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Einmal Griechenland und zurück: die X-Weine von Amyndeon

Die Grie­chen­land­krise hat auch ein Gutes: Man fragt sich, was das Land zu bieten hat außer blauem Meer, weißen Stränden, Tomaten, Oliven, Schafs­käse. Viel­leicht Wein? Jens Priewe machte einen Check in Nord­grie­chen­land.

Die Grie­chen­land­krise hat auch ein Gutes: Man fragt sich, was das Land zu bieten hat außer blauem Meer, weißen Stränden, Tomaten, Oliven, Schafs­käse. Viel­leicht Wein? Jens Priewe machte einen Check in Nord­grie­chen­land.

Die Hochebene von Amyndeon
Die Hoch­ebene von Amyn­deon

Die ersten sechs Weine meines Kurz­trips in den Norden Grie­chen­lands trank ich gleich zum Mittag­essen in einem kleinen Lokal in Thes­sa­lo­niki. Alle rot. Ein halbes Dutzend Winzer war zugegen. Es waren keine denk­wür­digen Weine, die sie mitge­bracht hatten.

Zwei wirkten etwas unbe­holfen. Die anderen waren ordent­lich. Der sechste gefiel mir beson­ders gut. Er bot das, was ich suche, wenn ich nach Grie­chen­land komme: einen spezi­ellen Duft, einen beson­deren Geschmack, eine eigene Stilistik.

Die Suche nach den besonderen Weinen

Der Wein war nicht über­mäßig dunkel in der Farbe, nicht über­mäßig dick. Aber er bot mehr als die übliche Rote-Früchte-Mixtur und die unver­meid­li­chen Tabak- und Scho­ko­noten, die mitt­ler­weile alle besseren Rotweine zwischen Molda­vien und Gibraltar aufweisen. Statt­dessen Jod, rosa Pfeffer, verblühte Rosen. Unge­wohnte, ja komi­sche Noten, die sich aber gut in die Frucht einfügten. Leider räumte, bevor ich mir den Namen des Weins notieren konnte, der Kellner die Flasche wieder ab. Und dann war das Mittag­essen auch schon beendet. Die Winzer verab­schie­deten sich, auch jener ältere Herr in dem altmo­di­schen Anzug und Krawatte, der mir höflich seine Visi­ten­karte in die Hand gedrückt hatte. „Auf Wieder­sehen“ sagte er in akzent­freiem Deutsch. Und: „Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“

Die Sorte mit dem X

Rebstöcke in Amyndeon
Rebstöcke in Amyn­deon

Ich schaute auf die Visi­ten­karte. Dr. Georg Tsan­talis stand darauf. Tsan­talis, so viel wusste ich, ist eine berühmte grie­chi­sche Kellerei. Aber Georg? Der Herr merkte, dass ich stutzte, und so kamen wir in letzter Minute doch noch ins Gespräch. Er hat in Karls­ruhe studiert und in der Staat­li­chen Versuchs­an­stalt im pfäl­zi­schen Geil­wei­lerhof gear­beitet. Daher sein gutes Deutsch. Außerdem kenne er meine Wein­bü­cher. Sie ständen bei ihm zu Hause im Schrank, und er habe sie alle gelesen – auf Deutsch selbst­ver­ständ­lich. Ich fühlte mich geschmei­chelt. Wie mir die Weine geschmeckt hätten, wollte er wissen. Gut, antwor­tete ich, beson­ders der letzte. „Das war unsere Rapsani Reserve“, sagte Herr Tsan­tilis und erklärte, dass die Trauben für diesen Wein vom Olymp kommen, dem höchsten Berg Grie­chen­lands, der als Sitz der Götter galt. Bis zu 750 Meter hoch reichten die Wein­berge, und die Sorten hätten Namen, die ich wahr­schein­lich noch nie gehört hätte. Sie heißen Xino­mavro, Krasato und Stav­roto (11,80 Euro, www.griechischer-weinversand.de). „Die Sorte mit dem X kenne ich schon“, sagte ich. „Ich weiß nur nicht, wie man sie ausspricht.“ Herr Tsan­talis half mir: „Ksinoooh-mavro“. Dann fügte er hinzu: „Ich glaube, dass die alten Sorten ein großes Kapital für Grie­chen­land darstellen.“

Kann Wein helfen, dass Griechenland wieder auf die Beine kommt?

Rapsani Reserve von Tsantali
Rapsani Reserve

Dieser Satz sollte mir noch eine Zeit lang im Gedächtnis bleiben. Denn Grie­chen­land ist poli­tisch wieder mal in den Schlag­zeilen. Das Land gibt, salopp formu­liert, zu viel aus und nimmt immer noch zu wenig ein – so wenig, dass es selbst die Zinsen für seine Schulden über Kredit finan­zieren muss. Das ist gefähr­lich, wie jeder Häus­le­bauer weiß. Es stellt sich also die Frage, wie Grie­chen­land wirt­schaft­lich wieder auf die Beine kommen will. Mit weißen Stränden und blauem Meer allein dürfte das schwierig werden. Mit Schafs­käse, Olivenöl, Tomaten, Äpfeln, Pfir­si­chen und anderem Gemüse auch. Zusammen mit dem Wein aber könnte viel­leicht ein kleines Licht­lein am Ende des Tunnels aufgehen, voraus­ge­setzt der Wein ist gut und hat etwas, das andere Weine nicht haben. Wie ein Cham­pa­gner sozu­sagen, der Frank­reichs Außen­han­dels­bi­lanz jedes Jahr ordent­lich aufhüb­scht. Pardon, dieser Vergleich verbietet sich eigent­lich. Über­haupt bitte ich Sie, lieber Leser, für das Poli­ti­sieren um Entschul­di­gung. Ich wollte eigent­lich nur sagen, dass die Reserve vom Berg der Götter inter­es­santer ist als viele quali­tativ korrekte, aber seelen­lose Rioja, Chianti, Vin de Pays d’Oc und sons­tige Weine.


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