England’s New Glory: schäumender Wein von der Insel

Aug 122015

Wald­brände in Por­tu­gal, Dürre in Kali­for­nien, Hit­ze­re­korde in Deutsch­land – es wird wär­mer auf der Welt. Der Süden Eng­lands ist bereits zum Schaum­wein­an­bau­ge­biet gewor­den. English Sparkling Wine – schon auf Augen­höhe mit guten Cham­pa­gnern? fragt Anne Kre­biehl MW.

English Sparkling Wine

English Sparkling Wine

Eng­li­scher Wein? Jahr­zehn­te­lang galt das als Witz. Tamara Roberts, deren Vater Mike das Wein­gut Ridge­view 1994 in East Sus­sex gegrün­det hatte, erin­nert sich noch daran, wie der Computer-Unternehmer damals von sei­nem Bank­di­rek­tor aus­ge­lacht wurde, als er um einen Kre­dit nach­suchte. Und dann noch für Fizz, wie die Eng­län­der salopp zu Schaum­wein sagen.

Char­don­nay, Pinot Noir und Pinot Meu­nier im reg­ne­ri­schen Eng­land anzu­bauen – das würde doch nie funk­tio­nie­ren, meinte der Ban­ker damals.

Eng­land spe­zia­li­siert sich auf Schaum­weine nach Champagnerart

Heute lachen die Roberts und ihre Kol­le­gen. Denn die eng­li­sche Wein­in­dus­trie hat ihr Nischen­da­sein been­det. Die im Mai 2015 frei­ge­ge­be­nen Zah­len bele­gen: In den letz­ten sie­ben Jah­ren hat sich Eng­lands Reb­flä­che auf mehr als 1800 Hektar ver­dop­pelt. Und sie wächst wei­ter. 2014 wurde so viel geern­tet, dass man davon 6,3 Mil­lio­nen Fla­schen schäu­men­den Weins auf die Fla­sche brin­gen kann. Aller­dings wird es eine Weile dau­ern, bis die Weine nach mehr­jäh­ri­gem Hefel­a­ger auf den Markt kom­men. Aber so viel ist erkenn­bar: Eng­land spe­zia­li­siert sich dar­auf, Schaum­weine nach Cham­pa­gner­art zu pro­du­zie­ren, also nach der tra­di­tio­nel­len Methode der Flaschengärung.

Weinberge von Nyetimber

Wein­berge von Nyetimber

Vor 2000 Jah­ren wurde schon ein­mal Wein in Eng­land ange­baut – durch die Römer. Danach aber traute sich kaum noch jemand. Das Klima auf der Insel war ein­fach bes­ser für Äpfel, Bir­nen, Kir­schen und Hop­fen. Es gab zwar einige Wein­berge, aber die wur­den eher von Gärt­nern als von Voll­er­werbs­win­zern angelegt.

Mit obsku­ren Hybridsor­ten wie Sey­val Blanc oder weni­ger käl­te­emp­find­li­chen Sor­ten wie Made­leine Ange­vine und Rei­chen­stei­ner ver­suchte man, dem Wet­ter ein Schnipp­chen zu schla­gen. Wirk­li­che Wein­qua­li­tät stand nie­mals im Vordergrund.

In den frü­hen 80er Jah­ren kamen dann zwei Ame­ri­ka­ner auf die Idee, in Eng­land die Cham­pa­gner­sor­ten zu pflan­zen: Char­don­nay, Pinot Meu­nier, Pinot Noir – der Kli­ma­wan­del deu­tete sich damals bereits an. Vor allem aber trieb sie die Erkennt­nis, dass es die wei­ßen Krei­de­bö­den, die die Beson­der­heit der Cham­pa­gne aus­ma­chen, im Süden Eng­lands auch gibt. Das soge­nannte Pari­ser Becken zieht sich näm­lich vom Nord­os­ten Frank­reichs bis in den Süd­os­ten Eng­lands, nur vom Ärmel­ka­nal unter­bro­chen. Die Krei­de­fel­sen von Dover sind das sicht­bare Zei­chen dafür, wie ähnlich der Unter­grund ist.

Klima und Kreideboden

Etikett Nyetimber

Eti­kett Nyetimber

Aus der Vision der Ame­ri­ka­ner von damals ist das heute berühm­teste Wein­gut der Insel her­vor­ge­gan­gen: Nye­tim­ber. Des­sen fla­schen­ver­go­rene Schaum­weine sind mit nam­haf­ten Cham­pa­gnern auf Augen­höhe. Das haben sie in vie­len Blind­de­gus­ta­tio­nen bewie­sen. Auch in Deutsch­land sind sie mitt­ler­weile ange­kom­men und haben ihre eigene Liebhabergemeinde.

Ob die Krei­de­bö­den wirk­lich die zen­trale Rolle spie­len, ist unter Exper­ten jedoch umstrit­ten. Wahr­schein­lich war und ist die Kli­ma­ver­än­de­rung wich­ti­ger: der lang­same Übergang vom rauen atlan­ti­schen zum gemä­ßigt war­men mit­tel­eu­ro­päi­schen Klima mit teil­weise medi­ter­ra­nen Zügen. Aller­dings ist es im Süden Eng­lands nicht homo­gen warm. Die Win­zer kon­zen­trie­ren sich des­halb auf beson­ders begüns­tigte Lagen in den Graf­schaf­ten Kent, Sus­sex, Hamp­shire und Wiltshire. Und dort lie­gen sie weit ver­streut, die neuen Wein­berge, in denen die Trau­ben für die eng­li­schen bub­bles wach­sen. Jeden­falls ist, was als ver­rückte Idee begann, inzwi­schen zu einer rich­ti­gen Indus­trie gewor­den. Bei Nye­tim­ber und Ridge­view, dem zwei­ten nam­haf­ten Schaumwein-Erzeuger, arbei­ten Men­schen, für die Schaum­wein kein Hobby, son­dern ein betriebs­wirt­schaft­lich durch­dach­tes Pro­jekt ist.


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