Die Geschichte der Rebe

Vom Rausch- zum Genussmittel

Wann der Mensch begann, Reben zu kulti­vieren, und wo es war, daß aus den Trauben erst­mals Wein erzeugt wurde, kann nur vermutet werden. Sicher ist, daß nicht in allen Gebieten, in denen Wild­reben wucherten, auch Wein erzeugt wurde.

Jean-Marc Nattier: "Die Liebenden"

Die ältesten Hinweise auf die Exis­tenz des Weins stammen aus Geor­gien. Dort hat man Reste von Tonkrügen gefunden, die aus der Zeit um 6000 v. Chr. stammen und mit Trau­ben­re­liefs deko­riert sind. Auch zwischen Euphrat und Tigris, in der südli­chen Kauka­sus­re­gion, am Nil und später in Paläs­tina gibt es Anzei­chen dafür, daß die Menschen schon in der Früh­zeit Wein zu erzeugen wußten. Daß es ein wohl­schme­ckendes Getränk war, darf bezwei­felt werden. Weshalb sonst wurde es mit Honig gesüßt oder mit Kräu­tern wie Absinth gewürzt? Wahr­schein­lich verehrten die Menschen den Wein allein seiner alko­ho­li­schen Wirkung wegen.

Entstehung der Vitis vinifera

Wahr­schein­lich verdankt sich die Entde­ckung des Weins einem Zufall. Die Menschen in Vorder­asien bewahrten nämlich den Trau­ben­saft in Krügen oder Schläu­chen aus Ziegen- und Kamel­leder auf, worin er, ange­sichts der heißen Tempe­ra­turen, schnell zu gären begann. Ob er durch­gärte, süß blieb, oxydierte oder zu Essig wurde, ist unbe­kannt. Immer- hin spricht die bloße Exis­tenz von Wein in diesem Raum dafür, daß die Trauben sehr zucker­reich waren und der Saft sich zu einem wohl­schme­ckenden und berau­schenden Getränk vergären ließ. Deshalb haben die Bota­niker später der europäisch-vorderasiatischen Rebe den Namen Vitis vini­fera gegeben: die zur Wein­er­zeu­gung taug­liche Rebe.

Attisches Weingefäß aus dem 4. Jahrhundert v.ChrWein bei den Griechen

Mit dem Aufstieg der grie­chi­schen Zivi­li­sa­tion wurde die Rebe ab 1600 v. Chr. im Mittel­meer­raum syste­ma­tisch kulti­viert. Mykene und Sparta müssen die Zentren der Wein­pro­duk­tion gewesen sein. Darauf deuten auch zahl­reiche Darstel­lungen auf Vasen hin, die dort gefunden wurden. Wein war ein Kult­ge­tränk, mit dem Siege gefeiert, Götter geehrt und Feste begangen wurden. Die Methoden der Wein­be­rei­tung waren damals schon erstaun­lich weit entwi­ckelt, obwohl es auch immer wieder vorkam, daß dem Wein während der Gärung salziges Meer­wasser beige­mischt wurde – angeb­lich, um ihn geschmei­diger zu machen. Die grie­chi­schen Kolo­ni­sa­toren brachten Wein und Reben nach Syrien, Ägypten, Cádiz und Marseille (600 v. Chr.), später auch nach Sizi­lien (500 v. Chr.). Trotzdem sahen die Grie­chen ihren Wein­gott Dionysos nicht nur als Wohl­täter an, der ihren Bauern die Kunst der Wein­be­rei­tung lehrte, sondern auch als Bedroher, der die Menschen in einen Rausch versetzt und mit Wahn­sinn schlägt.

 

Verbreitung der Rebe durch die Römer

Nach dem Nieder­gang Grie­chen­lands brei­tete sich der Wein­kult rasch im Römi­schen Reich aus. Wein war Status­symbol, Währung, Medizin und mythi­sches Getränk zugleich, das zum Beispiel zur Besie­ge­lung von Verträgen getrunken wurde. Der weiße Falerner war der berühm­teste Wein der Antike. Seine Reben wuchsen nörd­lich von Neapel an Ulmen oder Maul­beer­bäumen. Plinius berich­tete, daß er mal süß, mal trocken, immer jedoch alko­hol­reich war. Zu jener Zeit expe­ri­men­tierte man bereits mit verschie­denen Erzie­hungs­formen, mit verschie­denen Aufbe­wah­rungs­arten, und man begann, Rebsorten vonein­ander zu unter­scheiden. Vergil schrieb, daß es so viele Sorten gäbe wie Sand­körner am Strand. Von Rom aus gelangte das Wissen vom Weinbau nach Südfrank­reich, an die Mosel, den Rhein und in bestimmte Teile Spaniens. Spanier und Fran­zosen sind sich aller­dings sicher, daß einzelne Stämme schon vorher Weinbau betrieben haben. Auch in Italien muß das berau­schende Ge- tränk schon in vorrö­mi­schen Zeiten bekannt gewesen sein – zumin­dest in Mittel­ita­lien. Dort siedelten die Etrusker, und bei ihnen war Wein schon im 3. Jahr­hun­dert v. Chr. ein Symbol für Wohl­stand und ausschwei­fendes Leben. Ob die Etrusker Reben anbauten oder Wild­reben zur Wein­her­stel­lung benutzten, ist nicht bekannt, wohl aber, daß sie Handel mit Wein trieben.

Mittelalter und Neuzeit

In den Jahr­hun­derten nach Christus hatte sich der Weinbau in Europa wie ein Flächen­brand ausge­breitet. Im Mittel­alter leis­teten die Mönche Pionier­ar­beit. Vor allem unter den lebens­frohen Bene­dik­ti­nern erreichte das Wissen um den Anbau der Rebe und die rich­tige Erzeu­gung des Weins ein hohes Niveau, später unter den sich abspal­tenden, aske­ti­schen Zister­zi­en­sern. Von ihren Klös­tern in Cluny und Cîteaux ging die Entwick­lung des Burgund zum Wein­an­bau­ge­biet aus. In der Renais­sance waren es dann aufge­klärte Monar­chen und wohl­ha­bende Bürger, die den Weinbau voran­trieben, allen voran die italie­ni­schen Fami­lien Anti­nori und Fres­co­baldi. Ihre größte Ausdeh­nung erreichte die euro­päi­sche Rebfläche im 16. Jahr­hun­dert. Sie war knapp viermal so groß wie heute, und der Wein­konsum muß bis zu 200 Liter pro Mensch und Jahr betragen haben. Danach war es aller­dings vorbei mit der goldenen Weinära. Kriege und Krank­heiten, auch die Abküh­lung des Klimas sorgten dafür, daß sich der Weinbau auf jene wenigen Kern­ge­biete zurückzog, die mit den heutigen Wein­an­bau­ge­bieten grob iden­tisch sind.

Die Mehltau- und Reblauskatastrophe

Der größte Einschnitt in der jüngeren Geschichte des Wein­baus ist das Auftreten des Echten Mehl­taus und der Reblaus gewesen. Der Mehltau trat erst­mals 1847 in Frank­reich auf und vernich­tete ganze Ernten. Unver­gessen ist der Jahr­gang 1854, in dem in Frank­reich nur ein Zehntel der normalen Menge geerntet wurde. Noch verhee­render war das Werk der Reblaus. Sie fraß sich ab 1863 von Frank­reich kommend durch die Wein­berge Europas und vernich­tete auf Jahr­zehnte ganze Reben­be­stände. Als um 1910 endlich ein Ge- genmittel gefunden wurde, waren unzäh­lige Rebsorten, wahr­schein­lich auch hoch­wer­tige, für immer verschwunden. Das heutige Reben­sor­ti­ment ist nur noch ein schwa­ches Abbild der dama­ligen Viel­falt. Die Schäd­linge kamen über Rebpflanzen, die Händler aus Amerika mitbrachten, nach Europa.