Moderner Weinsprech: Kommunizieren im Nonsens-Modus

Mrz 232016

Die Art, wie heute über Wein gespro­chen und geschrie­ben wird, ver­ne­belt den Kopf, fin­det Jens Priewe. Ist lei­den­schafts­lo­ser Rou­ti­ne­sprech oder sinn­freies Geschwafel.

Viel Geschwafel über Wein...

Viel Geschwa­fel über Wein...

Vor drei Tagen erhielt ich eine als dring­lich mar­kierte Mail: „Viel Wumms für wenig Kohle.“ Kein Ein­la­dung zum Box­kampf zu ermä­ßig­ten Prei­sen, auch keine Reklame für die blaue Ertüch­ti­gungs­pille für Män­ner. Es han­delte sich viel­mehr m eine beson­ders prol­lige Offerte zum Kauf eines Weins, eines namens­lo­sen Roten aus den Tie­fen des Languedoc.

Am Tag vor­her fand ich auf mei­nem Ser­ver eine Mail, in der der beste Rot­wein Ita­li­ens annon­ciert wurde: „Die­ser Ita­lie­ner schlägt aller Rekorde.“ Wel­che, wurde nicht ganz klar. Preis­re­korde kön­nen es jeden­falls nicht gewe­sen sein. Mit schlap­pen 16,50 Euro war der süd­ita­lie­ni­sche Aglia­nico weder bil­lig noch teuer. Aber der Anbie­ter die­ses Trop­fens hatte einen Tes­ter gefun­den, der bereit war, 99 Punkte für die­sen Wald- und Wie­sen­wein zu ris­kie­ren, was zwar auch kein Rekord ist, aber doch eine recht ansehn­li­che Note – wenn sie denn gerecht­fer­tigt wäre. Die Bewer­tung die­ses Weins durch andere Tes­ter liegt bei durch­schnitt­lich 88 Punk­ten. Das stand natür­lich nicht in der Mail.

Ohne ver­ba­les Pathos geht es nicht

Punkte kann man nicht trin­ken, Worte dage­gen auf der Zunge zer­ge­hen las­sen. „Zau­ber­trank“, „Welt­klasse“, „Gän­se­h­aut­wein“ – der­lei ver­ba­les Pathos ist inzwi­schen Gemein­gut gewor­den in Mails, Fly­ern, Pro­spek­ten, auch in jour­na­lis­ti­schen Arti­keln oder Video-Streams, die durch das Netz geis­tern. Das Ziel ist fast immer das glei­che: Aller­welts­weine auf­zu­hüb­schen, zu Hoch­ge­wäch­sen zu sti­li­sie­ren. Die Täter sind durch­weg Fach­leute. Das erste Zitat oben stammt von Parker-Tester Jeb Dunnuck, das zweite von dem ita­lie­ni­schen Wein­kri­ti­ker Luca Maroni, einem in sei­ner Hei­mat belä­chel­ten Para­dies­vo­gel. Doch wer von den Adres­sa­ten der Mail weiß das schon?

Weinsprech 1

Dass sich Verkaufs-Rhetorik anders anhört als die aka­de­mi­sche Wein­spra­che, ist klar. Aber wenn Ver­käu­fer nur noch im Nonsens-Modus kom­mu­ni­zie­ren, stellt sich irgend­wann die Frage: Sol­len die Kon­su­men­ten sys­te­ma­tisch getäuscht wer­den? Über den Tisch gezo­gen wer­den? Zumin­dest irre­ge­lei­tet wer­den? Wer­den hier Mäus­chen zu Ele­fan­ten auf­ge­bla­sen, indem man ihnen fal­sche Eti­ket­ten anhaf­tet? Sicher, jeder hat die Frei­heit, einen lang­wei­li­gen Müller-Thurgau als „Geheim­tipp“, als „Schnäpp­chen“, als Wein mit einem „rie­si­gen Span­nungs­bo­gen“ zu bezeich­nen, der schmeckt wie „ein Schluck aus einem küh­len Glet­scher­bach“. Hei­kel wird es erst, wenn der ani­mierte Käu­fer in Erwar­tung eines tol­len Weins fest­stel­len muss, dass der Span­nungs­bo­gen in sich zusam­men­ge­fal­len ist wie ein Souf­flé, das zu spät aus dem Ofen geholt wurde – wenn er über­haupt je einen Span­nungs­bo­gen gehabt hat.

Arsch­krie­che­rei statt kri­ti­scher Weinberichterstattung

Wein­aka­de­mi­ker und andere diplo­mierte Reben­saft­ex­per­ten leis­ten die­ser Ent­wick­lung nicht sel­ten Vor­schub. Statt zu ver­su­chen, einen Wein rich­tig ein­zu­ord­nen, sehen sie es als ihre vor­nehmste Auf­gabe an, ihn mit blu­mi­gen Wor­ten zu beschrei­ben. Ein schlich­ter Land­wein schmeckt dann plötz­lich wie ein nobler Trop­fen, ein klei­ner Bor­deaux wie ein Pre­mier Cru. „Geho­be­ner Unsinn“ hat die Süd­deut­sche Zei­tung ein­mal geschrie­ben. Zu Recht, finde ich.

Und die Jour­na­lis­ten? Sie ver­ste­hen sich als Kri­ti­ker, doch Kri­ti­sches liest man sel­ten von ihnen. Lob­prei­sun­gen, Kom­pli­mente, Ehr­er­bie­tung – das kön­nen sie bes­ser. Über den deut­schen Win­zer Klaus-Peter Kel­ler schrieb die ange­se­hene ame­ri­ka­ni­sche Wein­fach­zeit­schrift Wine Enthu­si­ast: „Kel­ler, die Wei­ni­kone, vini­fi­ziert die heiß begehr­tes­ten Weine Deutsch­lands.“ Keine Ahnung, welch umfang­rei­che Recher­chen der ame­ri­ka­ni­sche Autor ange­stellt hat, um zu die­sem Urteil zu gelan­gen. Wahr­schein­lich hat er nur sein Bauch­ge­fühl befragt. Borderline-Journalismus nennt man sowas. Oder Arschkriecherei.

Ein­fach nur so rumgeschwafelt

Der deut­sche Gault Mil­lau ist etwas dich­ter am Gesche­hen. Und was schreibt er über Kel­ler? „Der Kon­su­ment tankt in sei­nen Wei­nen vita­les Fein­ge­fühl und ele­gante Kühle, quasi beschwingte Lebens­lust.“ Gram­ma­tisch etwas holp­rig und bild­lich schief. Mei­net­we­gen. Aber dann kommt’s: „Er ist Deutsch­lands Meis­ter aller Klas­sen.“ Fina­ler Knock­out aller ande­ren Spit­zen­win­zer des Lan­des? Oder ein­fach so rumgeschwafelt?

Weinsprech 2Natür­lich gibt es auch Kol­le­gen, die seriös über Wein schrei­ben. Der erste Satz eines lan­gen Arti­kels über den Kai­ser­stuhl in VINUM, Euro­pas füh­ren­dem Maga­zin für Wein­kul­tur, lau­tete letz­tes Jahr: „Alles begann mit den Sume­rern, Ägyp­tern, Grie­chen, Ger­ma­nen und Römern vor 2000 Jah­ren…“ Kor­rekt. Aber wer schließt ein Abo ab, um Schü­ler­auf­sätze zu lesen?

Ein ande­res Bei­spiel, im Inter­net gefun­den: „Ich wit­tere tief­dunkle Töne vol­ler ras­si­ger Frucht. Schwarz­kir­sche und Wie­sen­blume. Und jener betö­rende Duft nach Süß­lich­keit, obwohl man ‚süß’ ja gar nicht rie­chen kann. Am Gau­men wie­der tolle Frucht, vor allem Pflaume. Schmei­chelnd und weich. Also keine Flei­schig­keit, son­dern Ele­ganz mit zar­tem Süß-Säure-Spiel, noblem Tan­nin und fei­nen Noten von Laven­del, die sich in den herr­li­chen Abgang zie­hen.“ Kom­men Sie, liebe Leser, auf die Idee, dass es sich bei die­ser wie im Dro­gen­rausch ver­fass­ten Beschrei­bung um einen sim­plen Dol­cetto aus dem Pie­mont han­delt? Dabei kann Cap­tain Cork so lus­tig sein!


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  4 Antworten zu “Moderner Weinsprech: Kommunizieren im Nonsens-Modus”

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  2. Ich habe gefun­den, dass manch­mal die­sen Art von Wein­sprech besagt min­de­rer Qualität.

  3. Hallo Herr Priewe,
    ihr Arti­kel spricht mir aus der Seele. Aller­dings kann ich nicht ver­he­len, dass die Wände Ihres Glas­hau­ses sehr dünn sind… Wenn ich mich kor­rekt ent­sinne hat­ten Sie im letz­ten Jahr die (wirk­lich guten) Begleit­texte für einen Kata­log eines bekann­ten Wein­händ­lers “Ich gebe fast allen deut­schen GGs 95-100 Punkte” gelie­fert… :)
    Viel­leicht soll­ten Sie dort ein­mal Ihren Ein­fluß nut­zen, die Bewer­tun­gen und die Spra­che wie­der auf ein Nor­mal­maß her­ab­zu­sen­ken? Denn ansons­ten haben wir bald nur noch 100 Punkte Super-Duper-Wahnsinnsweine und Otto-Normal Wein­trin­ker wird total verwirrt.

    VG
    Dirk Brinkmann

  4. Lie­ber Jens,

    danke für die­sen so wah­ren und wun­der­bar geschrie­be­nen Text! Sogar Deine Selbst­kri­tik ist mehr als nur eine Zeile zum Schmun­zeln! Große Klasse!

    Vie­len Dank dafür! Wäre auch eine Seite im DER FEINSCHMECKER wert!

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