Das neue Gespür der Chinesen für feinen Wein

Mai 122015

Hong­kong ist das Wein­zen­trum Asi­ens. Und was ent­deckt Jens Priewe da? Eine Stra­ßen­bahn, die Reklame für Pétrus und Romanée-Conti fährt. Die Begeis­te­rung für fei­nen Wein ist bei Chi­ne­sen sichtbar.

Skyline von Hongkong

Sky­line von Hongkong

Wo die Sky­line von Hong­kong Island am atem­be­rau­bends­ten ist, da rum­peln alte, dop­pel­stö­ckige Stra­ßen­bah­nen (in Süd­deutsch­land Trams genannt) durch die Hoch­haus­schluch­ten. Sie brin­gen Hun­dert­tau­sende von Men­schen täg­lich zur Arbeit, zum Ein­kau­fen, zurück zu ihren Wohn­si­los. Außen an den Trams prangt groß­flä­chig Wer­bung. Auf einer die­ser Stra­ßen­bah­nen ist eine Fla­sche Pétrus und das Eti­kett eines Romanée-Conti zu sehen. Ich stutze: Ken­nen die Hongkong-Chinesen etwa diese Wein-Ikonen? Haben deren Erzeu­ger es plötz­lich nötig, Reklame für sich zu machen?  Natür­lich nicht. Die chi­ne­si­sche Nie­der­las­sung des Auk­ti­ons­hau­ses Sotheby’s weist nur dar­auf hin, dass bald Wein­auk­tion in Hong­kong ist.

In Lon­don fährt kein Doppeldecker-Bus Wein-Reklame

Tram mit Wein-Reklame in Hongkong

Tram mit Wein-Reklame in Hongkong

Sotheby’s hat sei­nen Haupt­sitz in Lon­don. Die roten Doppeldecker-Busse der eng­li­schen Haupt­stadt könn­ten eben­falls Pétrus- und Romanée-Conti-Werbung fah­ren. Tun sie aber nicht, obwohl es in Lon­don viel häu­fi­ger Wein­auk­tio­nen gibt als in Hong­kong. In Paris fin­det man auch keine rol­lende Reklame für Wein, noch weni­ger im rei­chen Ham­burg oder im mon­dä­nen Zürich. Da prangt an den Stra­ßen­bah­nen Reklame für Joghurt und Rheumamittel.

Viel­leicht liegt es daran, dass Wein in China anders wahr­ge­nom­men wird als in Europa. Wein ist – ähnlich wie teure Chro­no­me­ter, Desi­gner­mode, moderne Kunst – etwas höchst Wert­hal­ti­ges, aber nicht (oder nicht nur) im mate­ri­el­len Sinne. Die rasant wach­sende urbane Mit­tel­schicht Chi­nas hat den Wein für sich ent­deckt. Anfangs war er Sta­tus­sym­bol, inzwi­schen ist er Genuss­mit­tel. Und er wird mit einem Respekt und einer Begeis­te­rung genos­sen, wie sie in Europa höchs­tens in klei­nen Wein­zir­keln beob­ach­tet wer­den kann. Das heißt: Chi­ne­sen spe­ku­lie­ren nicht vor­ran­gig mit Wein, sie trin­ken ihn. Nicht unbe­dingt Romanée-Conti und Pétrus, zuge­ge­ben. Dazu sind die bei­den Super­weine zu rar und zu teuer. Aber Pétrus und Romanée-Conti sind für Chi­ne­sen Sym­bole der Fas­zi­na­tion, die von fei­nem Wein all­ge­mein ausgeht.

Weinschrott für 2,99 Euro fin­det man in Hong­kong nicht

Supermarkt für feine Weine

Super­markt für feine Weine

Der Pro-Kopf-Konsum ist in China zwar noch nied­rig. Er liegt sta­tis­tisch bei etwa einem Liter pro Jahr. Doch in den gro­ßen Metro­pol­re­gio­nen hat er längst mit­tel­eu­ro­päi­sches Niveau erreicht – beson­ders in Hong­kong. Genau bezif­fer­bar ist er nicht. Aber wer durch die Gas­sen und Gäss­chen des Aus­geh­vier­tels Sheun Wan läuft, fin­det über­all kleine Restau­rants und schi­cke Wein­bars, in denen ein bun­tes Völk­chen mit einem Glas Wein in der Hand abhängt und sich vergnügt.

Auf den Shop­ping Malls um Cau­se­way Bay und in Kow­loon auf der Fest­land­seite der Stadt fin­den sich an jeder zwei­ten Ecke Super­märkte mit hoch­respek­ta­bler Wein­ab­tei­lung für den häus­li­chen Kon­sum. 100 Hongkong-Dollar legt beden­ken­los an, wer sei­nen Spaß haben will – umge­rech­net 11,50 Euro pro Fla­sche. Weinschrott für 2,99 Euro sucht man dort jeden­falls vergebens.


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