier­ge­rä­te ein. För­der­bän­der, auf denen die Trau­ben wie an der Kas­se eines Super­markts an einem Scan­ner vor­bei­ge­führt wer­den, der die von Fäul­nis befal­le­nen erken­nen und aus­schei­den kann. Frei­lich ver­trau­te man auch die­sen Gerä­ten nicht blind­lings. Der opti­sche Sor­tier­tisch wur­de nur zur Vor­auswahl genutzt – alle Trau­ben, die er pas­sie­ren ließ, wur­den anschlie­ßend noch­mals von Hand ver­le­sen.

Weni­ger enga­gier­te Güter oder sol­che, die durch ihre finan­zi­el­le Situa­ti­on oder die Güte des Wein­bergs weni­ger pri­vi­le­giert sind, haben jedoch häu­fig sub­stan­zi­el­le Fehl­schlä­ge gekel­tert. Bit­ter­nis, grü­ne Tan­ni­ne, Bran­dig­keit, pil­zi­ge und medi­zi­na­le Aro­men – all sol­che Phä­no­me­ne begeg­nen einem beim Ver­kos­ten des 2011er Jahr­gangs, in wech­seln­den Kom­bi­na­tio­nen und zuwei­len auch durch kos­me­ti­sche Retu­schen mehr oder weni­ger wir­kungs­voll ver­deckt.

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