Gerhard Strunz, Italienweinhändler aus Garmisch-Partenkirchen, hat weinkenner.de eine Flasche Rotwein geschickt und gebeten ihn zu probieren. Jens Priewe ist der Bitte nachgekommen und hat einen perfekt gemachten Wein zu einem sensationell guten Preis von sechs Euro vorgefunden. Geschmeckt hat er ihm jedoch nicht. Und kaufen würde er ihn nie. „Wusste ich“, schmunzelt Strunz durchs Telefon. „Diesen Wein kaufen praktisch nur Frauen, und zwar kartonweise.“
„Ein Wein, der nicht nach den Kriterien der Weinkritiker gemacht ist“, kontert Gerhard Strunz, Weinhändler aus Garmisch-Partenkirchen, den sie wegen seiner Italienaffinität „Gerardo“ nennen. Er hat diesen Wein vor drei Jahren unter größten Bedenken ins Sortiment genommen, nicht ahnend, das er sich zu einem echten Bestseller entwickeln würde. Mehr noch: zu einem Schlüsselwein. „Und der Clou ist, dass dieser Wein fast nur von Frauen gekauft wird. Sie kommen in den Laden, fragen gezielt nach diesem Wein und nehmen ihn kartonweise mit.“
Dass der Riflessi Rosso ein Wein ist, auf den die Frauen fliegen, ahnte Gerardo nicht. Er wurde selbst überrascht vom Erfolg dieses Wein beim weiblichen Publikum. Zufall? Glaubt er nicht. Der niedrige Preis von sechs Euro? „Erleichtert bestimmt die Kaufentscheidung. Aber warum greifen dann nicht auch Männer zu?“
Funktionierende Mundpropaganda unter Frauen in einer Kleinstadt wie Garmisch-Partenkirchen? Wenig wahrscheinlich: „Dadurch dass wir auch online verkaufen, haben wir Kunden in ganz Deutschland, sogar in ganz Europa. Etwa in Österreich, in der Schweiz, in den Niederlanden. Auch unter diesen Kunden sind es fast nur Frauen, die den Riflessi Rosso bestellen.“
Mögen Frauen kein Tannin? Jenes Element, das nach Expertenmeinung einen guten Bordeaux, einen guten Barolo, einen guten Merlot ausmacht? Auch Tobias Strunz, „Gerardos“ 31jähriger Sohn glaubt, dass viele Frauen mit dem oft pelzigen, spröden Tannin in jungen Rotweinen nicht klar kommen. Er war übrigens verantwortlich für die Aufnahme des Riflessi Rosso ins Sortiment: „Ein richtiger Frauenwein, der beim weiblichen Publikum sehr gut ankommt, da er über etwas Restsüße und eine geringe Bitterkeit verfügt.“
Strunz gesteht, dass er sich anfangs geschämt hat für den Wein. Inzwischen sagt er: „Ich kann mit dem Wein leben.“ Sogar von dem Wein leben – für einen Weinhändler nicht ganz unwichtig (www.gerardo.de).