Unter 10 Euro: Christoph Hammel und seine seriöse Liebfraumilch

Aug 032016

Lieb­frau­milch? Die­ses süße Zeugs, das das Image des deut­schen Weins in der Welt kaputt gemacht hat? Ein Ver­rück­ter in der Pfalz legt die alte Platte wie­der auf und ruft: Yes, we can!

Christoph Hammel

Chris­toph Hammel

Wenn Chris­toph Ham­mel ins Reden kommt und nie­mand ihn bremst, redet er, bis der Akku leer ist (nicht sei­ner, son­dern der sei­nes Handy). Er hat ein­fach viel los­zu­wer­den. Ideen, Über­zeu­gun­gen, Erleuch­tun­gen, Gedan­ken­blitze, Gefühle – alles muss raus. Vor allem die Gefühle. Sie rei­chen von Begeis­te­rung über Skep­sis bis zu Ärger und Empö­rung. Im Moment empört sich der 50Jährige mit dem dunk­len Rau­sche­bart gerade über den nied­ri­gen Fass­wein­preis für Müller-Thurgau. 50 Cent pro Liter – das sei eine „Schande“, eine „Ent­wer­tung des Pro­dukts Wein“. Dabei könnte ihm der Preis egal sein. Fass­wein ist nicht sein Geschäft. Er füllt prak­tisch alles auf Fla­sche, was seine 63 Hektar Wein­berge in der Nord­pfalz hergeben.

Wein­feste sind in der Pfalz „sowas wie ein Gottesdienst“

Weingut Hammel in Kirchheim

Wein­gut Ham­mel in Kirchheim

Das Wein­gut, das er und sein Bru­der zusam­men betrei­ben, liegt in Kirch­heim an der Wein­straße. Eine beschau­li­che 1900-Einwohner-Gemeinde, in der gern und viel gefei­ert wird und die Wein­feste „sowas wie ein Got­tes­dienst“ sind (O-Ton Ham­mel). Klar dass der Wein dort in Strö­men fließt. Die Lößlehm-Böden in der Ober­rhein­ebene sind rela­tiv frucht­bar, die Win­zer bauen nicht nur Ries­ling, son­dern das ganze Spek­trum an, von Bac­chus, Morio-Muskat, Gewürz­tra­mi­ner, Rulän­der bis zu Dorn­fel­der, Por­tu­gie­ser, St. Lau­rent, Caber­net Dorsa, Regent. Und natür­lich den unver­meid­li­chen Sau­vi­gnon blanc.

Die Ham­mels machen da keine Aus­nahme. Ihr Sor­ti­ment ist eine knall­bunte Palette in weisß, rosé, rot, still und pri­ckelnd, tro­cken und süß in allen Varia­tio­nen, mal rein­sor­tig, mal wild zusam­men­ge­mixt, teil­weise mit Mallorca-Wein ver­schnit­ten, weil Chris­toph einen alten Freund auf Mal­lorca hat. Die meis­ten sind Spaß­weine, gedacht für Leute, die auf Wein­bü­cher, Parker-Punkte, Exper­ten­bla­bla schei­ßen und sich lie­ber von dem inspi­rie­ren las­sen, was auf Face­book gepos­tet wird. Oder was Chris­toph Ham­mel dort selbst postet.

Immer für einen Spruch gut

Er ist zwar Haupt­be­rufs­win­zer, aber auch Facebook-Aktivist. In den Social Media kann er viel raus­las­sen von dem, was ihn bewegt. Über einen sei­ner Rosé-Weine for­mu­lierte er selbst­iro­nisch: „So’n ganz gna­den­lo­ser Kra­cher für alle Nagel­stu­dio­mä­dels und Helene-Fischer-Fans“. Oder: „Juchhe, ich bin echt sehr, sehr glück­lich mit…“ Einem sei­ner Weine natürlich.

Dafür liebt ihn die Facebook-Gemeinde. „Rot­zig und klug“ schreibt ein Fol­lo­wer über ihn. Ein ande­rer: „Wer seine Posts ver­folgt, braucht sonst kaum Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur…“ Selbst die Wein­schrei­ber der Print­me­dien von Vinum über die Wein­wirt­schaft bis zu Wein­wis­ser mögen den ver­rück­ten Pfäl­zer, der immer für einen Spruch gut ist.

Auch die Spaß­weine sind bei ihm schreck­lich seriös

Etikett Liebfraumilch

Eti­kett Liebfraumilch

Spaß, das ist der rote Faden im Win­zer­le­ben des Chris­toph Ham­mel. Ist das Ele­ment, das seine Akkus immer wie­der auf­lädt. Er habe „zwar kei­nen Por­sche vor der Tür“ und sei eigent­lich auch nur „Schlauch­zie­her und Fass­put­zer“, wie er auf Youtube im Gespräch mit Hen­drik Thoma erzählt. Trotz­dem führe er ein „big life“. Der Spaß muss aller­dings seriös sein, dar­auf legt Ham­mel Wert. Als Win­zer ist er ein Profi. Er hat im öster­rei­chi­schen Klos­ter­neu­burg Wein­bau stu­diert und drei Jahre als Kel­ler­meis­ter in Süd­afrika gear­bei­tet. Selbst die Spaß­weine sind bei ihm schreck­lich seriös.

Sein neu­es­ter Coup ist die Lieb­frau­milch. Eine Weiß­wein­cu­vée aus Müller-Thurgau, Ker­ner, Sil­va­ner und Scheu­rebe, die mit 19 Gramm Rest­zu­cker auf die Fla­sche gekom­men ist. Lieb­frau­milch?, wer­den die 25-Jährigen fra­gen, die mit dem Wein­trin­ken gerade begin­nen und mit dem komi­schen Namen nichts anfan­gen kön­nen. Die 35-Jährigen wer­den ent­setzt aus­ru­fen: „Süße Plempe!“ und sich fra­gen, wes­halb weinkenner.de, der immer so furcht­bar seriös tut, einen sol­chen Wein erwäh­nen, gar emp­feh­len kann. Einen Wein, der ver­däch­tige 5,99 Euro kos­tet und einen Namen trägt, der pein­lich ist.


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  2 Antworten zu “Unter 10 Euro: Christoph Hammel und seine seriöse Liebfraumilch”

  1. Herr Ham­mel war in unse­rer Stadt Wei­den zu Besuch und hat eine Wein­probe abge­hal­ten. Dort kam ich auch in den Genuss der Lieb­frau­milch. Herr Ham­mel ist nicht nur ein begna­de­ter Win­zer, er ist auch sym­pa­thisch und ver­steht es sein Wis­sen auf cha­ris­ma­ti­sche Art und Weise an den Wein­lieb­ha­ber zu bringen!

  2. Habe letz­tes Jahr dort im Wein­gut eine Wein­probe gemacht. Lei­der waren auch
    ver­schie­dene Abfül­ler­weine ange­bo­ten. Meine Frage danach warum keine Erzeuger-
    Abfül­lung wurde nicht ernst genom­men. Möchte Erzeuger-oder Gut­s­ab­fül­lung und
    keine Abfüllerweine.

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