Tram mit Wein-Reklame

Das neue Gespür der Chinesen für feinen Wein

Hong­kong ist das Wein­zen­trum Asiens. Und was entdeckt Jens Priewe da? Eine Stra­ßen­bahn, die Reklame für Pétrus und Romanée-Conti fährt. Die Begeis­te­rung für feinen Wein ist bei Chinesen sichtbar.

Hong­kong ist das Wein­zen­trum Asiens. Und was entdeckt Jens Priewe da? Eine Stra­ßen­bahn, die Reklame für Pétrus und Romanée-Conti fährt. Die Begeis­te­rung für feinen Wein ist bei Chinesen sichtbar.

Skyline von Hongkong
Skyline von Hong­kong

Wo die Skyline von Hong­kong Island am atem­be­rau­bendsten ist, da rumpeln alte, doppel­stö­ckige Stra­ßen­bahnen (in Süddeutsch­land Trams genannt) durch die Hoch­haus­schluchten. Sie bringen Hundert­tau­sende von Menschen täglich zur Arbeit, zum Einkaufen, zurück zu ihren Wohn­silos. Außen an den Trams prangt groß­flä­chig Werbung. Auf einer dieser Stra­ßen­bahnen ist eine Flasche Pétrus und das Etikett eines Romanée-Conti zu sehen. Ich stutze: Kennen die Hongkong-Chinesen etwa diese Wein-Ikonen? Haben deren Erzeuger es plötz­lich nötig, Reklame für sich zu machen?  Natür­lich nicht. Die chine­si­sche Nieder­las­sung des Aukti­ons­hauses Sotheby’s weist nur darauf hin, dass bald Wein­auk­tion in Hong­kong ist.

In London fährt kein Doppeldecker-Bus Wein-Reklame

Tram mit Wein-Reklame in Hongkong
Tram mit Wein-Reklame in Hong­kong

Sotheby’s hat seinen Haupt­sitz in London. Die roten Doppeldecker-Busse der engli­schen Haupt­stadt könnten eben­falls Pétrus- und Romanée-Conti-Werbung fahren. Tun sie aber nicht, obwohl es in London viel häufiger Wein­auk­tionen gibt als in Hong­kong. In Paris findet man auch keine rollende Reklame für Wein, noch weniger im reichen Hamburg oder im mondänen Zürich. Da prangt an den Stra­ßen­bahnen Reklame für Joghurt und Rheu­ma­mittel.

Viel­leicht liegt es daran, dass Wein in China anders wahr­ge­nommen wird als in Europa. Wein ist – ähnlich wie teure Chro­no­meter, Desi­gner­mode, moderne Kunst – etwas höchst Wert­hal­tiges, aber nicht (oder nicht nur) im mate­ri­ellen Sinne. Die rasant wach­sende urbane Mittel­schicht Chinas hat den Wein für sich entdeckt. Anfangs war er Status­symbol, inzwi­schen ist er Genuss­mittel. Und er wird mit einem Respekt und einer Begeis­te­rung genossen, wie sie in Europa höchs­tens in kleinen Wein­zir­keln beob­achtet werden kann. Das heißt: Chinesen speku­lieren nicht vorrangig mit Wein, sie trinken ihn. Nicht unbe­dingt Romanée-Conti und Pétrus, zuge­geben. Dazu sind die beiden Super­weine zu rar und zu teuer. Aber Pétrus und Romanée-Conti sind für Chinesen Symbole der Faszi­na­tion, die von feinem Wein allge­mein ausgeht.

Weinschrott für 2,99 Euro findet man in Hongkong nicht

Supermarkt für feine Weine
Super­markt für feine Weine

Der Pro-Kopf-Konsum ist in China zwar noch niedrig. Er liegt statis­tisch bei etwa einem Liter pro Jahr. Doch in den großen Metro­pol­re­gionen hat er längst mittel­eu­ro­päi­sches Niveau erreicht – beson­ders in Hong­kong. Genau bezif­ferbar ist er nicht. Aber wer durch die Gassen und Gäss­chen des Ausgeh­vier­tels Sheun Wan läuft, findet überall kleine Restau­rants und schicke Wein­bars, in denen ein buntes Völk­chen mit einem Glas Wein in der Hand abhängt und sich vergnügt.

Auf den Shop­ping Malls um Causeway Bay und in Kowloon auf der Fest­land­seite der Stadt finden sich an jeder zweiten Ecke Super­märkte mit hoch­re­spek­ta­bler Wein­ab­tei­lung für den häus­li­chen Konsum. 100 Hongkong-Dollar legt beden­kenlos an, wer seinen Spaß haben will – umge­rechnet 11,50 Euro pro Flasche. Wein­schrott für 2,99 Euro sucht man dort jeden­falls verge­bens.


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