2009 Les Amis de la Bouissière, Gigondas

Les Amis de la Bouissière heißt der dritte Wein von La Bouissière, der unterste in der Hierarchie der berühmten Domaine in Gigondas an der südlichen Rhône. Er ist provozierend als „französischer Tafelwein“ etikettiert. Einen Jahrgang trägt er nicht. Dennoch ist er ein Rotwein von überwältigender Fülle, der nur halb so viel wie ein stolzer Gigondas kostet.

Den Brü­dern Gil­les und Thier­ry Fara­vel, die in Gigon­das die neun-Hektar-Domaine La Bouis­siè­re bewirt­schaf­ten, geht der Ruf vor­aus, kei­ne hal­ben Sachen zu machen. Sie sind Win­zer von ech­ten Schrot und Korn, die selbst im Kel­ler ste­hen und im Wein­berg selbst Hand anle­gen. Man­che ihrer Nach­barn bezeich­nen sie als „arbeits­wü­tig“.

Ihr nor­ma­ler Gigon­das Tra­di­ti­on und die hoch­klas­si­ge Cuvée Font de Tonin glän­zen bei Erträ­gen unter 30 Hek­to­li­tern pro Hekt­ar immer wie­der durch hohe Bewer­tun­gen der inter­na­tio­na­len Wein­kri­tik. Sie stel­len das Gegen­pro­gramm zu den kraft­vol­len Wei­nen der Domai­ne de San­ta Duc dar, des füh­ren­den Gigondas-Erzeugers. Das küh­le­re Klein­kli­ma in den hohen Lagen der Den­tel­les de Mont­mi­rail för­dert die Dif­fe­ren­ziert­heit, Viel­schich­tig­keit und auch die Fri­sche der Bouissière-Weine.

Wäh­rend der Gigon­das der bei­den Brü­der immer eini­ge Jah­re der Rei­fe benö­tigt, um sei­ne gan­ze Exqui­se unter Beweis zu stel­len, ist der Les Amis zum sofor­ti­gen Genuss gedacht, zumin­dest zum Genuss ab dem zwei­ten Jahr. Auch wenn er in der Hier­ar­chie ganz unten steht, ist er von sei­ner Fül­le und Frucht her ein über­wäl­ti­gen­der Wein, der, wenn es um schie­re Opu­lenz gin­ge, dem dop­pelt so teu­ren Gigon­das kaum nach­steht.

Gilles und Thierry FaravelMit 14,5 Vol.% Alko­hol ist er kein Leicht­ge­wicht. Aber sol­che Alko­hol­ge­hal­te sind an der süd­li­chen Rhô­ne auch bei ein­fa­chen Wei­nen die Regel. Für Gil­les und Thier­ry und ihre Freun­de ist der Les Amis trotz­dem ein All­tags­wein, der unge­trüb­ten Trink­ge­nuss bie­tet – zu einer ein­fa­chen Paté, Lamm­spieß­chen oder einem Käse mit Baguette. Les Amis haben sie des­halb den Wein genannt. Zu Deutsch: Die Freun­de.

Das Eti­kett des Weins ist bei­na­he beschä­mend schlicht. Außer dem Namen des Weins und der Win­zer ent­hält es kei­ne Anga­ben, die dem Wein­trin­ker hel­fen könn­ten, die­sen Wein irgend­wie ein­zu­ord­nen. Nicht ein­mal ein Jahr­gang ist auf­ge­druckt, und die Bezeich­nung Gigon­das taucht eben­falls nir­gend­wo auf – nur die irre­füh­ren­de Bezeich­nung vin de table de Fran­ce, also fran­zö­si­scher Tafel­wein.

Eine Pro­vo­ka­ti­on, aber kor­rekt. Denn Les Amis de la Bous­siè­re ist zwar im Anbau­ge­biet von Gigon­das gewach­sen, darf sich aber nicht so nen­nen. Neben Grenache und Syrah, den typi­schen Gigondas-Sorten, ent­hält er 40 Pro­zent Merlot-Trauben. Die­se Sor­te ist für einen Wein aus Gigon­das nicht zuge­las­sen. Folg­lich muss­ten die Fara­vels ihren Les Amis zum ein­fa­chen Tafel­wein deklas­sie­ren, ohne nähe­re Her­kunfts­an­ga­be, ohne Jahr­gang auf dem Eti­kett.

Die Stadt GigondasGil­les und Thier­ry zucken mit den Schul­tern und lächeln gequält: Von denen, für die die­ser Wein gemacht ist, hat sich noch nie­mand an dem Eti­kett gestört. In Super­märk­ten ver­kau­fen sie ihre Wei­ne nicht, und die Wein­fach­händ­ler, die den Wein anbie­ten, wis­sen, was sie an dem Les Amis haben. Ent­we­der durch Eigen­ver­kos­tung oder durch einen Blick in Robert Par­kers Wine Advo­ca­te: Mit 91 Punk­ten hat der Ame­ri­ka­ner die­sen Tafel­wein bewer­tet.

Aber wie sind Gil­les und Thier­ry auf die Mer­lot gekom­men? „Wir haben“, wie der für den Kel­ler zustän­di­ge frü­he­re Jazz-Bassist Thier­ry anmerkt, „die sin­nen­be­tö­ren­den Qua­li­tä­ten der Mer­lot beim Pétrus ent­deckt, dem berühm­ten Pomerol-Wein.“

In den Wein­ber­gen die­ses Luxus-Bordeaux wächst die Mer­lot auf einem von blau­em Lehm gepräg­ten ter­ro­ir, und weil sie dort eine so unge­heu­er ele­gan­te, geschlif­fe­ne Frucht ent­wi­ckelt, haben Gil­les und Thier­ry gedacht, sie könn­ten es auch ein­mal mit der Mer­lot ver­su­chen.

Eine Par­zel­le mit Lehm- und Ton besitzt die Domai­ne de la Bouis­siè­re näm­lich auch, unten am Flüss­chen Ouvè­ze, wo man trotz der schö­nen Roll­kie­sel­de­cke für die Rhône-Sorten kei­ne beson­de­ren Qua­li­tä­ten erwar­ten darf. Da Pro­bie­ren über Stu­die­ren geht, hat­ten Gil­les und Thier­ry dort vor 12 Jah­ren Mer­lot ange­pflanzt. Das Resul­tat war schlicht umwer­fend: tiefs­tes Pur­pur­vio­lett, eine enor­me Aro­ma­fül­le von Schwarz­kir­sche, Holun­der, etwas Cas­sis und Zimt in der Nase und eine frei­gie­bi­ge, gera­de­zu vibrie­ren­de jun­ge Frucht, die mit einem Hauch von zer­rie­be­nen Blät­tern von Schwarz­kir­sche und rei­fen Wald­bee­ren bis hin zu leicht men­tho­li­gen Cassis-Noten reicht. Enor­me Stof­fig­keit, rei­fe, zart­bit­te­re Tan­ni­ne und ein bemer­kens­wer­ter Nach­hall – und das alles zum Preis einer Kino­kar­te. „Genuss für alle Tage“, freut sich Gil­les Fara­vel, der sich um die Reben küm­mert.

Man täu­sche sich nicht, trotz des gerin­gen Prei­ses: Wer den Les Amis de la Bouis­siè­re in eine anony­me Pro­be mit den Spit­zen der Ventoux-Region ein­schmug­gel­te, etwa mit einem syrah­be­ton­ten Vac­quey­ras oder einem jugend­li­chen Châteauneuf-du-Pape, der wür­de ver­mut­lich sein (violett-)blaues Wun­der erle­ben.

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