2011 Brunello di Montalcino: von meisterhaft bis dilettantisch

Mrz 112016

Der Jahr­gang 2011 steht im Schat­ten des gro­ßen 2010ers. Zu Unrecht? Jens Priewe hat knapp hun­dert Bru­n­ello pro­biert und sagt: Die bes­ten 2011er sind nicht schlech­ter als ihre Vor­gän­ger. Nur gibt es sehr viel weni­ger gute – und sehr viel mehr blamable.

Montalcino

Mon­tal­cino

Bis Mitte August 2011 hin­ein glaub­ten die Brunello-Winzer, der neue Jahr­gang würde noch bes­ser wer­den als der große 2010er. Alles war bis dahin per­fekt gelau­fen: die Blüte, der Gesund­heits­zu­stand der Trau­ben, und die Menge, die an den Reben hing, stimmte auch. Doch dann wen­dete sich das Blatt. Ein hei­ßer, tro­cke­ner Wind aus Afrika fegte plötz­lich über die Tos­kana und ließ die Tem­pe­ra­tu­ren in die Höhe schnel­len. Der Zucker­ge­halt der Bee­ren nahm rascher zu, als die phe­no­li­schen Ele­mente rei­fen konn­ten. Die Säu­ren gin­gen in den Kel­ler. Und wer die Laub­wand sei­ner Reben bereits ent­blät­tert und die  Trau­ben frei­ge­stellt hatte, ris­kierte, dass diese einen Son­nen­brand beka­men. Kein Ver­gleich jeden­falls mit dem aus­ge­gli­che­nen, undra­ma­ti­schen Rei­fe­ver­lauf des Jah­res 2010. Die Lese begann in 2011 dann auch so früh wie lange nicht. Sie war hek­tisch. Der Lese­auf­wand war enorm. Eine Her­aus­for­de­rung für die Winzer.

Erschre­ckend viele unfri­sche Weine

Etikett Il Marroneto

Eti­kett Il Marroneto

Seit Januar sind die 2011er Bru­n­ello di Mon­tal­cino nun frei­ge­ge­ben. Der erste Ein­druck, den sie hin­ter­las­sen, spie­gelt die ganze Dra­ma­tik die­ses hei­ßen Jahr­gangs wider. Viele Weine sind über­reif, haben Kocha­ro­men, sind behä­big oder haben tro­ckene, teils grüne Tan­nine, weil die Reben ange­sichts der Hitze den Stoff­wech­sel zeit­weise ein­ge­stellt hat­ten. Ein erschre­ckend hoher Anteil der Weine ist unfrisch und weist jetzt bereits eine Braun­tö­nung auf. Das gilt beson­ders für Weine von der Süd­flanke Mon­tal­ci­nos: Banfi, Argiano, Col d’Orcia ver­mö­gen in 2011 mit ihren Wei­nen lei­der nicht zu glän­zen. Die Güter in den küh­le­ren Unter­zo­nen hat­ten es dage­gen deut­lich leich­ter: Il Mar­ro­neto, Caparzo, Nardi, Pog­gio Antico zum Beispiel.

Aber das Klima allein ist nicht die Ursa­che für die gro­ßen Qua­li­täts­un­ter­schiede. Auch vom süd­li­chen Rand Mon­tal­ci­nos kom­men einige sehr respek­ta­ble Weine, etwa die von Ago­s­tina Pieri. Es kommt also ganz ent­schei­dend dar­auf an, wie die Win­zer arbei­ten. Dass ein 350-Hektar-Betrieb wie Banfi es schwe­rer hat als ein klei­nes Fami­li­en­wein­gut, liegt aller­dings uf der Hand.

Gebot des Jah­res: selek­tiv vor­ge­hen bei der Wahl

Etikett Caprili

Eti­kett Caprili

Den­noch: Der Kon­su­ment, der für einen Bru­n­ello di Mon­tal­cino von 25 Euro an auf­wärts bezah­len soll, legt Wert dar­auf, dass der Inhalt der Fla­sche dem Preis und dem Ruf ent­spricht, der die­sem tos­ka­ni­schen Rot­wein vor­aus­eilt. Und in 2011 wird er, wenn er nicht ent­täuscht wer­den will, sehr selek­tiv vor­ge­hen müs­sen. Die bes­ten 2011er Bru­n­ello di Mon­tal­cino sind auf einem ähnli­chen Niveau wie 2010 – majes­tä­ti­sche Weine, sehr kom­plett und per­fekt aus­ba­lan­ciert. Die Erzeu­ger sind weit­ge­hend die glei­chen, die auch in den Vor­jah­ren schon bril­liert hat­ten: Sal­vioni (der bei Par­ker 98 Punkte für sei­nen 2010er erhal­ten hat), Pog­gio di Sotto (97 Punkte), Il Mar­ro­neto mit sei­nem Lagen­wein „Madaonna della Gra­zie“ (100 Punkte). Punkt­mä­ßig bin ich aller­dings vor­sich­ti­ger, als die meis­ten Tes­ter es im Vor­jahr waren. Mir waren zum Bei­spiel die Bewer­tun­gen der Parker-Testerin Monica Lar­ner bei den 2010ern zu hoch. Aber im Ran­king gehö­ren die höchst bewer­tes­ten Güter auch 2011 zu den besten.

Die bes­ten sind jeden Cent wert

Neben die­sen Top-Produzenten (deren Weine lei­der auch zu den teu­ers­ten gehö­ren) gibt es frei­lich einige Bru­n­ello, die sehr viel weni­ger kos­ten, aber jeden Cent wert sind. Bei­spiel: Lisini, Il Pog­gione, Cam­po­gio­vanni, Caprili, aber auch andere.

Etikett Il Poggione

Eti­kett Il Poggione

Die wich­ti­gere Erkennt­nis ist jedoch, wie viele mit­tel­mä­ßige, ent­täu­schende, ja miss­ra­tene Bru­n­ello es in 2011 gibt. Der­art große Unter­schiede wie in 2011 habe ich in der Ver­gan­gen­heit sel­ten erlebt. Die hohen Preise, die der Bru­n­ello di Mon­tal­cino am Markt erzielt, haben offen­bar viele bäu­er­li­che Klein­win­zer dazu bewegt, ihre Trau­ben selbst zu vini­fi­zie­ren, statt sie wie frü­her an andere Kel­le­reien zu ver­kau­fen. Das Resul­tat: eine starke Zunahme der Fla­schen­ab­fül­ler und eine Explo­sion dilet­tan­ti­scher Weine. Das durch­schnitt­li­che Niveau in dem nur 50 Kilo­me­ter ent­fern­ten Chi­anti Clas­sico ist heute jeden­falls deut­lich höher als in Mon­tal­cino. Und nach dem Hype um den Jahr­gang 2010, der Mon­tal­cino einen Tou­ris­ten­boom ohne­glei­chen beschert hat, ist Bes­se­rung lei­der nicht in Sicht.

Die Ver­kos­tung des Jahr­gangs 2011 fand im Februar die­ses Jah­res in Mon­tal­cino statt. Orga­ni­siert wor­den war die Degus­ta­tion vom örtli­chen Schutz­kon­sor­tium. Lei­der hat­ten nicht alle Win­zer ihre Weine ein­ge­lie­fert. Schade, zumal viele der­je­ni­gen fehl­ten, die das Ban­ner des Bru­n­ello di Mon­tal­cino in den letz­ten Jah­ren hoch gehal­ten habe (Siro Pacenti, Casa­nova di Neri, Val­di­cava, Alte­sino, Ciacci Pic­co­lo­mini, Biondi Santi, Cer­bai­ona, Pian dell’Orino, Giodo, Baricci…).


2011 Bru­n­ello di Mon­tal­cino 95 bis 92 Punkte
2011 Bru­n­ello di Mon­tal­cino 91 bis 89 Punkte
2011 Bru­n­ello di Mon­tal­cino 88 Punkte und weniger




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