Brunello di Montalcino 2013: vorherrschend graues Mittelmaß

Nach den groß­ar­tigen 2012ern sind die Erwar­tungen an die 2013er Brunello di Montal­cino hoch. Jens Priewe hat 157 Weine probiert und war enttäuscht. Wer einen Gegen­wert für sein Geld will, muss diesmal sehr genau hinsehen.

Selten hat es in Montal­cino eine solche Sprei­zung der Brunello-Qualitäten gegeben wie im Jahr­gang 2013. Ein knappes Dutzend Wein­güter hat Weltklasse-Brunellos produ­ziert, die nach meiner Meinung 94 und mehr Punkte recht­fer­tigen. Zugleich war die Zahl der biederen, schwa­chen Brunello noch nie so hoch wie in diesem Jahr: in meinem Ranking sind es allein 25 Brunellos, die 87 und weniger Punkte wert sind – also es eigent­lich nicht verdienen, den Namen Brunello auf dem Etikett zu tragen. Und ich habe viele der namens­losen Brunello gar nicht probiert, weil es einfach zu viele Weine waren, die ange­stellt waren. Ich musste selek­tieren. Vermut­lich wäre der Anteil der dilet­tan­ti­schen, ja miss­ra­tenen Brunello noch grösser gewesen, hätte ich alle probiert. Das Niveau der Weine von Montal­cino ist also sehr volatil.

Unspektakuläres, graues Mittelmaß

Landschaft in Montalcino
Land­schaft in Montal­cino

Umso über­raschter bin ich, wie positiv viele Tester – vor allem italie­ni­sche – den Jahr­gang 2013 bewertet haben. Wo ich völlig unspek­ta­ku­läres, graues Mittelmaß sehe, fliegen manchen Kollegen die hohen Bewer­tungen nur so aus dem Ärmel. Beson­ders auffällig ist, wie schnell sie vor grossen Namen einkni­cken: Banfi, Anti­nori, Val di Suga, Caparzo, Argiano haben in 2013 eindrucks­voll bewiesen, dass sie alles andere als Spit­zen­er­zeuger sind. Trotzdem erfreuen sie sich viel­fach hoher Bewer­tungen. Den Vogel schiesst der ameri­ka­ni­sche Wine Enthu­siast ab, der 21 Brunello des Jahr­gangs 2013 mit 95 und mehr Punkten bedenkt (bei mir sind es 8). Arme Abon­nenten.

„Klassischer“ Jahrgang? Heißt: Tendenziell kleiner Jahrgang

Das Konsor­tium des Brunello di Montal­cino hat den Jahr­gang 2013 mit 4 von 5 mögli­chen Sternen bewertet und als „klas­si­schen“ Jahr­gang bezeichnet. Legt man das Durch­schnitts­ni­veau der 2013er Brunello zugrunde, ist das eine sehr opti­mis­ti­sche Einschät­zung. Fakt ist, dass es von Früh­jahr bis Anfang Sommer in Montal­cino kühl war und extrem viel geregnet hat. Die Nieder­schläge summieren auf 1300 Milli­meter – unge­wöhn­lich hoch für die südliche Toskana. Der Vege­ta­ti­ons­rück­stand, mit dem die Trauben in die Reife­phase gingen, konnte durch einen warmen August und September eini­ger­maßen ausge­gli­chen werden. Die Lese begann spät, aber die Trauben konnten offenbar physio­lo­gisch reif einge­bracht werden.

Kleine Anzahl wirklich guter Brunello

Brunello Salvioni
Brunello Salvioni

Die Tatsache, dass es auch in 2013 heraus­ra­gende Weine gibt, zeigt, dass es Winzer gab, die mit den Schwie­rig­keiten des Jahr­gangs umzu­gehen wussten. Winzer wie Gian­carlo Pacenti, Giulio Salvioni und Ales­sandro Mori (Il Maro­neto) haben wieder mal groß­ar­tige Brunello auf die Flasche gebracht. Ihre Rebflä­chen befinden sich im nörd­li­chen Teil des Anbau­ge­biets, das, so die Einschät­zung des Konsor­tiums, in 2013 eher benach­tei­ligt war. Die wärmeren Unter­zonen, also der Süden um Sant’Angelo und der Südwesten um Sant’Antimo, hätten dagegen von den klima­ti­schen Verhält­nissen profi­tiert, heißt es. Für die Brunello der Familie Illy (Mastro­janni), für Angelo Gaja (Pieve Santa Resti­tuta) und für den Wein des Önologen Carlo Ferrini aus seinem noch jungen Weingut Giodo trifft das zu. Ihre Brunello haben mich voll über­zeugt. Beim großen Rest konnte ich nicht erkennen, dass die Weine tenden­ziell besser geraten sind. Im Gegen­teil: Viele der schwä­cheren Weine kommen aus den südli­chen Unter­zonen. Sie sind für das junge Stadium, in dem sie sich derzeit befinden, schon viel zu weit entwi­ckelt, haben einen kleinen Span­nungs­bogen. Zahl­reiche italie­ni­sche Kollegen schreiben, man solle abwarten, die Weine bräuchten Zeit. Das ist Unsinn. Ich empfehle, sie eher früh als spät zu trinken.


Weiter auf Seite 2


2 Antworten zu „Brunello di Montalcino 2013: vorherrschend graues Mittelmaß“

  1. Thomas Straeter sagt:

    Danke für die ausführ­li­chen Kommen­taren zu den einzelnen Weinen, gefällt mir deut­lich besser als die bloße Listung bei den 2012. Haben Sie auch Nach­zügler, wie Cerre­alto, und Riserven 2012 verkostet. Wäre da auf Ihre Favo­riten gespannt.
    Mit besten Grüßen

  2. Jens Priewe sagt:

    Der Cerretalto 2013 kommt erst nächstes Jahr, den Cerretalto 2012 und Riserve 2012 habe ich nicht probiert.

Kommentar hinzufügen