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„Arschjahrgang“ 2014? Nicht in der Steiermark!

Nach über­ein­stim­mender Winzer­mei­nung war 2014 „der schwie­rigste Jahr­gang seit 30 Jahren“ in der Stei­er­mark. Dafür sind die Weine über­ra­schend gut, sogar sehr gut, fand Jens Priewe. Er hat elf renom­mierte Winzer der Südstei­er­mark besucht.

Nach über­ein­stim­mender Winzer­mei­nung war 2014 „der schwie­rigste Jahr­gang seit 30 Jahren“ in der Stei­er­mark. Dafür sind die Weine über­ra­schend gut, sogar sehr gut, fand Jens Priewe. Er hat elf renom­mierte Winzer der Südstei­er­mark besucht.

Die Steiermark
Die Stei­er­mark

Juni Regen. Juli feucht und kühl. August trüb und sonnenarm, lokal sogar Hagel. September Rekord­nie­der­schläge. Erste Notlesen. Mitte September immer noch Regen. Die Wein­berge versinken im Wasser, die Trauben schim­meln am Stock. Verzwei­fe­lung pur bei den Winzern. Auch Panik. Viele gehen in den kurzen Regen­pausen raus und versu­chen zu retten, was zu retten ist. Die Hoff­nung, noch  einen respek­ta­blen 2014er zu bekommen, schwindet von Tag zu Tag. „Arsch­jahr­gang“ fluchen auch wohl erzo­gene Steirer.

Am 19. September reißt der Himmel auf. Die Sonne kommt hervor. Die Trauben trocknen ab. Die Wende? Der nächste Tag ist wieder mild, der über­nächste schon richtig warm. Der Goldene Herbst ist da. Hurra! Oder besser: Wahn­sinn.

Vor drei Wochen, also ein knappes Drei­vier­tel­jahr später, habe ich elf Winzer in der Südstei­er­mark besucht. Die Sauvi­gnon Blancs, die Moril­lons, die Gelben Muska­teller und die anderen Weine, die sie mir hinstellten, besaßen eine Frucht­tiefe, wie ich sie in den soge­nannten guten Jahren selten erlebt habe. Glas­klare Aromen, unver­fälschte Geschmacks­noten, Super-Säure. „Das haben wir nicht mehr erwartet“, gibt Walter Polz vom gleich­na­migen Weingut in Spiel­feld unum­wunden zu. Hoch­zu­frieden ist er mit dem, was in der Flasche ist. Mit der Menge weniger. Die ist um ein Fünftel unter Normal geschrumpft.

Auch der Kollege Willi Sattler ist überaus zufrieden mit der Qualität. Doch er hatte zu keinem Zeit­punkt die Hoff­nung aufge­geben, noch einen ordent­lich Wein zu ernten. Er weiß, dass sich der Goldene Herbst zwar aufhalten, aber nicht wegschwemmen lässt. „Oa bisserl wos geht immer“, steiert er. „Du brauchst halt Geduld, dös is alles.“

Ähnli­ches berichten die Tement, Gross, Lackner-Tinnacher, Sabathi und die anderen Spit­zen­winzer der Südstei­er­mark. Statt in Panik zu geraten, haben sie während der Regen­pe­riode die faulen Trauben heraus­ge­schnitten und die (noch) gesunden hängen gelassen. Natür­lich mit dem Risiko, dass auch diese von der nassen, glit­schigen Botrytis befallen werden, die alles kaputt macht. Doch unreife Trauben zu lesen, wäre genauso sinnlos. Sie vertrauten der Erfah­rung – und sie bekamen Recht.

Jene Trauben, die noch hingen und gesund waren, als der Regen aufhörte, reiften in der Herbst­sonne langsam aus und konnten im Oktober gesund einge­bracht werden. Sicher, sie besaßen nicht die hohen Zucker­gra­da­tionen der 2013er, schon gar nicht die der 2011er. Aber sie konnten einen großen Teil ihres Reife­rück­stands wett­ma­chen. Das Resultat: deut­lich weniger, aber guter, ja hervor­ra­gender Wein. Und Alko­hol­werte, die um mindes­tens ein halbes Prozent nied­riger liegen als normal, was die Konsu­menten zu schätzen wissen.

Noch erfolg­rei­cher waren einige Bio-Winzer. Durch jahre­langen Dünge­ver­zicht sind ihre Reben regel­recht „gestählt“ gegen die Unbilden der Natur. Ewald Tscheppe vom Werlitschhof, ein Demeter-zertzifizierter Betrieb, hat nur relativ wenig faule Trauben gehabt: „Durch die Stär­kungs­maß­nahmen, die wir regel­mäßig unter­nehmen, ist die Schale unserer Beeren dicker und somit weniger anfällig für die Nass­fäule. Am Ende haben wir zwar etwas weniger als sonst einge­bracht, aber es waren kern­ge­sunde Trauben.“

Zusam­men­ge­fasst: Ich habe relativ leichte Weine, aber extrem frische 2014er mit glocken­reiner Frucht vorge­funden, die zwar nicht für die Ewig­keit gemacht sind, sich aber in den ersten Jahren umso besser trinken lassen dürften. Sie zu „Gastro­no­mie­weinen“ herab­zu­stufen, wie es die Wiener Kronen­zei­tung gemacht hat, wäre bösartig. Es degra­diert Restau­rants, Wein­stuben, Beisln zu Rester­ampen, über die zweit­ran­gige Quali­täten abge­setzt werden. Blöd­sinn.

Außerdem sind die 2014er nicht zweit­rangig. Zwar werden viele Spitzen-Winzer auf ihre Lagen­weine verzichten (oder deren Menge redu­zieren). Aber das heißt: die Stei­ri­sche Klassik wird vieler­orts durch Wein aus den Ersten und Großen Lagen aufge­peppt. Ich wage die Aussage, dass die Weine der Stei­ri­schen Klassik (also der meist im Edel­stahl ausge­bauten Basis-Rebsortenweine) in 2014 oftmals span­nender sind als in den drei Vorgänger-Jahrgängen. Zumin­dest gilt das für Welsch­ries­ling, Weiß- und Grau­bur­gunder sowie für Sauvi­gnon Blanc, das Schlacht­ross der Südstei­er­mark. Dem Morillon (Char­donnay) hätte dagegen ein biss­chen mehr Wärme gut getan. Und der Gelbe Muska­teller besitzt in 2014 ein paar grüne Noten mehr als sonst. So what!


Folgende elf Wein­güter habe ich im Juni 2015 besucht und den neuen Jahr­gang probiert:

Der Purist: Weingut Sattler, Gamlitz
Die Spaß­ma­cher: E. & W. Polz, Spiel­feld
Burschen-Schank: Weingut Schauer, Kitzeck
Echt Gross: Weingut Gross, Ratsch
Oben ange­kommen: Hannes Sabathi, Krana­ch­berg
Neue stei­ri­sche Schule: Erwin Sabathi, Pöss­nitz­berg
Ganz auf Schil­cher einge­stellt: Chris­tian Reiterer, Wies
Geheim­tipp Slowe­nien: Weingut Tement, Berg­hausen
Der „Heran­taster“ aus Kitzeck: Weingut Lorenz-Pronegg, Kitzeck
Der Gedul­dige: Werlitschhof, Glanz
Die Aufstei­gerin: Lackner-Tinnacher, Stein­bach


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