2018 ilBio von Lungarotti: der Wein, dem das Momentum gehört

Das stille Umbrien ist nicht gerade ein Hotspot für Wein. Aber in Nischen gedeihen manchmal besonders schöne Gewächse. Wir haben eines entdeckt.

Die­ser Rot­wein gehört zum Bes­ten, was ich in der Preis­ka­te­go­rie „Unter 10 Euro“ im letz­ten Jahr getrun­ken habe: ein kraft­vol­ler, gera­de­zu wuch­ti­ger Wein mit pral­ler Frucht und ultra­fei­nem Tan­nin, den man – wenn er nicht cha­rak­te­ris­tisch medi­ter­ra­ne Züge trü­ge – fast in eine Rei­he mit einem jun­gen Châteauneuf-du-Pape stel­len könn­te. So eine Qua­li­tät trifft man sel­ten in Ita­li­en, und wenn doch, dann kos­tet die Fla­sche locker 20 Euro oder mehr. Dabei ist es nicht allein die Qua­li­tät, die mich beein­druckt. Es ist der spe­zi­el­le Cha­rak­ter des Weins. Die fei­nen bal­sa­mi­schen Noten, mit denen er auf­war­tet, die an Zimt, Wachol­der und Pini­en­harz erin­nern. Die hohe Rei­fe der Frucht, die ihm einen Hauch von Mon Ché­rie geben. Da ist aber auch die Leich­tig­keit, mit der er sich trinkt (obwohl er 15 % Vol. Alko­hol auf­weist), die Fri­sche, die trotz der Fül­le nicht ver­lo­ren gegan­gen ist. Sicher, Fili­gran­trin­ker wer­den bei die­sem Wein ein­kni­cken. Aber wer den Über­schwang liebt, wird sich schnell mit ihm anfreun­den.

Lungarotti brachte Umbrien allein zum Strahlen

Der Wein kommt aus Umbri­en, einer klei­nen, ein wenig ver­schla­fe­nen Regi­on in Mit­tel­ita­li­en, die von der Tos­ka­na und von den Mar­ken ein­ge­schlos­sen wird und kei­nen eige­nen Zugang zum Meer besitzt. Die Oli­ven­öle der Regi­on gehö­ren zu den bes­ten der Welt. Beim Wein gab es bis vor 40 Jah­ren nur einen Namen, der Umbri­en zum Strah­len gebracht hat: Lun­ga­rot­ti. Die­ses Fami­li­en­un­ter­neh­men aus dem Städt­chen Tor­gia­no reprä­sen­tier­te mit 250 Hekt­ar Wein­ber­gen Umbri­en prak­tisch allein. Sein emble­ma­tisch­ter Rot­wein, der Rubes­co, ist eine fei­ne Sangiovese-/Colorino-Cuvée mit einem Preis-/Leistungsverhältnis,  wie es in Ita­li­en inzwi­schen sel­ten gewor­den ist. Lun­ga­rot­tis Spit­zen­ge­wächs, die Rubes­co Riser­va „Vigna Mon­ti­c­chio“, ist zur ele­gan­ten Alter­na­ti­ve zur Gran Sele­zio­ne des Chi­an­ti Clas­si­co avan­ciert.

Reben bei Tor­gia­no in Umbri­en © Lun­ga­rot­ti

Der Aufstieg von Montefalco

Im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te sind in Umbri­en noch vie­le ande­re Wein­gü­ter ent­stan­den und haben auf sich auf­merk­sam gemacht, vor allem um das Städt­chen Mon­te­fal­co. Der Mon­te­fal­co Sagran­ti­no, der dor­ti­ge Top­wein,  ist qua­si das Gegen­stück zu den Wei­nen aus Tor­gia­no: üppig, schwer, gerb­stoff­reich. Die Sor­te Sagran­ti­no strotzt nur so vor Tan­nin. In den 1990er Jah­ren haben Wein­gü­ter aus ganz Ita­li­en in Mon­te­fal­co inves­tiert, um beim Sagranino-Boom dabei zu sein. Die erhoff­ten, ganz gro­ßen Erfol­ge blie­ben jedoch aus. Zu klo­big, zu behä­big waren vie­le Wei­ne, über­ex­tra­hiert und bis­wei­len völ­lig unzu­gäng­lich. Lun­ga­rot­ti hat in Mon­te­fal­co erst rela­tiv spät inves­tiert, näm­lich im Jah­re 2000.  Sein Sagran­ti­no litt schon nicht mehr unter den Kin­der­krank­hei­ten der ers­ten Genera­ti­on von Wei­nen. Im Gegen­teil: Er prä­sen­tier­te sich geschmei­dig und ohne über­gro­ße Tan­n­in­här­ten. Aller­dings war (und ist) auch er zu 100 Pro­zent aus Sagrantino-Trauben gekel­tert, wie es die DOCG-Statuten vor­se­hen. Ent­spre­chend lang­sam ent­wi­ckelt er sich.

Der ilBio ist eine Art Sagrantino light

Um ihn zugäng­li­cher zu machen, ohne die Sagrantino-Charakteristiken zu ver­lie­ren, begann man bei Lun­ga­rot­ti zu expe­ri­men­tie­ren. Man ver­gor die Mai­sche etwas küh­ler, ver­kürz­te die Mai­sche­stand­zeit, hal­bier­te die Aus­bau­zeit im Kel­ler und ver­wen­de­te Trau­ben aus einer Par­zel­le mit jun­gen, bio­lo­gisch ange­bau­ten Reb­stö­cken. Klar, dass die­se Expe­ri­men­tal­ver­si­on nicht als Mon­te­fal­co Sagran­ti­no auf den Markt kom­men konn­te. Sie fir­mier­te als Umbria Ros­so, also als ein­fa­cher Land­wein (IGT). Außer­dem wag­te man es, mit etwas höhe­ren Erträ­gen zu arbei­ten als beim DOCG-Wein. So ent­stand der ilBio, eine Art Sagran­ti­no light. Die Über­ra­schung: in den ein­schlä­gi­gen Wein­füh­rern, etwa im Gam­be­ro Ros­so,  erziel­te die­ser Wein genau­so hohe, manch­mal sogar höhe­re Bewer­tun­gen als der zwei­ein­halb mal so teu­re DOCG-Wein. Das schmei­chel­haf­te Urteil der Tes­ter soll­te jedoch nicht falsch inter­pre­tiert wer­den. Auf lan­ge Sicht ist der Mon­te­fal­co Sagran­ti­no zwei­fel­los der grö­ße­re Wein. Doch in den ers­ten Jah­ren char­miert der ilBio ein­fach mehr. Ihm gehört das Momen­tum.

2018  ilBio Umbria Ros­so IGT, Can­ti­ne Lun­ga­rot­ti

Preis: 9,99 Euro

Bezug: https://centro-italia.de

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