Unter 10 Euro: Grieser Lagrein von der Kellerei Bozen

2010 Grieser Lagrein
Wer nach all den superleckeren, superweichgespülten, superpreiswerten Rotweinen, die derzeit den Markt überschwemmen, Lust auf einen unverbogenen, herzhaften Rotwein hat, dem sei ein urtümlicher Lagrein aus der Kellerei Bozen empfohlen. Selbst notorische Italien-Verächter könnten bei ihm weich werden.

Schon die Far­be ist sen­sa­tio­nell: ein Vio­lett­rot so tief, dass – soll­te ver­se­hent­lich eine Mün­ze ins Glas fal­len – die­se ohne Taschen­lam­pe nicht wie­der­zu­fin­den wäre. Dafür kön­nen weder Kel­ler­meis­ter noch Wein etwas. Die Sor­te Lag­rein ist so dun­kel.

Dunk­le Wei­ne schrau­ben den Erwar­tungs­ho­ri­zont der Wein­trin­ker nor­ma­ler­wei­se höher. Sie signa­li­sie­ren, dass es sich nicht um ein dün­nes Tröpf­chen han­delt (was aller­dings bei hel­len Wei­nen auch nicht immer der Fall ist), son­dern um einen rich­ti­gen Wein. Bei die­sem Lag­rein besteht die Erwar­tung zu Recht. Er besitzt Sub­stanz. Er hat Kör­per. Er zeigt, was er hat.

Zu Pizza und Steak

Zum Bei­spiel ein kräf­ti­ges, von kei­ner Holz­no­te getrüb­tes, fast noch pri­mär­fruch­ti­ges Bou­quet, vor­herr­schend Veil­chen und Sauer­kir­sche, im Hin­ter­grund feuch­te Erde, schwar­zer Pfef­fer, ein Hauch von Bit­ter­scho­ko­la­de. Dazu ein jun­ges, noch etwas unge­stü­mes Tan­nin. Und eine herz­haf­te Säu­re. Kurz: ein urtüm­li­cher, völ­lig unver­bo­ge­ner Wein, der hier emp­foh­len wird, weil er unge­mein gut schmeckt und ganz und gar eigen­stän­dig ist. Zur Piz­za passt er per­fekt. Das Puten­ge­schnet­zel­te wird durch ihn zu einem inter­es­san­ten Gericht. Dem Steak aus der Pfan­ne zeigt er die Brust.

Dabei ist die Kel­le­rei Bozen, die ihn erzeugt, eine Genos­sen­schaft. Und der Grie­ser Lag­rein steht in der Betriebs­hier­ar­chie die­ser Genos­sen­schaft ganz unten. Vom Papier her also nichts für fei­ne Zun­gen. Aber Genos­sen­schaf­ten in Süd­ti­rol sind etwas ande­res als Genos­sen­schaf­ten in Deutsch­land. Von ihnen kom­men in der Regel die bes­ten Wei­ne, weil sie über die bes­ten Lagen des Anbau­ge­biets ver­fü­gen.

„Gries liefert den samtigsten Lagrein“

Das gilt beson­ders für die Kel­le­rei Bozen (die aus einem Zusam­men­schluss der Kel­le­rei St. Mag­da­le­ner und der Kel­le­rei Gries her­vor­ge­gan­gen ist). Kein ande­rer Erzeu­ger Süd­ti­rols besitzt so viel Spit­zen­la­gen für die Sor­te Lag­rein wie sie. Das ist kein Zufall: Der bes­te Lag­rein wächst im Boz­ner Stadt­teil Gries, spe­zi­ell auf den Kies­bö­den des Zusam­men­flus­ses von Etsch und Tal­fer. Genau da steht die Kel­le­rei, und genau dort

Kellerei Bozen

befin­det sich ein gro­ßer Teil ihrer Trau­ben­lie­fe­ran­ten. „Gries steht für den sam­tigs­ten aller Lagrein-Weine Süd­ti­rols“, sagt Ste­phan Filip­pi, Chef und Kopf der Kel­le­rei Bozen.

Für die, die mit der Sor­te Lag­rein nicht anzu­fan­gen wis­sen: Sie ist eine uralte, ein­hei­mi­sche Trau­be Süd­ti­rols. Laut DNA-Analysen soll sie zur gro­ßen Fami­lie der Syrah-Gewächse gehö­ren. Doch schmeckt man das dem Wein nicht an. Außer­halb Süd­ti­rols hat die Lag­rein prak­tisch nie Ver­brei­tung gefun­den. Ihr ange­stamm­tes Anbau­ge­biet inner­halb Süd­ti­rols ist der war­me Boz­ner Tal­kes­sel. Doch mit dem Auf­stieg die­ses Weins wur­de die Reb­flä­che dort zu klein, zumal die aus­ufern­de Urba­ni­sa­ti­on der Stadt Bozen sich kra­ken­haft in die letz­ten noch bestehen­den Reb­an­la­gen fraß (und wei­ter frisst).

Heimat des Lagrein: Bozner Talkessel

Bozner Talkessel

Inzwi­schen wird die Sor­te Lag­rein auch außer­halb des Boz­ner Tal­kes­sels erfolg­reich ange­baut, etwa am Fuß der Hän­ge des Etsch­tals. In den neu­en Wein­ber­gen rankt die Rebe – wie all die ande­ren Sor­ten auch – an Dräh­ten, und der Wein, den sie schenkt, schmeckt anders als der Grie­ser Lag­rein. Sein Tan­nin ist etwas rau­er, die Säu­re etwas höher, die Aro­ma­tik fruch­ti­ger und weni­ger von Kakao- und Scho­ko­la­den­no­ten geprägt. Dass die­ser Lag­rein weni­ger gut sei, soll damit nicht gesagt wer­den. Aber nach Ein­schät­zung vie­ler maß­geb­li­cher Wein­kri­ti­ker kom­men die bes­ten Lagrein-Weine von der Kel­le­rei Muri Gries, der Kel­le­rei Ter­lan und der Kel­le­rei Bozen – alles Erzeu­ger, die ihre Trau­ben aus dem Boz­ner Tal­kes­sel bezie­hen.

An Fül­le und Fein­heit sind die Lag­rein, die dort wach­sen, unüber­trof­fen. Etwa die Lag­rein Riser­va Taber, der Spit­zen­wein der Boz­ner Genos­sen. Er kommt von alten Reb­an­la­gen des Taber­hofs. Ent­spre­chend dicht, weich, rar und lang­le­big ist der Wein. Frei­lich kos­tet er auch rund 25 und nicht 7,90 Euro.

Perfektes Lagrein-Terroir

Wer das per­fek­te „ter­ro­ir“ für eine Reb­sor­te besitzt, ist meist auch bei den ein­fa­chen Wei­nen im Stan­de Qua­li­tä­ten zu erzeu­gen, die anders­wo nur mit hohem Auf­wand zu erzie­len sind. So kommt es, dass auch der Grie­ser Lag­rein wesent­lich bes­ser ist, als sein Preis ver­mu­ten lässt.

Sicher, wer täg­lich edle Rio­jas oder gereif­te Bor­deaux trinkt, wird mit die­sem Wein nichts anfan­gen kön­nen. Sno­bis­ti­scher Schwär­me­rei ist der Grie­ser Lag­rein unver­däch­tig. Er ist herz­haft, unver­bo­gen, pri­mär­fruch­tig und ohne jenen uni­for­men öno­lo­gi­schen Schliff, den mitt­ler­wei­le jeder Bil­lig­wein aus Bul­ga­ri­en, Maze­do­ni­en oder Süd­spa­ni­en auf­weist. Wer lecke­re Weich­spü­ler vor­zieht, möge die Hän­de von die­sem Lag­rein las­sen.

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1 Kommentar

  • Über wel­che Bezugs­quel­le bekommt man den Wein zu die­sem Preis? Ich habe bis­her nur eine Quel­le zu unge­fähr 9 € gefun­den.

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