Verdicchio: Wein für Spießer? Spannendster Weißwein Italiens!

Okt 262016

Seit die Wein­in­dus­trie ihr Mono­pol auf den Ver­dic­chio ver­lo­ren hat, ist er zum span­nends­ten unter den auto­chtho­nen Weiß­wei­nen Ita­li­ens gewor­den. Warum? Weil er nicht nur frisch getrun­ken wer­den, son­dern auch rei­fen kann, berich­tet Patrick Hemminger.

Verdicchio: Wein für Spießer?

Ver­dic­chio: Wein für Spießer?

Ver­dic­chio aus den Mar­ken (aus­ge­spro­chen: werdik-jo) steht in jeder ita­lie­ni­schen Vor­stadt­piz­ze­ria auf der Wein­karte. Aber auch der gute Ver­dic­chio? Oder nur der bil­lige, der aus den Stahl­tanks gro­ßer Wein­kel­le­reien fernab sei­nes ange­stamm­ten Anbau­ge­biets in der Region Mar­ken kommt? Beide. Das ist schon ein Fort­schritt. Denn vor 25 Jah­ren tauch­ten da nur wäss­rige, nahezu farb­lose Indus­trie­weine auf, die wie Rasier­was­ser mit Koh­len­säure schmeck­ten und oft in einer folk­lo­ris­ti­schen Ampho­ren­fla­sche abge­füllt waren.

Industrie-Verdicchios und Bauern-Verdicchios

Zwar gab es auch damals bereits viele kleine Win­zer in den Mar­ken, die sich mit Fleiß und Lei­den­schaft der gleich­na­mi­gen Reb­sorte wid­me­ten, aber meis­tens ohne viel Kön­nen. Von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen, exis­tier­ten neben den Industrie-Verdicchios zu jener Zeit nur fette, nicht sel­ten unfri­sche, tief­gelbe Ver­dic­chios, die in Dorf­trat­to­rien an Ein­hei­mi­sche aus­ge­schenkt wur­den. Ins Aus­land gelang­ten diese Weine selten.

Anbaugebiet Verdicchio Castelli di Jesi

Anbau­ge­biet Ver­dic­chio Cas­telli di Jesi

Die Industrie-Verdicchios gibt es noch immer. Sie blo­ckie­ren nach wie vor die Regale der Super­märkte und Duty Free Shops. Aber sie sind nicht mehr reprä­sen­ta­tiv für das Anbau­ge­biet um die Hafen­stadt Ancona. Aus den vie­len klei­nen Win­zer­be­trie­ben sind inzwi­schen respek­ta­ble Wein­gü­ter gewor­den, in denen eine neue, gut aus­ge­bil­dete Gene­ra­tion von Win­zern arbei­tet, die Ehr­geiz hat und von der Auf­gabe beseelt ist, aus der alten Reb­sorte Ver­dic­chio einen hoch­qua­li­ta­ti­ven,  unver­wech­sel­ba­ren Wein zu erzeugen.

Wein für Spie­ßer und Langweiler?

Die Zei­ten, in den der Ver­dic­chio ein Wein für Spie­ßer und Lang­wei­ler war, sind also vor­bei.  Die guten Ver­dic­chio von heute sind stof­fige, fein­strah­lige Weiß­weine, die gern jung getrun­ken wer­den, wenn sie noch frisch und kna­ckig sind. Sie sind  gehalt­volle, unkom­pli­ziert zu trin­kende, aber nie sim­ple Weine, die durch sal­zige Mine­ra­li­tät, aus­ge­prägte Kräu­ter­a­ro­men und eine ele­gante Bit­ter­note glän­zen. Und sie kos­ten kein Ver­mö­gen. Die Preise für die Basis­qua­li­tä­ten lie­gen um 6 Euro, für die geho­be­nen Qua­li­tä­ten um 10 Euro.

Über­ra­schung: Ein Ver­dic­chio kann reifen

Mehr noch: Ein Ver­dic­chio kann durch­aus ein paar Jahre auf der Fla­sche rei­fen, die geho­be­nen Qua­li­tä­ten jeden­falls. Die Rede ist von fünf Jah­ren, manch­mal auch zehn oder mehr Jah­ren. Das habe ich auf einem Kurz­trip in die Mar­ken erfah­ren kön­nen. Kon­kret: in das Anbau­ge­biet des Ver­dic­chio Cas­telli di Jesi und tie­fer im Lan­des­in­ne­ren gele­gene Gebiet Ver­dic­chio di Mate­lica.  Wer ab und zu Lust auf gereifte Weiß­weine hat, der sollte sich eine Kiste in den Kel­ler legen und für ein paar Jahre ver­ges­sen. Dann ist der Wein reif, kom­plex und ein wun­der­ba­rer Spei­sen­be­glei­ter – und das nicht nur zu Fisch. Lesen Sie dazu die State­ments von vier Wein­er­zeu­gern, die ich auf mei­nem Trip getrof­fen habe.

Ste­fano Antonucci, Inha­ber des Wein­guts Santa Bar­bara
Gio­vanni Marotti Campi, Inha­ber des Wein­guts Gio­vanni e Fran­ce­sca Marotti
Giuliano D’Ignazi, Direk­tor der Can­tina Mon­caro
Roberto Poten­tini, Önologe der Can­tine Belisario


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