Das Weingut Poggio Scalette

Rotwein aus dem Sangiovese-Paradies: Il Carbonaione 1992-2012

Es gibt sie noch, die beschei­denen, kleinen Wein­güter im Chianti Clas­sico. Poggio Scalette ist eines davon. Dessen Spit­zen­ge­wächs ist einer der größten Sangiovese-Weine der Toskana. Leider wissen es nur wenige.

Es gibt sie noch, die beschei­denen, kleinen Wein­güter im Chianti Clas­sico. Poggio Scalette ist eines davon. Dessen Spit­zen­ge­wächs ist einer der größten Sangiovese-Weine der Toskana. Leider wissen es nur wenige.

Spit­zen­wein aus der Tos­kana: Il Carbonaione
Spit­zen­wein aus der Tos­kana: Il Carbo­naione

Der Spit­zen­wein heißt Il Carbo­naione (ausge­spro­chen: Karbo-najòne) und war in den 90er Jahren einer der gesuch­testen Super Tuscans in Deutsch­land. Knapp ein Drittel dieses Weins wurde in Deutsch­land und in der Schweiz getrunken. Die Schweizer genießen ihn  auch heute noch in vollen Zügen.

Bei deut­schen Wein­trin­kern scheint er dagegen in Verges­sen­heit geraten zu sein. „Komisch“, findet Vittorio Fiore und schaut mich etwas ratlos an. „Trinkt ihr in Deutsch­land denn nur noch Weiß­wein?“

Vittorio Fiore – einer der Protagonisten der Toskana

Vittorio Fiore
Vittorio Fiore

Fiore ist Önologe, 74 Jahre alt und hat im Laufe seines Lebens Dutzende toska­ni­sche Wein­güter beraten. Wein­güter wie Conte Costanti, Vecchie Terre di Monte­fili, Terra­bi­anca, Cusona, La Gerla haben auf seinen Rat gehört. Er war einer der Prot­ago­nisten der Renais­sance des toska­ni­schen Weins. 1991 hatte er im abge­le­gensten Teil des Chianti Clas­sico ein kleines, verlas­senes Weingut namens Poggio Scalette gekauft, wobei der Wunsch, die Schön­heit der Natur zu genießen, genauso groß war wie der Wunsch, einen guten Wein zu erzeugen. Bekennt er.

Keine Spur von Toskana-Chic

Eingang von Poggio Scalette
Eingang von Poggio Scalette

Das Weingut befindet sich in Hinter­land von Greve. Das Dörf­chen heißt Ruffoli, liegt abseits aller Touris­ten­pfade auf 450 Metern Höhe und besteht nur aus zwei Häuser­gruppen. Eine davon ist Poggio Scalette. Dort lebt Fiore seitdem mit seiner Frau und den drei erwach­senen Söhnen, inmitten von silber­grünen Oliven­hainen, wilden Zypressen, roten Klatsch­mohn­fel­dern, alten Wein­bergen und genießt den erha­benen Blick über die anmu­tige Hügel­welt des Chianti Clas­sico. Im Laufe der folgenden Jahre hat er ein paar benach­barte Wein­berge und Gebäude dazu­ge­kauft. Eine Show-Kellerei ist Poggio Scalette dennoch nicht geworden. Im Gegen­teil: Die Türen knarzen, die Holz­de­cken biegen sich, die Fußböden bestehen aus abge­wetzten Terracotta-Fliesen. Goldene Wasser­hähne sucht man vergeb­lich. Poggio Scalette steht über dem Eingang in verbli­chener Schrift. Keine Spur von Floren­tiner Chic.

Besondere Spielart der Sangiovese

Sangiovese di Lamole
Sangiovese di Lamole

Der Glücks­fall für die Fiores war der alte Wein­berg neben dem Gut. Terras­siert und mit ober­arm­di­cken, knotigen Sangiovese-Reben bestockt. Die ältesten waren um 1920 nach der Reblaus-Katastrophe gepflanzt worden. Bei genauerem Betrachten stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine alte Sangiovese-Variante handelte, die dort wuchs. Sie ist als Sangiovese di Lamole bekannt und ähnelt gene­tisch mehr der hoch­wer­tigen Brunello-Spielart des Sangiovese Grosso als der im Chianti Clas­sico behei­ma­teten Sangiovese Piccolo.

Auch wenn diese Unter­schei­dung aus wissen­schaft­li­cher Sicht längst obsolet ist, so erklärt es doch die Beson­der­heit des Il Carbo­naione. Die Reben bringen nur wenige Trauben hervor, klein von der Form her und dick­scha­liger als andere Sangiovese-Varianten – prädes­ti­niert für große Weine. Diese 90-jährigen Rebstöcke liefern bis heute den größten Teil des Stoffs, aus dem der Il Carbo­naione gewonnen wird.


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