Aldo Conterno – erste Adresse für Barolo

Im Piemont hat die Trüffelsaison begonnen – Zeit, sich mal wieder mit dem Barolo zu beschäftigen. Jens Priewe ist dabei der Frage nachgegangen, wo das Weingut Aldo Conterno heute steht, fünf Jahre nach dem Tod des Namensgebers.

Inhalt:


In fast jedem Barolo-Ranking steht der Name Con­ter­no ganz oben. Aber wel­cher Con­ter­no? Es gibt fünf Barolo-Erzeuger die­ses Namens. Alle pro­du­zie­ren einen guten Wein. Ganz oben ste­hen aller­dings immer nur zwei Wein­gü­ter mit dem Namen Con­ter­no: Gia­co­mo Con­ter­no und Aldo Con­ter­no. Bei­der Inha­ber sind Brü­der. Bes­ser: waren es. Aldo ist 2012 gestor­ben, Gio­van­ni 2004. Sie hat­ten eine hohe Wert­schät­zung für­ein­an­der, doch ziem­lich unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über das, was ein guter Baro­lo ist. Also trenn­ten sie sich. Das war 1969.

Giacomo Conterno – extrem hohes Niveau gehalten

Nach ihrem Tod haben die jewei­li­gen Söh­ne das Erbe ange­tre­ten. Bei Gia­co­mo Con­ter­no ist es Rober­to Con­ter­no gelun­gen, das extrem hohe Niveau sei­nes Vaters mit nur weni­gen Modi­fi­ka­tio­nen zu hal­ten. Die Mon­forti­no Riser­va ist der gesuch­tes­te und teu­ers­te Baro­lo über­haupt. Die Riser­va Casci­na Fran­cia steht ihm nur wenig nach.

Aldo Conterno – besser als vorher

Bei Aldo Con­ter­no füh­ren die drei Söh­ne Fran­co, Gia­co­mo und Ste­fa­no den Betrieb fort, der in den letz­ten 20 Jah­ren Höhen und Tie­fen durch­lebt hat­te und den Ver­gleich mit ande­ren auf­stre­ben­den Top­win­zern der Regi­on am Ende nicht immer bestand. Mal waren die Wei­ne über­ex­tra­hiert, mal hat­ten sie eine zu hohe Säu­re. Und fast immer reif­ten sie auf der Fla­sche beängs­ti­gend schnell.

Und heu­te? Viel­leicht ist es zu früh, jetzt schon ein Resü­mée zu zie­hen. Wenn ich es doch tun müss­te, wür­de ich sagen, dass die Baro­lo von Aldo Con­ter­no fünf Jah­re nach sei­nem Tod auf einem Niveau sind, auf dem sie vor­her noch nie waren.

Die aktuellen Jahrgänge

Damit neh­me ich bereits das Resul­tat einer Pro­be der aktu­el­len Jahr­gän­ge vor­weg, die ich zusam­men mit Fran­co Con­ter­no, dem ältes­ten der drei Brü­der, vor 14 Tagen in Mün­chen bei GARIBALDI ver­kos­tet habe. Fran­co hat­te den „gene­ri­schen“ Baro­lo Bus­sia, Jahr­gangs 2013, mit­ge­bracht sowie die drei Lagen-Barolo Colo­nel­lo, Cica­la, Romi­ras­co aus dem Jahr­gang 2011.

Am Ende haben wir noch gemein­sam 2006er Gran­bus­sia ver­kos­tet, einen Baro­lo, der drei Jah­re im Fass und sechs Jah­re auf der Fla­sche reift, bevor er frei­ge­ben wird. Er bil­det die Spit­ze der Qua­li­täts­py­ra­mi­de des Wein­gu­tes. Die Beschrei­bun­gen und mei­ne Bewer­tun­gen der Wei­ne füge ich unten an. Doch eben­so inter­es­sant wie die Resul­ta­te sind die Erläu­te­run­gen, die Fran­co Con­ter­no im Gespräch gege­ben hat.

Die Selektionsschraube angezogen

Unter sei­nem Vater habe das Wein­gut deut­lich mehr Baro­lo erzeugt als heu­te, berich­tet er. Im Moment wer­den auf der glei­chen Flä­che (25 Hekt­ar) nur 80.000 Fla­schen gefüllt statt 100.000. Die Trau­ben wer­den stär­ker selek­tiert als frü­her. Nur gesun­de und voll­rei­fe Trau­ben­tei­le wer­den für die Baro­los benutzt. Die Neb­bio­lo sei dies­be­züg­lich eine emp­find­li­che Sor­te, die hal­be Sachen nicht ver­zeiht und nur bei per­fek­tem Lese­gut auch ganz gro­ße Wei­ne ergibt – und dar­um geht es bei Aldo Con­ter­no.

Die Vinifikation ist traditionell geblieben

An der Vini­fi­ka­ti­on selbst wur­de wenig ver­än­dert. Nach wie vor lie­gen die Wei­ne lan­ge (sehr lan­ge) auf der Mai­sche (30 Tage). Auch wenn die Gär­tem­pe­ra­tur die 30°C-Grenze über­schrei­tet, wird nicht gekühlt. Der Aus­bau fin­det nach wie vor in gro­ßen Holz­fäs­sern aus sla­wo­ni­scher Eiche statt – ähn­lich wie beim Bru­der­wein­gut. Aller­dings beträgt die Aus­bau­zeit nur 28 Mona­te – nicht sechs Jah­re wie beim Mon­forti­no.

Fünf Gründe für die Qualitätsverbesserung

Woher also die auf­fäl­li­ge Ver­bes­se­rung der Qua­li­tät zu den Jah­ren vor 2010?

Ers­tens: Die Reben sind wie­der ein klei­nes Stück älter gewor­den, was sich in der höhe­ren Qua­li­tät des Lese­guts nie­der­schlägt.

Zwei­tens: Eine peni­ble­re Selek­ti­on führt zu Erträ­gen zwi­schen 10 und 20 Hek­to­li­tern pro Hekt­ar. Das ist auch für Barolo-Verhältnisse extrem wenig. Zwar wür­de die Neb­bio­lo auch bei dop­pelt so hohen Erträ­gen noch auf Grand Cru-Niveau im Bur­gund lie­gen. Den Unter­schied macht die bes­se­re phy­si­sche und phy­sio­lo­gi­sche Qua­li­tät der Trau­ben aus.

Drit­tens: Die spät­rei­fe Neb­bio­lo pro­fi­tiert in den letz­ten Jah­ren immer stär­ker von der glo­ba­len Kli­ma­er­wär­mung.

Auf den frü­he­ren Aus­trieb fol­gen eine frü­he­re Blü­te und eine frü­he­re Fär­bung. Das bedeu­tet: Die Rei­fe­pha­se fällt in eine Zeit, in der das Regen- und Tem­pe­ra­tur­ri­si­ko noch gering ist. Die Trau­ben kön­nen lang­sam und sicher aus­rei­fen – ein Umstand, der für emp­find­li­che Neb­bio­lo von essen­ti­el­ler Bedeu­tung ist. Von die­sem Vor­teil pro­fi­tie­ren natür­lich nicht nur die Wei­ne von Aldo Con­ter­no, son­dern die aller Barolo-Erzeuger. Ent­spre­chend gestie­gen ist das all­ge­mei­ne Barolo-Niveau, wie exter­ne Beob­ach­ter bestä­ti­gen und wie sich an den Bewer­tun­gen der Kri­ti­ker able­sen lässt.

Vom Klimawandel profitiert

Dar­aus folgt vier­tens: Es hat in den letz­ten zehn Jah­ren aus­nahms­los gute bis sehr gute Jahr­gän­ge gege­ben, zumin­dest aus­rei­chend war­me, was für die Nebbiolo-Traube wich­tig ist.

Fünf­tens: Bus­sia hat sich ange­sichts der wär­me­ren Tem­pe­ra­tu­ren unter all den „Grand Cru“-Lagen der Barolo-Zone beson­ders her­vor­ge­tan. Zwar ist sie mit ihren 299 Hekt­ar Reben schon fast eine klei­ne Groß­la­ge.

Aber in den höhe­ren Tei­len von Bus­sia, wo die Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de am größ­ten sind und wo ein gro­ßer Teil von Aldo Con­ter­nos Reben ste­hen, ist der Qua­li­täts­an­stieg beson­ders in den war­men Jah­ren am deut­lichs­ten abzu­le­sen.

Mit den Temperaturen sind auch die Preise gestiegen

Gestie­gen sind aller­dings auch die Prei­se. Aldo Con­ter­nos Lagen­wei­ne  kos­ten um die100 Euro, oft mehr. Der Gran­bus­sia geht in Rich­tung 400 Euro und geht in Rich­tung Mon­forti­no von Gia­co­mo Con­ter­no (der aller­dings inzwi­schen auf über 800 Euro gestie­gen ist). Der „gene­ri­sche“ Baro­lo (der, wie der Zusatz „Bus­sia“ auf dem Eti­kett andeu­tet, in Wirk­lich­keit auch ein Lagen­wein ist), liegt mit rund 60 Euro deut­lich über den ent­spre­chen­den Wei­nen von Alta­re, Viet­ti, Cler­i­co, Sca­vi­no,  Gaja (Gro­mis), die ihrer­seits bereits an der Ober­gren­ze lie­gen. Wir haben es bei Aldo Con­ter­no also mit Luxus­wei­nen zu tun: teu­er, rar, außer­ge­wöhn­lich.

2013 Barolo Bussia, Aldo Conterno

2013 Barolo Bussia, Aldo Conterno

Der „Ein­gangs­wein“ kommt von drei Par­zel­len inner­halb der Lage Bus­sia. Das durch­schnitt­li­che Reben­al­ter beträgt dort 25 Jah­re. Der Wein ist in sich struk­tu­rier­ter, als es beim ers­ten Schluck den Anschein hat. Er wirkt fast leicht, ist sehr deli­kat und trinkt sich auch in die­sem jun­gen Sta­di­um rela­tiv easy. Trotz mehr als drei­jäh­ri­ger Rei­fe­zeit ist er viel fri­scher als die meis­ten Baro­lo. Kei­ne Spur von Herbst­laub, ver­blüh­ten Rosen, Back­pflau­men oder ande­ren Tro­cken­früch­ten, son­dern von fri­schen Pflau­men, fri­schen Trüf­feln und jodi­ger Süße. 2013 war im Gegen­satz zu 2012 und 2011 ein etwas küh­le­rer Jahr­gang, was Wei­nen aus bes­ten Lagen zugu­te kommt: Sie besit­zen Span­nung. Ange­sichts die­ses Jahrgangs-Bonus ist der Bus­sia 2013 für mich bes­ser oder genau­so gut wie manch Lagen-Barolo aus weni­ger guten Jah­ren.

Bewer­tung: 93/100

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2011 Barolo Bussia Colonello, Aldo Conterno

2011 Barolo Bussia Colonello, Aldo Conterno

Die Par­zel­le, aus der der Colonello-Barolo kommt, befin­det sich im tie­fer gele­ge­nen Teil der Lage Bus­sia und ist mit Reben bestockt, die durch­schnitt­lich 45 Jah­re alt sind. Sie liegt näher zum Dorf Baro­lo als zum Dorf Mon­for­te d’Alba. Das schmeckt man dem Wein inso­fern an, als er der „zahms­te“ aller drei Lagen-Barolos ist. Tan­nin besitzt er reich­lich, aber es ist jenes wei­che Tan­nin, wie man es von Wei­nen aus wär­me­ren Zonen kennt. Auch haben die Böden in der Colonello-Parzelle mehr Sand, was dazu führt, dass hier kei­ne ganz „har­te“ Num­mer von Baro­lo ent­steht. Von der Aro­ma­tik her ist der Colo­nel­lo der leben­digs­te, fri­sches­te aller drei Lagen-Weine, der zwar kein bibli­sches Alter errei­chen wird, sich aber sicher­lich vie­le Jah­re posi­tiv auf der Fla­sche ver­fei­nern dürf­te.

Bewer­tung: 93/100

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2011 Barolo Bussia Cicala, Aldo Conterno

Der Cica­la erwies sich bei der Ver­kos­tung als der fort­ge­schrit­tens­te aller drei Lagen­wei­ne: trans­pa­rent gra­nat­rot in der Far­be, im Aro­ma von ers­ten Rei­fe­aro­men geprägt (Tro­cken­blu­men, Süß­la­kritz), aber noch mit einem toughen Tan­nin durch­zo­gen. Die fort­ge­schrit­te­ne Ent­wick­lung irri­tier­te mich ein wenig, auch wenn 2011 ein sehr war­mer Jahr­gang war, des­sen Wei­ne natur­ge­mäß schon früh zugäng­lich sind. Viel­leicht wegen der fort­ge­schrit­te­nen Rei­fe macht der Cica­la im Moment am meis­ten Spaß. Cica­la ist die wärms­te Par­zel­le in Bus­sia mit einem höhe­ren Anteil an Kalk­stein als an Lehm. Das prägt die Baro­lo die­ser Lage.

Bewer­tung: 93-95/100

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2011 Barolo Bussia Romirasco, Aldo Conterno

2011 Barolo Bussia Romirasco, Aldo Conterno

Romi­ras­co ist die höchst gele­ge­ne Par­zel­le in der Lage Bus­sia und die­je­ni­ge mit den ältes­ten Reben (55 Jah­re) und dem höchs­ten Lehm­an­teil im Unter­grund. Das zusam­men macht, dass von dort beson­ders in den war­men Jah­ren wie 2011 die bes­ten Wei­ne kom­men. Der Romirasco-Barolo ist zwar von sei­ner Trink­rei­fe noch weit, weit ent­fernt. Die Balan­ce ist aber jetzt schon spür­bar: Mas­sen von gut ver­schmol­ze­nem Tan­nin auf der einen Sei­te, auf der ande­ren Sei­te viel Extrakt und eine dich­te Tex­tur, was zusam­men macht, dass der Wein trotz sei­nes jun­gen Sta­di­ums schon sehr har­mo­nisch über den Gau­men läuft. Die Böden der Romirasco-Parzelle wei­sen im Unter­schied zu den ande­ren Par­zel­len Magne­si­um auf. Laut Fran­co Con­ter­no macht das die Beson­der­heit des Weins aus.

Bewer­tung: 95/100

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2006 Barolo Riserva Granbussia, Aldo Conterno

2006 Barolo Riserva Granbussia, Aldo Conterno

Die Riser­va Gran­bus­sia ist eine Art tête de cuvée Aldo Con­ter­nos: eine Aus­le­se der bes­ten Trau­ben von den bes­ten Bussia-Lagen des Wein­guts. Kon­kret kom­men 70 Pro­zent aus der Romirasco-Parzelle und je 15 Pro­zent aus Cica­la und Colo­nel­lo. Der Wein ist bereits vor zwei Jah­ren frei­ge­ge­ben wor­den. Wäre er eine grie­chi­sche Säu­le, wür­de ich in ihm korin­thi­sche Züge erken­nen: schlank und mit fei­nen Orna­men­ten aus­ge­stat­tet, aber nicht zu ver­spielt. Kon­kret: ein Wein, der stäm­mig ist, aber sei­ne Schwe­re kaum spü­ren läßt. Das Tan­nin ist süß und fein­kör­nig, das Aro­men­spek­trum reicht von Veil­chen und Gra­nat­ap­fel über Teer bis zu Moos. Obwohl 2006 ein gro­ßer Barolo-Jahrgang war, glau­be ich nicht, dass die­ser Gran­bus­sia schon das Ende der Fah­nen­stan­ge dar­stellt, auch des­halb nicht, weil in 2006 die stren­gen Selek­ti­ons­re­geln noch nicht voll in Anwen­dung waren. Aber das ist Spe­ku­la­ti­on.

Bewer­tung: 96/100

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2 Kommentare

  • „Ganz oben ste­hen aller­dings immer nur zwei Wein­güter mit dem Namen Con­ter­no: Giu­sep­pe Con­ter­no und Aldo Con­ter­no. Bei­der Inha­ber sind Brü­der. Bes­ser: waren es. Aldo ist 2012 gestor­ben, Gio­van­ni 2004.“

    Das müss­te m.E. über­ar­bei­tet wer­den. Gia­co­mo soll­te doch irgend­wie eine Rol­le spie­len (und nicht Giu­sep­pe und Gio­van­ni)?

    • Schon ver­bes­sert. Der Mon­forti­no kommt natür­lich aus dem Wein­gut Gia­co­mo Con­ter­no (nicht Giu­sep­pe), und der erwähn­te Bru­der von Aldo hiess Gio­van­ni Con­ter­no. Ich bit­te um Ent­schul­di­gung.

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