Erster Deutungsversuch Bordeaux 2015: Groß – oder nur gut?

Okt 082015

Die Trau­ben sind im Kel­ler. Der Wein gärt. Die Deu­tungs­ver­su­che über den Jahr­gangs 2015 begin­nen. Jens Priewe beschreibt die Fak­ten, der eng­li­sche Jour­na­list And­rew Black inter­viewte Pierre Lur­ton (Che­val Blanc) und Pau­line Vaut­hier (Ausone).

Bordeaux 2015 - groß oder nur gut?

Bor­deaux 2015 - groß oder nur gut?

Viel­leicht wird 2015 wirk­lich jener große Jahr­gang, den sich Bor­deaux so sehn­lich wünscht. Ver­gleich­bar mit 2010. Oder 2009. Oder 2005. Viel­leicht aber auch nicht. Denn der Jahr­gang 2015 hat den Châ­teaux Kopf­schmer­zen berei­tet – und tut es noch immer. Das erste Pro­blem war, dass die Trau­ben schon sehr früh hohe Zucker­werte auf­wie­sen. Dar­aus folgte das zweite Pro­blem: der Ver­su­chung zu wider­ste­hen früh zu lesen. Denn nicht die Zucker­werte, son­dern die phe­no­li­sche Reife müs­sen den Lese­zeit­punkt deter­mi­nie­ren. Nicht alle Châ­teaux haben sich das klar gemacht.

Ein Riss geht durch die Winzerschaft

Aber was genau heißt früh? Einige Châ­teau am lin­ken Ufer hiel­ten es für rich­tig, ihre Lese­mann­schaft bereits am 3. Sep­tem­ber raus­zu­schi­cken – so früh wie noch nie. Andere began­nen erst am 12. Sep­tem­ber mit der Lese, wie­der andere noch spä­ter. Bis heute geht ein auf­fäl­li­ger Riss durch die Win­zer­schaft von St. Emi­lion und Pome­rol bei der Frage, wann der rich­tige Lese­zeit­punkt in 2015 war.

Chateau Ausone

Cha­teau Ausone

Die unter­schied­li­chen Ansich­ten haben mit einem Phä­no­men zu tun, das es in Bor­deaux schon lange nicht mehr gege­ben hat. Die Schale der Bee­ren war näm­lich auch dann noch sehr dick, als die Trau­ben schon reif waren: das dritte Pro­blem. Nor­ma­ler­weise wird die Schale immer dün­ner, je rei­fer die Trau­ben wer­den. Dies­mal offen­sicht­lich nicht. Der tro­ckene, lang­an­hal­tend heiße Som­mer hatte wohl dazu geführt, dass die Bee­ren sich durch dicke Scha­len gegen die Sonne schüt­zen wollten.

Gefahr der Über-Extraktion

Das vierte Pro­blem war eine logi­sche Kon­se­quenz des drit­ten: die Gefahr der Über­ex­trak­tion bei der Gärung. Auch wenn die Scha­len dick sind, kann die Extrak­tion der Farbe und des Tannins durch­aus leicht von­stat­ten gehen, vor allem, wenn der Alko­hol hoch ist. So war es in 2015. Eine lange Mai­sche­gä­rung mit hohen Tem­pe­ra­tu­ren und häu­fi­ger Remon­tage wäre falsch gewesen.

Das letzte Pro­blem: Nie­mand weiß bis heute genau, wie gut der Jahr­gang letzt­lich ist. Alle Äuße­run­gen, die jetzt gemacht wer­den, sind reine Spe­ku­la­tion. Die Weine gären noch, lie­gen teil­weise sogar noch auf der Mai­sche. Die wich­tige malolak­ti­sche Gärung, nach der sich erst zeigt, wel­che Qua­li­tä­ten der Jahr­gang wirk­lich hat, ist noch in wei­ter Ferne.

Aus­schlag­ge­bend waren die guten Terroirs

Weinberge bei St. Emilion

Wein­berge bei St. Emilion

Eines ist aller­dings sicher: Ein guter Jahr­gang wird der 2015er alle­mal. Am lin­ken Ufer, also im Médoc und im Gra­ves, berich­ten die Châ­teaux von teil­weise exzel­len­ten Qua­li­tä­ten des Caber­net Sau­vi­gnon, jeden­falls in den bes­ten Ter­ro­irs. An eini­gen Stel­len hatte es im August noch ein­mal kräf­tig gereg­net. Bis zu 100 Mil­li­me­ter Nie­der­schlag wur­den in weni­gen Tagen regis­triert. Wo die Böden was­ser­durch­läs­sig sind wie auf den fluss­na­hen Kies­bän­ken des Médoc, hat­ten die Reben deut­lich bes­sere Vor­aus­set­zun­gen als auf lehmig-sandigen Böden. Aller­dings wurde die Caber­net Sau­vi­gnon im Médoc und im Gra­ves auch wesent­lich spä­ter gele­sen als in St. Emilion.

Viel Alko­hol, wenig Säure

Neuer Gärkeller Chateau Cheval Blanc

Neuer Gär­kel­ler Cha­teau Che­val Blanc

Am rech­ten Ufer, also in Pome­rol und St. Emi­lion, war es dies­mal der Caber­net franc, der zuerst ein­ge­bracht wurde, wäh­rend die Mer­lot häu­fig län­ger hing. Wel­che Sorte dem Jahr­gang letzt­lich sei­nen Stem­pel auf­drü­cken wird, ist noch unge­wiss. Sicher ist, dass die Alko­hol­ge­halte der Weine hoch sind. Vor allem in Pome­rol wird die 14 Vol.%-Schwelle regel­mä­ßig überschritten.

Wie unter­schied­lich der Jahr­gang inter­pre­tiert wird, zei­gen zwei Inter­views, die der eng­li­sche Joun­r­list And­rew Black mit Pau­line Vaut­hier von Châ­teau Ausone und Pierre Lur­ton von Châ­teau Che­val Blanc geführt hat. Beide Pre­miers haben offen­sicht­lich sehr gute Weine im Kel­ler – doch von ganz unter­schied­li­cher Sti­lis­tik. Ausone hat eher spät, Che­val Blanc eher früh gelesen.

Inter­view Pierre Lur­ton (Che­val Blanc)
Inter­view Pau­line Vaut­hier (Ausone)



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