20 Jahre Luce: Sangiovese mit Merlot – kann das gutgehen?

Zehn Jahrgänge des Luxusweins Luce
Zehn Jahrgänge des Luxusweins Luce
Kennen Sie Luce? Einer dieser Supertuscans, die einst die Welt bewegten und heute viele Weintrinker ratlos machen. Jens Priewe probierte zehn Jahrgänge des Luxusweins und sah danach klarer.

Zehn Jahr­gän­ge Luce aus der Magn­um­fla­sche – eine nicht-alltägliche Wein­pro­be. Auf der einen Sei­te ein gro­ßes Genuss-Versprechen, das auf mich war­te­te, auf der ande­ren Sei­te die Hoff­nung auf Erkennt­nis­ge­winn.

Denn der Luce ist unter den Super­tu­scans, zu denen er gehört, einer der unbe­kann­te­ren. Antin­o­ris Tigna­nel­lo und Sola­ia sind wesent­lich bekann­ter. Wie groß der Genuss war und wel­che Erkennt­nis die Pro­be zu Tage för­der­te, davon wei­ter unten.

Merlot kann der Sangiovese gefährlich werden

Das Sonnensymbol von Luce
Das Son­nen­sym­bol von Luce

Was ist der Luce genau? Ein Rot­wein. Er besteht je zur Hälf­te (unge­fähr) aus San­giove­se und Mer­lot. Eine nicht all­täg­li­che Mischung für die Tos­ka­na, in der die Rot­wei­ne nach Mei­nung vie­ler Exper­ten mög­lichst rein­sor­tig aus Sangiovese-Trauben gekel­tert wer­den soll­ten. Und wenn nicht, dann nur mit klei­nen Antei­len Mer­lot, Caber­net Sau­vi­gnon, Syrah oder ande­ren inter­na­tio­na­len Sor­ten. Sie haben die unan­ge­neh­me Eigen­schaft, die San­giove­se geschmack­lich zu domi­nie­ren und ihr so den urwüch­si­gen Cha­rak­ter zu „steh­len“, wenn sie zu hoch por­tio­niert sind.

In Fal­le des Luce wach­sen bei­de Sor­ten in Mon­tal­ci­no, also im Anbau­ge­biet des Bru­nel­lo. Mon­tal­ci­no ist eine der bes­ten Appel­la­tio­nen der Tos­ka­na. Ent­spre­chend hoch sind die Erwar­tun­gen an den Wein. Der Preis tut ein Übri­ges. Rund 90 Euro kos­tet die Fla­sche. Das zwölf­zün­gi­ge Son­nen­sym­bol, das die Fla­sche ziert, stammt übri­gens vom Hoch­al­tar der Kir­che San­to Spi­ri­to in Flo­renz. Das Grund­stück, auf dem sie errich­tet ist, wur­de der Kir­che einst von den Mar­che­si de’Frescobaldi zur Ver­fü­gung gestellt.

Joint Venture von Frescobaldi und Mondavi

Altarbild von Santo Spirito
Altar­bild von San­to Spi­ri­to

Die Fres­co­bal­di ste­hen hin­ter dem Luce. Sie haben das Wein­gut Luce del­la Vite 1993 als Joint Ven­ture zusam­men mit dem kali­for­ni­schen Wein­pio­nier Robert Mon­da­vi gegrün­det. Das gemein­sa­me Ziel: neue Wege beschrei­ten bei der Pro­duk­ti­on von Spit­zen­wei­nen in der Tos­ka­na. Bei­de Fami­li­en haben ihr Know-how in das Pro­jekt ein­ge­bracht – Mon­da­vi mit der Reb­sor­te Mer­lot, Fres­co­bal­di mit der San­giove­se. 1993 kam der ers­te Luce her­aus.

Seit­dem sind 20 Jahr­gän­ge erschie­nen. Zehn hat­te Lam­ber­to Fres­co­bal­di, der heu­te für den Wein Ver­ant­wort­li­che, für die Pro­be aus­ge­sucht. Sie fand an einem unge­wöhn­li­chen Ort statt: in einer Kir­che. Kon­kret: in der St. Johan­nis­kir­che im Ham­bur­ger Stadt­teil Alto­na. Ein neo­go­ti­scher Back­stein­bau, der 600 Got­tes­dienst­be­su­chern Plätz böte –  wenn sie denn kämen. Da das nicht der Fall ist, hat sich die Evangelisch-Lutherische Lan­des­kir­che ent­schlos­sen, ihr Got­tes­haus an Tagen, an denen kei­ne Got­tes­diens­te statt­fin­den, für kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen zu öff­nen. Seit­dem heißt St. Johan­nis bei den Ham­bur­gern nur „Kul­tur­kir­che Alto­na“, und mit dem Geld, das die Luthe­ra­ner durch die Event­ver­mark­tung ein­neh­men, kön­nen Dach und Spitz­turm saniert wer­den. Das nur kurz neben­bei.

Besser als ein Brunello di Montalcino?

Luce-Probe in der Kul­tur­kir­che Alto­na­Was hat die Pro­be gezeigt? Auf jeden Fall, dass der Luce in sei­nen bes­ten Jahr­gän­gen ein groß­ar­ti­ger, lang­le­bi­ger Genuss­wein ist, der in punc­to Fül­le, Kom­ple­xi­tät, Fein­heit unter den Super­tu­scans ganz oben ange­sie­delt ist. Eini­ge Jahr­gän­ge erfüll­ten aller­dings die Erwar­tun­gen nicht ganz, die man mit einem Luxus­wein ver­bin­det. Sie waren gut, aber ohne lan­gen Atem, den gro­ße Wei­ne haben soll­ten. Und die Fra­ge, ob der Luce schluss­end­lich bes­ser ist als ein Bru­nel­lo di Mon­tal­ci­no, kann ich nicht beant­wor­ten. Eine Grape­fruit ist ja auch nicht bes­ser als eine Zitro­ne, nur weil sie grö­ßer und weni­ger sau­er ist.

Wel­che Erkennt­nis­se hat die Pro­be gebracht? Man kann, wenn man es nicht schon vor­her wuss­te, sagen, dass die Sor­te Mer­lot für mehr Opu­lenz sorgt, als die San­giove­se geben kann. Sie macht, dass der Luce ein­fa­cher zu trin­ken und leich­ter zu ver­ste­hen ist als ein rein­sor­ti­ger Sangiovese-Wein. Wenn es nicht so nega­tiv klän­ge, könn­te man sagen: Mer­lot macht den Wein main­strea­m­i­ger.

 

„Die Merlot ist ein Biest“

Lamberto Frescobaldi probiert den Wein
Lam­ber­to Fres­co­bal­di pro­biert den Wein

Wahr ist aber auch, dass die Mer­lot in der Tos­ka­na unab­hän­gig vom main­stream sehr gute Qua­li­tä­ten ergibt, auch wenn sie in Mon­tal­ci­no eine von den Ein­hei­mi­schen nicht son­der­lich will­kom­me­ner Ein­dring­ling ist. Sie neigt zu hohen Alko­hol­ge­hal­ten und deckelt die cha­rak­te­ris­ti­sche Sangiovese-Säure. „Die Mer­lot ist ein Biest“, sag­te Lam­ber­to Fres­co­bal­di, ohne sie damit ver­flu­chen zu wol­len. Eigent­lich müss­te man jetzt Tim Mon­da­vi fra­gen, was für ihn die San­giove­se ist. Aber der war nicht da. Sei­ne Fami­lie muss­te ihre Antei­le an dem Luce-Projekt 2004 nach dem 9/11-Desaster und dem fol­gen­den Bör­sen­crash ver­kau­fen. Wäre er zuge­gen gewe­sen, hät­te er wahr­schein­lich gesagt: Die San­giove­se ist eine wil­de Sau, die erst­mal gezähmt wer­den muss, wenn man einen hoch­klas­si­gen Rot­wein erhal­ten will, den auch Ame­ri­ka­ner und Kana­di­er mögen. Ob er Recht hat und ob die Mer­lot die­je­ni­ge Sor­te ist, die die San­giove­se in Zaum hal­ten kann, dar­über strei­ten sich die Exper­ten.

Eine Luxus-Cuvée wie Siepi und 50&50

Gro­ßer, majes­tä­ti­scher Rot­wein­Die Teil­neh­mer der Pro­be in der Kul­tur­kir­che Alto­na waren sich jeden­falls einig, dass auch Mit­tel­eu­ro­pä­er einen Wein wie den Luce gern trin­ken, ver­wöhn­te Zun­gen ein­ge­schlos­sen. Die Tat­sa­che, dass in die­sem Wein zwei Kul­tu­ren auf­ein­an­der tref­fen, die Sangiovese- und die Mer­lot­kul­tur, schreckt sie nicht ab. Toskana-Freaks ken­nen sol­che Luxus-Cuvées zum Bei­spiel schon vom Sie­pi (Cas­tel­lo di Fon­te­rutoli) und vom 50&50 (Avi­gno­ne­si).

Viel­leicht ist die Tat­sa­che, dass das Zusam­men­fü­gen von Wei­nen einer auto­chtho­nen und einer inter­na­tio­na­len Reb­sor­te als hei­kel emp­fun­den wird, nur ein Pro­blem von Wein­in­tel­lek­tu­el­len. Einem unbe­las­te­ten Wein­trin­ker ist es egal, ob ein Wein mit gebiets­fer­nen Reb­sor­ten „bas­tar­di­siert“ wird oder nicht. Er wird den Wein danach beur­tei­len, wie er schmeckt und sich im Ver­gleich zu ande­ren, ähn­lich teu­ren Wei­nen prä­sen­tiert. Und da schnei­det der Luce gar nicht so schlecht ab: Antin­o­ris Tigna­nel­lo kos­tet nicht viel weni­ger als er, der Sola­ia dop­pelt so viel (bei­de aller­dings mit Caber­net Sau­vi­gnon ver­schnit­ten, nicht mit Mer­lot).

Tendenz zur Uniformität auf hohem Niveau

Wein­gut Luce del­la Vite­Wer die Spe­zia­li­tät, also das Unver­wech­sel­ba­re, sucht, wird aller­dings einen Sangiovese-Wein vor­zie­hen, etwa einen Bru­nel­lo di Mon­tal­ci­no oder einen gro­ßen Chi­an­ti Clas­si­co. Denn 50 Pro­zent Mer­lot in der Cuvée ist viel. Die Sor­te prägt den Wein, gibt ihm Noten, die man in süd­fran­zö­si­schen, spa­ni­schen, süd­afri­ka­ni­schen Rot­wei­nen auch fin­det, zum Plai­sir der einen, zur Lan­ge­wei­le der ande­ren. Die Ten­denz zur welt­wei­ten Uni­for­mi­tät auf hohem Niveau spie­gelt sich im Luce wider.

Die wich­tigs­te Erkennt­nis, die ich per­sön­lich aus der Pro­be gezo­gen habe, ist noch eine ande­re – und zwar eine höchst erfreu­li­che: Mit den größ­ten Merlot-Weinen der Welt hat der Luce kei­ne Ähn­lich­keit. Ich mei­ne die Pome­rols.

Die Weine


2012 LuceSehr gutes Jahr in der Tos­ka­na, das die bes­ten Sangiovese-Trauben seit lan­gem erge­ben hat: Der Wein ist sehr dicht gewo­ben, aber weder über­reif noch über­la­den, eher ele­gant trotz des vie­len Tan­nins. Also ein eher schlan­ker, „leich­ter“ Wein mit leicht höhe­rer Säu­re als sonst. Jetzt kau­fen, in zehn Jah­ren trin­ken.91+
2010 LuceRei­cher, schwe­rer Wein aus einem gro­ßen Jahr­gang, Nase noch etwas reduk­tiv und streng, doch tol­le Frucht, zar­te Wür­ze, wei­ches Tan­nin: hoch­kom­plex, viel­ver­spre­chend, schon nah­bar.93
2008 LuceWie die Bru­nel­lo die­ses Jahr­gangs auch ist der Luce im Kör­per etwas zu schlank, im Alko­hol (15,5 Vol.%) dage­gen etwas zu hoch gera­ten: Das Miss­ver­hält­nis zeigt schon, dass die­ser Wein zwar sau­ber und durch­aus deli­kat zu trin­ken, aber ohne inne­re Balan­ce ist. Zukunft? Lie­ber jetzt trin­ken.88
2006 LuceRei­cher, üppi­ger Wein aus einem in der Tos­ka­na sehr guten Jahr, über­quel­len­der Frucht­cock­tail, viel Scho­ko­la­de, viel süße Bee­re, aber auch viel Struk­tur: Dar­ling aller Wein­jour­na­lis­ten.93+
2004 LuceIm Moment noch sehr ver­hal­ten und weni­ger ein­drucks­voll als die 2006er und 2010er: ein Hauch von Scho­ko­la­de und Min­ze spür­bar, aber wenig Frucht. Auch wenn die­ser Wein nicht so opu­lent aus­fällt, so ist er aus­ge­spro­chen mus­ku­lös, dicht gewo­ben, ver­fügt über eine fan­tas­ti­sche Tan­n­in­struk­tur und besitzt eine per­fek­te Balan­ce. Mein Favo­rit mit Blick auf die Zukunft.94+
2003 LuceEher flat­te­ri­ger Wein aus einem hei­ßen Jahr­gang, in dem die Trau­ben nicht ganz phy­sio­lo­gisch reif waren: In der Nase Stall­ge­ruch, am Gau­men wird die Frucht über­la­gert von schwar­zem Pfef­fer und von grü­nen Noten. Neben dem pro­ble­ma­ti­schen Kli­ma­ver­lauf hat wohl auch die die bevor­ste­hen­de Tren­nung von Mon­da­vi einen Schat­ten auf den Jahr­gang gewor­fen.87
2001 LuceMus­ku­lö­ser, hoch­kon­zen­trier­ter, gleich­zei­tig aber wohl­ba­lan­cier­ter Wein, noch immer etwas ver­schlos­sen, aber schon sehr „bee­rig“ in der Nase und am Gau­men: einer der bes­ten, auf die Zukunft bezo­gen viel­leicht sogar der bes­te Luce ever.95
2000 LuceWarm-heißer Jahr­gang in der Tos­ka­na, doch nicht so extrem wie der 2003er, stren­ges Bou­quet mit viel schwar­zem Pfef­fer, aber auch aus­drucks­vol­ler, süßer Frucht, Brom­bee­re und schwar­ze Johan­nis­bee­re, dazu üppi­ges Tan­nin: ein sehr sug­ges­ti­ver, rei­cher Wein, der aber nicht die Tie­fe und Viel­schich­tig­keit des 2001ers besitzt.92
1998 LuceÜber­ra­schend gut gelun­ge­ner und gereif­ter Wein aus einem Jahr­gang, der nicht unbe­dingt zu den gro­ßen in Mon­tal­ci­no gehört, sehr frisch noch in der Nase mit zar­ter Bee­ren­frucht, viel Tabak, Unter­holz­wür­ze und einem Hauch von Lakrit­ze: kein fet­ter, son­dern ein schlan­ker, sehr prä­zi­ser Wein, jetzt her­vor­ra­gend zu trin­ken.93
1996 LuceLeicht gezehr­ter Wein, der für vie­le Wein­lieb­ha­ber wahr­schein­lich als schon über sei­nen Höhe­punkt hin­aus emp­fun­den wird, aber die Frucht ist noch intakt, die Säu­re leben­dig und spür­bar, die Ter­tiär­aro­men fein und fas­zi­nie­rend: Malz, Teer, Tro­cken­pflau­men, dazu ein Hauch von „Todes­sü­ße“. Für Alt­wein­lie­ber ein gro­ßer Genuss. Und: Im Glas wird der Wein bes­ser!94

 

Der 2012er Luce ist beim Bre­mer Wein­kol­leg erhält­lich für 93 Euro, der 2010er Luce bei Superiore.de für 76,90 Euro, der 2009er Luce für 179 Euro (Magnum), der 2012er Luce für 89,90 Euro. Aus­ser­dem sind die Wei­ne im geho­be­nen Deli­ka­tes­sen­han­del erhält­lich, etwa beim KaDeWe in Ber­lin und bei Käfer in Mün­chen.


1 Kommentar

Antwort schreiben