Griechenland: „Unterschätzteste Weinnation Europas“

Dez 142015

Grie­chen­land beherrschte in 2015 die Schlag­zei­len der Welt­presse – wegen der Schief­lage sei­ner Finan­zen. „Ver­dient hätte die Schlag­zei­len der grie­chi­sche Wein“ fin­det Sté­hane Thu­riot, Som­me­lier im Restau­rant „Königs­hof“ in Mün­chen.

Stéphane Thuriot

Sté­phane Thuriot

Sté­phane Thu­riot, 44, ist Fran­zose, lebt aber seit über 20 Jah­ren in Deutsch­land. Er begann seine Sommelier-Laufbahn im in der Mün­che­ner „Auber­gine“ unter Eck­art Wit­zig­mann und wech­selte dann zum Restau­rant „Königs­hof“, in dem er seit­dem arbei­tet. Thu­riot ist Fran­zose. Er stammt aus Gien in der Nähe von San­cerre. Aber er ver­steht sich nicht als Pro­mo­ter fran­zö­si­scher Weine. Ebenso häu­fig emp­fiehlt er sei­nen Gäs­ten Weine aus Deutsch­land, Öster­reich, Ita­lien und ande­ren Län­dern – auch aus Grie­chen­land, was für ein Sterne-Restaurant eher sel­ten ist.

Thu­riot ist einer den weni­gen Ken­ner grie­chi­scher Weine unter den in Deutsch­land arbei­ten­den Som­me­liers. Er hat Grie­chen­land mehr­mals aus­gie­big bereist und war jedes Mal über­rascht, wie viele unbe­kannte, gute Weine es zwi­schen Make­do­nien und Les­bos gibt – und erschro­cken, wie wenig davon nach Deutsch­land impor­tiert wird. Der­zeit fin­det man auf der Wein­liste des „Königs­hofs“ 38 Posi­tio­nen mit grie­chi­schen Wei­nen, weiß sowohl wie rot. Thu­riot bie­tet sie gern glas­weise an. Jens Priewe sprach Ende Novem­ber mit ihm über die Wein­na­tion Grie­chen­land, ihr Poten­zial, die Mark­t­hemm­nisse, das Image.

Anbaugebiete Griechenland

Anbau­ge­biete Griechenland

Frage: Wie wür­den Sie Grie­chen­land als Wein­na­tion in Europa ein­ord­nen?
Sté­phane Thu­riot: Ich weiß nicht genau, wie viel Hektar Wein­berge Grie­chen­land ins­ge­samt besitzt. Aber ich weiß, dass Grie­chen­land die unter­schätz­teste Wein­na­tion in Europa ist, neben Por­tu­gal.
Frage: Woran liegt das?
Sté­phane Thu­riot: Es fehlt die inter­na­tio­nale Wert­schät­zung für grie­chi­schen Wein. Es fehlt an Ken­nern und Kennt­nis­sen. Das ist nicht nur schade. Das ist trau­rig.
Frage: In ande­ren euro­päi­schen Län­dern als Deutsch­land dürfte die­ses Manko noch kras­ser sein.
Sté­phane Thu­riot: Mög­lich. Aber Deutsch­land ist der wich­tigste Export­markt für grie­chi­sche Weine in Europa. Da könnte man schon erwar­ten, dass Gas­tro­no­mie, Fach­han­del und Presse sich ernst­haf­ter mit grie­chi­schem Wein beschäf­ti­gen. Grie­chi­sche Restau­rants sind ja nicht ganz unbe­deu­tende Player auf dem deut­schen Gastro-Markt. Aber da geht es oft nur um Bil­lig­ware: eine Fla­sche für 5 Euro ein­kau­fen und für 20 Euro auf die Karte set­zen. Fer­tig. Vie­len grie­chi­schen Wir­ten feh­len das Wis­sen von den eige­nen Wei­nen und der Stolz, ihren Gäs­ten das Beste aus der Hei­mat anzu­bie­ten.
Frage: Im Gegen­satz zu den Ita­lie­nern.
Sté­phane Thu­riot: Zum Ita­lie­ner geht man, um gut zu essen, zum Grie­chen, um satt zu wer­den. Das ist das Image. Lei­der erfül­len viele grie­chi­sche Restau­rants die­ses Kli­schee. Selbst in klei­nen Vorstadt-Trattorien fin­det man Tigna­nello, Bru­n­ello di Mon­tal­cino und andere Top­weine ita­li­ens. In der grie­chi­schen Taverna nebenan ste­hen lang­wei­lige Mar­ken­weine oder bedeu­tungs­lose Leicht­weine auf der Karte.
Frage: Gibt es über­haupt große Weine aus Grie­chen­land?
Sté­phane Thu­riot: Es gibt Weine, die der inter­na­tio­na­len Top-Gastronomie wür­dig wären. Einige die­ser Weine sind sogar in Deutsch­land erhält­lich, aber meis­tens nur im Lebensmittel-Großhandel. Die Sterne-Restaurants kau­fen ihren Wein aber nicht im Groß­han­del. Sie kau­fen ihn bei klei­nen, ver­sier­ten Fach­händ­lern. Von denen gibt es nur sehr wenige, die sich auf grie­chi­schen Wein spe­zia­li­siert haben.
Frage: Nen­nen Sie mal drei, vier Namen von Spitzenwein-Produzenten aus Grie­chen­land.
Sté­phane Thu­riot: Par­parous­sis, Gaia, Gero­vas­si­liou, Biblia Chora, Dia­man­ta­kos, Argy­ros – ich weiß gar nicht, wo ich anfan­gen soll.
Frage: Und was ist mit dem Tri­lo­gia? Die­ser Rot­wein war jah­re­lang der ein­zige Spit­zen­wein, der über die grie­chi­sche Gas­tro­no­mie hin­aus bekannt war.
Sté­phane Thu­riot: Stimmt, den Wein fand man bei Wein­händ­lern und Restau­rants in ganz Deutsch­land. Das Wein­gut gehörte Kris­tos Kok­ka­lis, einem Grie­chen, der als Apo­the­ker in Mönchen-Gladbach arbei­tete. Er küm­merte sich selbst um den Ver­trieb in Deutsch­land, und das funk­tio­nierte. Inzwi­schen hat er das Wein­gut aus Alters­grün­den an Biblia Chora ver­kauft. Die bauen erst­mal die Reser­ven ab, die sich noch auf dem Markt befin­den. Aber in ein paar Jah­ren wird der Wein wie­der­kom­men.

Assyrtiko-Rebe auf Santontorini

Assyrtiko-Rebe auf Santontorini

Frage: Sehen Sie die Stär­ken Grie­chen­lands mehr bei den Weiß- oder bei den Rot­wei­nen?
Sté­phane Thu­riot: In bei­den Kate­go­rien bie­tet Grie­chen­land hohe Qua­li­tä­ten. Ich per­sön­lich halte viel von den Weiß­wei­nen, ins­be­son­dere von denen aus der Sorte Assyr­tiko. Ihre impo­nie­rends­ten Qua­li­tä­ten bringt diese Sorte auf der Insel San­to­rini. Dort steht sie auf vul­ka­ni­schem Urge­stein und ergibt hoch­mi­ne­ra­li­sche Weine, die ein­zig­ar­tig sind auf der Welt. Die Reben wach­sen in Ein­zel­er­zie­hung ohne Draht wie in Nes­tern. Fast alle sind unver­edelt, viele 50 Jahre alt und älter. Nach 100 Jah­ren wer­den sie tra­di­tio­nell neu gepfropft. Das heißt: Es gibt viel Stö­cke, die 200 und 300 Jahre alt sind. Sicher, die Weine haben 14 bis 15 Vol.% Alko­hol, und die Säure ist nicht sehr hoch. Aber sie sind trotz­dem frisch wegen der aus­ge­präg­ten Mine­ra­li­tät.
Frage: Mine­ra­li­tät ist heute eine Flos­kel gewor­den…
Sté­phane Thu­riot: Trin­ken Sie mal einen San­to­rini, dann wis­sen Sie, was ich mit Mine­ra­li­tät meine. Die Weine haben keine Frucht, sie sind nur sal­zig. Salzig-puristisch. Natür­lich wird die Assyr­tiko auch auf dem grie­chi­schen Fest­land ange­baut, etwa in Make­do­nien oder in Zen­tral­grie­chen­land. Da sind die Böden anders, folg­lich ist auch die Mine­ra­li­tät nicht ganz so stark aus­ge­prägt wie auf San­to­rini. Aber auch da zeigt die Sorte, dass sie alles kann: von leicht bis ganz wuch­tig.
Frage: Die Assyr­tiko bedeckt gerade mal 2.000 Hektar in Grie­chen­land. Wel­che ande­ren Weiß­wein­sor­ten wür­den Sie her­vor­he­ben?
Sté­phane Thu­riot: Zum Bei­spiel die Moschofi­lero, eine uralte Reb­sorte, aus der leichte, schwach aro­ma­ti­sche Weine gewon­nen wer­den. Sie erin­nern mich an einem tro­cke­nen Gewürz­tra­mi­ner, nur leich­ter. Man kann den Moschofi­lero nicht, wie bei den Assyr­tiko, in die Kraft trei­ben. Oder die Athiri, die klas­si­sche Retsina-Rebsorte, aus der aber auch unge­h­arzte Weine erzeugt wer­den. In Weißwein-Cuvées sorgt sie für die Fri­sche. Auch die Sava­ti­ano, die häu­figste grie­chi­sche Weiß­wein­sorte, kann span­nende Weine erge­ben. Am span­nends­ten aber sind die Weine aus der Malagou­sia. Diese Sorte war prak­tisch schon aus­ge­stor­ben, als sie um 1980 von Evan­ge­lis Gero­vas­si­liou gefun­den und auf sei­nem Wein­gut wie­der ange­baut wurde. Gero­vas­si­liou hat in Bor­deaux bei Pro­fes­sor Peyn­aud stu­diert und den Wert und die Bedeu­tung der Malagou­sia sofort erkannt, als er sie ent­deckte. Sein eige­ner Malagou­sia, der auf einer Halb­in­sel süd­lich des Flug­ha­fens von Thes­sa­lo­niki wächst, ist ein sen­sa­tio­nel­ler Weißwein.


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  7 Antworten zu “Griechenland: „Unterschätzteste Weinnation Europas“”

  1. Ein ganz tol­ler Bei­trag. Als einer der Bot­schaf­ter des grie­chi­schen Weins in Deutsch­land ist das ein Lob auch für meine Arbeit von Wine and Nature (wir impor­tie­ren und ver­brei­ten hoch­wer­tige grie­chi­sche Weine in Deutschland!).

    Ich glaube aller­dings nicht, das der Syrah grie­chisch im Ursprung ist. Es gibt die Idee, dass der Syrah sei­nen Namen von Shiraz in Per­sien bekam und über Kreta und dem grie­chi­schen Fest­land letzt­lich in die Welt kam… Ich denke, dass das längst mit DNA wie­der­legt wurde. Es gibt, glaube ich, kei­nen Beweis für die Behaup­tung der Syrah sei in GR frü­her schon gewe­sen. Aber wer das Gegen­teil bewei­sen kann …bitte! Lie­ber Herr Thu­riot: Bitte sen­den Sie mir Details und kon­tak­tie­ren Sie mich zwecks grie­chi­schen Wein im All­ge­mei­nen. Ich sehe es ähnlich wie Sie … es gibt ja schon ganz viele Preis-Leitungs-„Sieger“ aus Grie­chen­land … zumin­dest im Preis-Segment 8 bis 20 Euro oder Gas­tro 5 bis 15 Euro. Toll ist auch, dass wirk­lich Weine von Win­zern die Jahre zuvor „untrink­bar“ waren, plötz­lich sehr gute Weine machen. Wenn das nicht die „Über­hol­spur“ ist und das noch in der Krise was denn bitte sonst ;-) . Grie­chen­land ver­dient deut­lich mehr Auf­merk­sam­keit …! Nach­ah­mer gesucht, bitte melden!

  2. Zitat von Hawesko: “Doch zurück zum Syrah. Denn so schön die Geschichte vom Kreuz­rit­ter auch sein mag, wahr ist sie nicht. Heute ist es , die gene­ti­sche Abstam­mung von Reb­sor­ten zwei­fels­frei fest­zu­stel­len. Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­sity of Cali­for­nia und der For­schungs­an­stalt Mont­pel­lier haben dann auch die Eltern des Syrah ermit­teln kön­nen und diese stam­men nicht aus dem heu­ti­gen Iran. Der Syrah ist eine Wild­kreu­zung der wei­ßen Sorte Mon­de­use Blan­che und der roten Sorte Dureza. Die Mon­de­use Blan­che stammt aus den Savoyen und wurde 1999 in Frank­reich gerade noch auf 5 Hektar ange­baut. Sie gilt als säu­re­stark und alte­rungs­fä­hig, jedoch nicht unbe­dingt dazu geeig­net, rein­sor­tig aus­ge­baut zu wer­den. Noch sel­te­ner gewor­den ist die Dureza, die 1988 noch auf einem Hektar ange­baut wurde und sehr spät rei­fende, rus­ti­kale Weine ergibt. In Bezug auf den Ver­gleich von Syrah und Shiraz konnte zwei­fels­frei fest­ge­stellt wer­den, dass der Syrah und der aus­tra­li­sche, bzw. süd­afri­ka­ni­sche Shiraz gene­tisch iden­tisch sind. Gibt es also über­haupt einen Unter­schied zwi­schen die­sen bei­den Typen jener Sorte, die zu den gro­ßen und edlen Sor­ten der Welt gezählt wird?”

    • Inter­es­sant. Das wusste ich auchz nicht. Vie­len Dank für die Info.

      • Gern gesche­hen, lie­ber Jens Priewe und Sté­phane Thu­riot. Irr­tü­mer sind immer mög­lich. Es ist zwar außer­ge­wöhn­lich, dass vor allem der Syrah in Grie­chen­land beson­ders gut wird, aber seine Her­kunft ist gene­tisch nach­ge­wie­sen. Die Idee, der Wein hat seine “Welt­kar­riere” von Per­sien vor allem über Grie­chen­land (Kreta) ange­tre­ten, hält sich lei­der immer noch in vie­len Köp­fen. Vor allem bei grie­chi­schen Wein­händ­lern und man­chen Win­zern. Lei­der (und das sage ich ganz bewusst) ist diese Idee schon seit vie­len Jah­ren sozu­sa­gen hoch offi­zi­ell wider­legt. Inter­es­san­ter wird es aber, wenn man nach Ita­lien guckt. Hier schlum­mern tat­säch­lich einige ursprüng­lich grie­chi­sche Sor­ten aus der Zeit des anti­ken Magna Gra­ecia … z. B. Aglia­nico, der jetzt als “Hel­la­nico” aus dem Hause Kitrvs sein ech­tes grie­chi­sches Come­back fei­ert und außer­ge­wöhn­lich gut in der Erde um den Olymp gedeiht und einen aus­ge­zeich­ne­ten Wein ergibt (ent­spricht eher den Tau­rasi und hängt vor allem an der nicht vul­ka­ni­schen Erde in die­sem Gebiet)

        Andere Sor­ten wie Ver­dic­chio oder Greco etc. sind ja bereits bekannt. Gern kön­nen wir mal plau­dern, Herr Priewe, wenn SIe mögen. — http://www.wineandnature.com

  3. Als Wein­lieb­ha­ber, jetzt in Grie­chen­land lebend, kann ich die­sen Arti­kel nur bestä­ti­gen! Nur glaube ich dass ver­schie­den Weine ein­fach zu teuer für den Export sind, Wenn die schon hier in Grie­chen­land manch­mal 20-30€ kos­ten, was kos­ten die denn auf dem euro­päi­schen Markt? Darum geniesse ich sie hier!

    • So teuer sind die gar nicht. Man bekommt schon sher sher gute / aus­ge­zeich­nete grie­chi­sche Weine (wenn man weiß wel­che) für 7 Euro auf­wärts … auch in Grie­chen­land. Auch wenn es durch die Wein­steuer jetzt bestimmt etwas teu­rer wird (leider).

  4. Ich kann die Ant­wor­ten von Sté­phane Thu­riot nur unter­strei­chen – er spricht mir aus dem Her­zen.
    Grie­chi­scher Qua­li­täts­wein – es ist seid lan­gem mein Bestre­ben ihm auf dem deut­schen Markt zu mehr Prä­senz zu ver­hel­fen. Des­halb haben wir 2011 den grie­chi­schen Wein­preis ins Leben gerufen.

    Es ist ein sehr müh­sa­mer und lang­wie­ri­ger Weg und schwie­rig die Win­zer zu über­zeu­gen mehr für ihr Mar­ke­ting zu unter­neh­men. Nach dem Motto “gemein­sam sind wir stark” hoffe ich auf eine gute Zusam­men­ar­beit um dem grie­chi­schen Wein mehr Stel­len­wert auf dem deut­schen Markt zu verschaffen.

    Grie­chen­land hat es ver­dient zur geschätz­ten Wein­re­gion zu werden.

    Mehr Infos gibt es unter http://www.par-weinpreis-griechenland.de

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