Sie haben kürzlich die Menschen dazu aufgerufen, mehr heimischen Wein zu trinken. Das werde den Winzern helfen, die unter dem zurückgehenden Weinkonsum leiden. Auch dem Tourismus werde es nützen, weil eine Kulturlandschaft ohne Weinberge schlicht nicht vorstellbar ist, zumindest nicht in Baden-Württemberg. Brach liegende Weinberge würden das Landschaftsbild stark beeinträchtigen. Stimmt alles – allerdings nur aus der Perspektive des Ministerpräsidenten.
Die Winzer anderer Bundesländer werden nicht glücklich sein über Ihre lokalpatriotische Initiative. Auch sie leiden unter den Kaufzurückhaltung der Weintrinker, und sie würden noch mehr leiden, wenn ihre Kunden aus Baden-Württemberg wirklich Remstaler Riesling statt Moselriesling tränken, Lemberger statt Spätburgunder von der Ahr. Das Tourismus-Argument gilt für andere Regionen genauso. Ganz zu schweigen davon, dass Ihre Initiative Schule machen könnte. Dann müsste Ihr Wiesbadener Kollege Boris Rhein seine Hessen auffordern, mehr Rheingauer Riesling und Assmannshäuser Spätburgunder zu trinken, worüber Wingerter in Württemberg und in Baden nicht happy wären. Und Markus Söder würde sofort den Konsum von Frankenwein zur staatsbürgerlichen Pflicht aller heimatbewussten Bayern erklären. Ich will damit sagen: Ihr Aufruf wird Ihnen bei den Landsleuten Sympathien einbringen, ist aber aus Deutschland-weiter Sicht heikel.
Aus europäischer Sicht erst recht. Deutschland ist der größte Weinmarkt Europas. Kein anderes Land importiert so viel Wein von seinen Nachbarn wie wir. Davon lebt der Weinhandel, auch in Ihrem Lande. In Baden-Württemberg gibt es 1.065 Weinfachhändler und Weinimporteure. Von den bescheidenen Margen, die einheimische Winzer und Genossenschaften ihnen gewähren, können sie nicht leben. Sie leben vom ausländischen Wein. Er subventioniert den deutschen Wein im Regal. Wenn der Weinhandel stirbt, wären die baden-württembergischen Weinerzeuger gezwungen, nur noch ab Keller zu verkaufen (was sie jetzt schon in hohem Maße tun). Der überregionale Vertrieb ginge verloren. Die Zahl der Menschen, die persönlich mit dem Auto aus Bremen, Lübeck, Stralsund oder Dresden anreisen, um in Fellbach, Weinsberg, Durbach oder Oberbergen ihren Kofferraum mit Flaschen vollzuladen, ist gering und wird immer gering bleiben.
Ich hätte es daher besser gefunden, wenn Sie gesagt hätten: Leute, trinkt häufiger Wein, egal ob heimischen oder ausländischen. Wer gerne Rotwein aus Spanien oder der Toskana trinkt, Roséwein aus der Provence, Weißwein aus Österreich oder Crémant von der Loire, der wird an deutschen Weinen nicht achtlos vorüber gehen können. Dazu sind sie einfach zu gut. Deutsche Weintrinker sind keine Chauvinisten. Auch Menschen, die heute Sancerre und morgen Chardonnay aus Südtirol trinken, wissen, dass aus Württemberg, Baden und anderswo tolle Weine kommen, die begeistern und für die niemand sein Konto plündern muss.
So erfreulich es ist, dass Sie sich als Ministerpräsident zu einem (vermeintlichen) Nischenthema geäußert haben: Erlauben Sie mir den Hinweis, dass man auch noch auf einige der Ursachen des Konsumrückgangs hinweisen könnte. Etwa der weit verbreitete Glauben, dass Weintrinken gesundheitsschädlich sei, geschürt durch zahllose desinformierende Berichte in der Presse (gegen die Winzer und Weinhandel wenig oder nichts unternommen haben). Oder der Vormarsch der zuckerhaltigen Getränke, für den Generationen von Eltern verantwortlich sind, die ihren Nachwuchs mit Kinderschokolade, Gummibärchen, Nutella und Co. angefüttert haben. Oder der veränderte Lebenswandel. All das zusammen führt dazu, dass seltener Wein getrunken wird und Weinbergsflächen auf der ganzen Welt stillgelegt werden müssen – leider auch in Baden-Württemberg.
Sie sind Ministerpräsident eines Bundeslandes, das wirtschaftlich vom Export seiner Maschinen und Autos lebt. Als solcher ist öffentlich geäußerter Patriotismus eigentlich gefährlich. Weil aber Franzosen, Italiener, Spanier praktisch nur ihren eigenen Wein trinken, darf der Ministerpräsident durchaus mal zum Konsum-Patriotismus aufrufen. Finde ich. Bei Ihren Landsleuten wird der Appell, da bin ich mir sicher, sowieso auf fruchtbaren Boden fallen. Die Württemberger und Badener sind, das wissen alle, die fleißigsten Weintrinker der Republik. Das Wort des Schwaben Theodor Heuß „Wer bei uns nix trenkt, isch bloss zu faul zum Schlucken“ gilt im Ländle noch uneingeschränkt.
Schöne Grüße,






















































