Vorsicht Weihnachten! Spaßbremsen bei Aldi, Lidl & Co. im Regal

Dez 192016

Wenn es berühmte Weine für klei­nes Geld gibt, dann steht Weih­nach­ten vor der Tür. Toll, dass sich Men­schen mit knap­pem Bud­get mal große Namen leis­ten kön­nen. Lei­der kann man Namen nicht trin­ken, son­dern nur den Fla­schen­in­halt. Und da hört der Spaß dann sehr schnell auf.

Lidl unterbietet sich selbst

Lidl unter­bie­tet sich selbst

Dass wie­der Weih­nach­ten ist, merkt man nicht nur an den Tan­nen­bäu­men, die die Men­schen nach Hause schlep­pen. Man erkennt es auch an den Son­der­an­ge­bo­ten für Wein.

Dis­coun­ter und Super­märkte bie­ten alle Jahre wie­der berühmte Weine für klei­nes Geld an, wobei das kleine Geld viel ist im Ver­gleich zu den 2,99 Euro, die der größte Teil der Weine im Dau­er­sor­ti­ment kostet.

Aldi, Lidl, Norma, Netto – alle mit ver­un­glück­ten Weihnachtsschnäppchen

Chateauneuf-du-Pape für 9,99 Euro

Cha­teau­neuf für 9,99 Euro

Aldi Nord bie­tet der­zeit einen Châteauneuf-du-Pape für unter zehn Euro feil – im Wein­fach­han­del kos­tet Châ­teau­neuf ab 20 Euro auf­wärts. Aldi Süd ist stolz dar­auf, einen Roten des berühm­ten Flo­ren­ti­ner Wein­hau­ses Fres­co­baldi für 4,99 Euro anzu­bie­ten. Zwar han­delt es sich eine obskure Sangiovese-/Cabernet Sauvignon-Cuvée aus den end­lo­sen Wei­ten der Tos­kana. Aber der Name Fres­co­baldi ver­leiht auch dem blas­ses­ten Rot­wein einen fei­er­li­chen Glanz. Der Lebensmittel-Discounter Norma, bei dem nor­ma­ler­weise bei 3,99 Euro Schluss ist, lockt mit einer Gran Reserva der Rioja-Kellerei Faus­tino, die für 55,96 Euro im Sech­ser­pack aus­ge­preist ist. Das ent­spricht genau 9,33 Euro pro Flasche.

Der Marken-Discounter Netto, der zum gro­ßen Edeka-Imperium gehört, protzt die­ses Jahr mit einem veri­ta­blen Grand Cru Classé aus Bor­deaux: dem 2011er Châ­teau Tal­bot für 54,99 Euro. Ob die Kun­den wohl ahnen, dass es meh­rere Fach­händ­ler in Deutsch­land gibt, die die­sen Wein für acht Euro weni­ger anbie­ten? Wahr­schein­lich nicht.

Lidl unter­bie­tet sich selbst mit einem Barolo, der von 9,99 auf 6,99 Euro gesenkt wor­den ist. Mit­tel­mä­ßige Barolo kos­ten min­des­tens 20 Euro, gute 35, die bes­ten mehr als 100 Euro. Toll, wenn Men­schen, die gerne Wein trin­ken, aber keine Mil­lio­na­rios sind, mal die Chance erhal­ten, die berühm­ten Namen der Wein­welt ken­nen­zu­ler­nen. Lei­der kann man Namen nicht trin­ken, son­dern nur das, was in der Fla­sche ist. Und das ist lei­der immer ernüchternd.

Der Abgang „eine ein­zige Katastrophe“

Frescobaldi 1300 für 4,99 Euro bei Aldi Süd

Fres­co­baldi für 4,99 Euro

Neh­men wir den Lidl-Barolo: Die Farbe ist sehr hell, was durch­aus Nebbiolo-typisch ist. Das Duft­spek­trum liegt im Norm­be­reich: Herbst­blu­men, Moos, rote Früchte. Damit hört der Spaß dann aber auch schon auf. Auf der Zunge ist der Wein mager, dünn und hat ein auf­fal­lend bit­te­res Tan­nin. Im Abgang ist er, wie der prol­lige TV Locken­kopf Atze Schrö­der kürz­lich par­odierte, „eine ein­zige Katastrophe“.

Wer mit die­sem Wein Weih­nach­ten fei­ern will, ist zu bemit­lei­den. Er wird zwar keine Kopf­schmer­zen  bekom­men. Er wird den Wein nicht aus­spu­cken. Aber er wird danach nie mehr den Wunsch haben, einen Wein die­ses Namens trin­ken zu wol­len – da bin ich mir ziem­lich sicher.

Natür­lich legt der gele­gent­li­che Wein­trin­ker die Mess­latte nicht so hoch wie ein Con­nais­seur. Muss er auch nicht. Aber Spaß will er den­noch haben, oder wenigs­tens ein Aben­teuer. So wie es Leute gibt, die ein­mal in einem Fer­rari sit­zen möch­ten, wenn sie es sich schon nicht leis­ten kön­nen, ihn zu fah­ren, so gibt es Neu­gie­rige, die mal sagen möch­ten: Barolo – kenn ich. Oder: Châ­teau­neuf – hab ich schon mal getrun­ken. Und da das Geld zu Weih­nach­ten locker sitzt, lässt man sich den Spaß was kos­ten. Man gönnt sich ja sonst nix.

Anruf beim Schutz­kon­sor­tium Barolo: alles rechtens

Spaß? Die weih­nacht­li­chen Son­der­of­fer­ten sind in Wirk­lich­keit nur eins: Spaß­brem­sen. 9,99 Euro für einen Abklatsch von Châteauneuf-du-Pape – das ist eine teuer erkaufte Ent­täu­schung. Ein ein­fa­cher Côtes-du-Rhône für regu­läre 8,50 Euro schmeckt bes­ser. Und 6,99 Euro für eine Kari­ka­tur von Barolo – raus­ge­schmis­se­nes Geld. Die BILD-Zeitung, selbst ernann­ter „Anwalt der klei­nen Leute“, schrieb über die­ses Schnäpp­chen: „Bes­ser als gedacht“. Ich weiß nicht, was der BILD-Reporter gedacht hat. Ich denke, die klei­nen Leute haben an einem Bar­do­lino für nor­male 5,99 Euro mehr Spaß als an einen ver­un­glück­ten Barolo für 6,99 Euro.

Barolo von Lidl

Barolo von Lidl

Übri­gens habe ich den Direk­tor des Schutz­kon­sor­ti­ums für Barolo im pie­mon­te­si­schen Alba ange­ru­fen und ihn nach dem Lidl-Wein gefragt. Der Direk­tor sagte, ich sei nicht der Erste, der anriefe und wis­sen wolle, ob mit die­sem Wein alles seine Rich­tig­keit habe. Zäh­ne­knir­schend musste er zuge­ben, dass alles rech­tens sei. Zwar koste ein Liter Fass-Barolo heute zwi­schen 7 und 8 Euro. Aber die Han­dels­kel­le­rei A.VI.P., die den Lidl-Barolo abge­füllt habe, habe den Ver­trag über die Lie­fe­rung des Weins wahr­schein­lich schon vor drei oder vier Jah­ren geschlos­sen. Da herrschte Krise im Pie­mont. Fass­ware wurde für unter vier Euro gehandelt.

Viele Weine sind im Fach­han­del preiswerter

Ich frage mich nur, wie so ein Wein die sen­so­ri­sche Prü­fung beste­hen konnte, die vor­ge­schrie­ben ist, damit ein Barolo sich so nen­nen darf und die DOCG erhält. Es scheint, dass die Mess­latte von der Prü­fungs­kom­mis­sion so nied­rig gelegt wird, dass auch die Restmengen-Verwerter locker dar­über sprin­gen können.

Und noch eine inter­es­sante Nach­richt für alle, die ihren Weih­nachts­wein unbe­dingt beim Dis­coun­ter kau­fen wol­len: Es gibt in deren Rega­len durch­aus seriöse Trop­fen. Dies­mal weni­ger bei den Platz­hir­schen Lidl und Aldi, aber bei Netto zum Bei­spiel. Molino di Grace aus dem Chi­anti Clas­sico, Peter Leh­mann aus Aus­tra­lien, Rust en Vrede aus Süd­afrika, Tor­revento aus Ita­lien, Mar­ques de Ris­cal aus Spa­nien, Mont Gras aus Chile – das sind Erzeu­ger, die für geho­bene Qua­li­tät ste­hen. Aller­dings sind deren Weine im Wein­fach­han­del deut­lich bil­li­ger zu bekom­men. Bei Wein funk­tio­nie­ren die Dis­coun­ter nicht – zumin­dest bei den geho­be­nen Qua­li­tä­ten nicht.



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  Eine Antwort zu “Vorsicht Weihnachten! Spaßbremsen bei Aldi, Lidl & Co. im Regal”

  1. Hallo Hr. Priewe,

    in einer Zwi­schen­über­schrift wird zwar auch der Dis­coun­ter Norma benannt, fehlt dann aber mit erwäh­nung eines Bei­spiels.
    Den­noch habe ich damit auch kein Pro­blem. Seit der Dis­coun­ter, der frü­her ein­mal ordent­li­che Qua­li­tä­ten ordent­li­cher Kel­le­reien / Win­zer in sei­nen Son­der­ak­tio­nen ver­äus­serte, anschei­nend sein Ein­kaufs­ver­hal­ten stark geän­dert hat und zumeist auf Zwi­schen­ver­triebe oder Gross­ab­fül­ler setzt, kommt hier schon seit gerau­mer Zeit nichts erwäh­nens­wer­tes mehr in die Git­ter­körbe.
    Der Trend hier heißt, nur meine Mei­nung, mehr Schein als sein, Haupt­sa­che schwere Fla­sche und ein den Main­stream / Gele­gen­heits­käu­fer anspre­chen­des Phantasie-Etikett.
    Mehr muss nicht sein, schade drum, vor­bei die Zei­ten da es Pog­gio Agren­tierA, Pog­gio delle Querce oder fair bepreis­tes aus dem Bor­deaux gab …

    Schnäpp­chen im Dis­coun­ter ist aus die­ser Warte eben nur eine Illu­sion, dann lie­ber Fach­han­del oder Internet.

    Gruss
    Ralf S.

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