2015 Rioja Corriente von Telmo Rodriguez: Korken raus, rein ins Glas

Könnte man das Sucht­po­ten­zial eines Weins bewerten, verdiente dieser Rioja 100 Punkte: ein Meis­ter­werk des spani­schen Star-Önologen Telmo Rodri­guez.

Teure Super Premium-Rotweine gibt es viele auf der Welt – manche Menschen meinen: zu viele. Mag sein. Immer schwie­riger ist es dagegen, gute und sehr gute Rotweine für unter zehn Euro im Handel zu finden. Zu rasant ist die Preis­ent­wick­lung auf dem Wein­markt, zu schnell schießen die Preise in die Höhe. Der Rioja Corri­ente ist so ein Wein, der mit 9,95 Euro zwar die 10-Euro-Marke touchiert, aber nicht über­schreitet.

Der Name des Weins ist etwas irre­füh­rend: „corri­ente“ heißt im Spani­schen „normal“. Normal ist an diesem Rioja in Wirk­lich­keit gar nichts. Er ist, wie es bei Tempranillo-Weinen üblich ist, nicht über­mäßig dunkel in der Farbe, besitzt aber dieses faszi­nie­rende Rioja-Aroma, das aus roter Beeren­frucht, vorherr­schend Cassis, besteht, aus erdiger Würze, leicht rauchiger Mine­ra­lität und einem Hauch von Oran­gen­schale besteht. Sowas findet man nur bei hoch­wer­tigen Rioja-Weinen, und dann auch nur nach einigen Jahren Reife­zeit. Dazu kommt die feine Säure. Sie gibt dem Corri­ente Frische. Das Tannin ist nahtlos verschmolzen.

Ein Mainstream-Wein, sicher, aber einer von der aller­feinsten Sorte in der Kate­gorie der geho­benen Alltags­weine: Einstiegs­droge für wein­hung­rige Mädels und taffe Jungs im Kapu­zen­pulli, die mal in die große Wein­welt rein­schnup­pern wollen. Aber auch für Anzug­träger ein großer Genuss, nachdem sie ihre Krawatte abge­nommen und sich mak ein wenig zurück­ge­lehnt haben. Schwere-Trinker werden dem Wein dagegen weniger abge­winnen können, obwohl Parkers Spanien-Tester Jeb Dunnuck dem Corri­ente hohen Respekt zollt: 90 Punkte. Würde das Sucht­pot­ent­zial bewertet, hätte der Wein sogar 100 Punkte verdient.

Der moderne spanische Weinstil ist in der Rioja noch nicht weit verbreitet

Telmo Rodriguez
Telmo Rodri­guez

Der Corri­ente trägt die Hand­schrift von Telmo Rodri­guez, des wohl bekann­testen spani­schen Önologen und Winzers der Gegen­wart. Die Weine von Remelluri (Rioja), Pegaso (Cigales), Gago (Toro), Gazur (Ribeira del Duero) kommen aus seiner Werk­statt. Rodri­guez steht für den modernen, reduk­tiven Wein­stil: reife, saubere Frucht, süßes Tannin, weiche Texturen, mode­rater Holz­ein­satz. Weine dieser Stilistik sind in der Rioja, die stark tradi­tio­nell geprägt ist, bis heute rar.

Das Geheimnis des Weins: mehrere exzellente Terroirs

Wie ist es möglich, einen solchen Wein für unter 10 Euro anzu­bieten? Auf der Suche nach alten Reben in besten Terroirs hat Telmo Rodri­guez (zusammen mit seinem Geschäfts­partner Pablo Eguzkiza) in vielen Teilen Spaniens kleine Wein­güter gegründet. In der Rioja besitzt er – neben Remelluri, dem elter­li­chen Weingut – zum Beispiel die Bodegas Lanzaga am Fuße des Cantab­ri­schen Gebirges. Auf den hoch­ge­le­genen, extrem stei­nigen Böden entsteht dort der Altos de Lanzaga, einer der ganz großen Rioja-Weine (ab 2014 aufge­teilt in die zwei Einzellagen-Weine El Velado und La Estrada). Die Trauben aus einer Lanzaga-Parzelle mit jungen Rebstö­cken gehen in den Corri­ente. Ein anderer Teil der Trauben kommt aus den (eben­falls in der Rioja Alavesa liegenden) Wein­bergen seines zweiten Rioja-Weinguts Labas­tida – zwei exzel­lente Terroirs also. Ein dritter Teil der Trauben wird von biolo­gisch arbei­tenden Winzern aus der Alavesa zuge­kauft. Übri­gens: Der Wein enthält neben Tempra­nillo klei­nere Anteile von Graciano- und Garnacha-Trauben.

Auch die Vini­fi­ka­tion des Corri­ente ist unge­wöhn­lich: Er wird ausschliess­lich mit Weinbergs-eigenen Hefen vergoren. Hand­werk­li­ches Wine­making also, keine indus­tri­elle Wein­pro­duk­tion. Anschlies­send wird der Corri­ente in Stahl­tanks und unbe­schich­teten Beton­be­häl­tern vergoren, danach in gebrau­chen Barr­ri­ques aus fran­zö­si­scher und ameri­ka­ni­scher Eiche ausge­baut. Er könnte sich Reserva nennen. Doch Telmo Rodri­guez lehnt die tradi­tio­nelle Nomen­klatur ab. Reserva würde auch nicht zu diesem Wein passen. Er ist nur 12 Monate im Holz gewesen und muss nicht lange auf der Flasche nach­reifen. Dekan­tieren ist eben­falls über­flüssig. Korken raus und rein ins Glas.

2015 Rioja Corri­ente | Compañia de Vinos Telmo Rodrí­guez
Preis: 9,95 Euro
Bezug: Loben­bergs Gute Weine

3 Antworten zu „2015 Rioja Corriente von Telmo Rodriguez: Korken raus, rein ins Glas“

  1. Sebastian P sagt:

    Super Wein­emp­feh­lung. Hatte ich letz­tens noch beim Spanier meines Vertrauens. direkt nochmal was geordet. Gruß, Sebas­tian

  2. Jens Weber sagt:

    Nur der Voll­stän­dig­keit bzw. pedan­ti­schen Korrekt­heit halber: „Parkers Spanien-Tester“ war und ist Luis Gutiérrez [*] — und der hat nur dem 2014er Corri­ente 90 Punkte gegeben; 2012 und eben 2015 haben ’nur‘ 89 Punkte.
    ([*] Jeb Dunnuck, der Parkers ‚Wine Advo­cate‘ Mitte 2017 verlassen hat, war dort für Kali­for­nien, Washington und v.a. Südfrank­reich zuständig …)

    • Jens Priewe sagt:

      Sie sind ein Pedant, aber das ist gut so. Auch die Details müssen bei einem Artikel stimmen! Mit den Punkten für den 2014er haben Sie Recht, mit Parkers Spanien-Tester nicht. Bis Ende 2011 war Jay Miller für Spanien zuständig, der dann unehe­ren­haft raus­ge­schmissen wurde.

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