Kalabrien

Kalabrien: langsam in der Gegenwart angekommen

Stefan Krimm hat das Land der Stie­fel­spitze Italiens bereist und ist tief beein­druckt zurück­ge­kommen von dem, was er dort gesehen und an Wein getrunken hat. So beein­druckt, dass die Geschichte, die er mitge­bracht hat, etwas länger ausge­fallen ist. 

Wer an Kala­brien denkt, denkt an Armut und Mafia, viel­leicht noch an den blauen Himmel und an die endlosen, weißen Strände. All das ist aber nur ein Mosa­ik­stein­chen im Gesamt­bild dieser verges­senen südita­lie­ni­schen Region. Namen wie Donnici, Savuto, Pollino, Colline dei Crati, Cirò sind viel wich­tiger, sagen aber den meisten Menschen nichts, auch denen nicht, die regel­mäßig Wein trinken und in Bordeaux oder in der Toskana jede Stra­ßen­bie­gung kennen. Es sind die Namen der wich­tigsten Weine Kala­briens.  Das ist wohl das Schicksal dieser Region, dass sie zwar zu Italien und zu Europa gehört, aber für die Menschen außer­halb Kala­briens eine terra inco­gnita ist.

Im Winter laufen die Italiener dort Ski

Die Strände und der dahinter liegende Küsten­streifen machen nur zehn Prozent der Landes­fläche aus. Der größte Teil ist einsames Hügel­land. Rund 40 Prozent ist sogar richtig gebirgig. Die höchsten Gipfel errei­chen mit über 2.200 Meter alpine Dimen­sionen. Im Winter laufen die Italiener dort Ski.

Endlos weiße Strände in Kalabrien
Endlos weiße Strände in Kala­brien

Die Wein­berge befinden sich vor allem im Hügel­land und ziehen sich bis auf 700 Meter Höhe hin – etwa in den Terre di Cosenza, im Savuto, in Donnici, Pollino oder in den Colline del Crati. In diesen Anbau­ge­bieten herr­schen hohe Tempe­ra­tur­un­ter­schiede zwischen Tag und Nacht. Sie machen, dass die Trauben trotz der Hitze ihre Frische und Frucht erhalten.

In dem bekann­testen Anbau­ge­biet Kala­briens um die Hafen­stadt Cirò wachsen die Reben etwas tiefer in dem schmalen Streifen zwischen Hügel und Küste. Dort mildert der Wind, der ständig vom Meer her weht, die Tempe­ra­turen und bewirkt das Gleiche: die geschmack­liche Diffe­ren­zie­rung und Nuan­cie­rung. Außerdem begüns­tigt er den biolo­gi­schen Weinbau. Die Böden sind in Kala­brien übri­gens ganz unter­schied­li­cher Natur: häufig tonig-lehmig, aber auch kalkig-hell oder eisenhaltig-rötlich mit einem nied­ri­geren ph-Wert, der dem Wein etwas mehr Säure mitgibt.

Kalabrien hat schwere Zeiten hinter sich

Kala­brien hat, zuge­geben, schwere Zeiten hinter sich: Massen­pro­duk­tion und der Versuch, mit Billig­pro­dukten den Markt zu erobern, wobei die Koope­ra­tiven eine unrühm­liche Rolle gespielt haben. Diese Phase ist vorbei. Wenn etwas voran geht in dieser Region, dann dank enga­gierter Produ­zenten wie Nicodemo Librandi, aus dem Norden kommender Önologen wie Giacomo Tachis, dem (kürz­lich verstor­benen) Vater des Tigna­nello, und Attilio Scienza, dem umtrie­bigen Wein­bau­pro­fessor von der Univer­sität Mailand. Sie haben in den vergan­genen 15 Jahren zusammen mit dem wach­senden Inter­esse für auto­chthone Rebsorten eine Wende in der Region bewirkt.

Der Schatz Kalabriens: die einheimischen Sorten

Mitt­ler­weile ist Kala­brien als dieje­nige Region in Italien aner­kannt, die über den größten Schatz an einhei­mi­schen Sorten verfügt. Librandi hat beispiels­weise mehr als 300 Sorten in einem kreis­för­migem Laby­rinth auf seinem Gut Casa­bona ange­pflanzt. Und nicht nur er, sondern auch Vertreter der jüngeren Gene­ra­tion wie Antiche Vigne, Cola­cino, Terre del Gufo, Terre Nobili und Serra­ca­vallo spielen ihre auto­chthonen Trumpf­karten aus: Arvino Nero, Gaglioppo, Greco Bianco, Manto­nico Bianco, Magliocco, Nerello und Peco­rello – Namen, die man nicht einmal in den einschlä­gigen Wein­le­xika findet., obwohl die Weine, die aus ihnen gekel­tert werden, oft auf Augen­höhe mit denen berühm­terer italie­ni­scher Regionen sind – und häufig span­nender. Wenn das Inter­esse der Märkte an auto­chthonen Rebsorten und an regio­nalen Beson­der­heiten jenseits von Char­donnay und Cabernet Sauvi­gnon weiter steigt, wird Kala­brien eine gute Zukunft vor sich haben.


Librandi
Antiche Vigne

Cola­cino
Roberto Ceraudo

Terre del Gufo
La Pizzuta del Prin­cipe
Serra­ca­vallo
Terre Nobili


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