Chianti Classico im „Gran Selezione“-Rausch

Die Gran Sele­zione ist da, die neu geschaf­fene höchste Quali­täts­ka­te­gorie des Chianti Clas­sico. Jens Priewe hat 30 Weine probiert und fragt sich: Braucht der Markt diese Weine wirk­lich?

Die Gran Sele­zione ist da, die neu geschaf­fene höchste Quali­täts­ka­te­gorie des Chianti Clas­sico. Jens Priewe hat 30 Weine probiert und fragt sich: Braucht der Markt diese Weine wirk­lich?

Die Gran Selezione ist da
Die Gran Sele­zione ist da

Die Chianti Classico-Erzeuger haben ein drei­stu­figes Klas­si­fi­ka­ti­ons­mo­dell einge­führt. Über dem Jahr­gangs­wein (Annata) und der Riserva steht jetzt als Krönung die Gran Sele­zione. „Ein histo­ri­scher Tag“, freute sich Sergio Zinga­relli, der Präsi­dent des Consorzio Gallo Nero bei der offi­zi­ellen Verkün­dung der Neue­rung im Februar in Florenz.

„Neue Benchmark in der Weinszene“

Sergio Zingarelli
Sergio Zinga­relli

Drei Jahre lang hatten die Verant­wort­li­chen an einem Konzept gear­beitet. Ihr Ziel: Die vorhan­denen Quali­täten genauer zu diffe­ren­zieren, vor allem die immer noch zahl­rei­chen Super­tu­s­cans heim ins Chianti Classico-Gehege zurück­zu­holen, zumin­dest jene Super­tu­s­cans, die auf der toska­ni­schen Leit­sorte Sangiovese basieren. Ein durchaus löbli­ches Unter­fangen. Gran Sele­zione – das soll der Leucht­turm sein (oder werden), der das berühmte Anbau­ge­biet zwischen Florenz und Siena in ein neues, strah­lendes Licht taucht. „Die Gran Sele­zione wird aus den Trauben der besten Wein­berge eines Wein­guts gewonnen, nach strengen Regeln und noch stren­geren Kontrollen.“ Und: „Die Gran Sele­zione stellt eine neue Bench­mark in der Weinszene der Welt dar.“

Große Worte. Fakt ist, dass die Klas­si­fi­ka­tion so, wie sie jetzt ist, nichts mit dem zu tun hat, was im Burgund, in Bordeaux, in Deutsch­land („Erste Lage“) und in der Stei­er­mark („Große Lage“) Klas­si­fi­ka­tion heißt. Es sind weder Wein­berge noch Betriebe klas­si­fi­ziert. Jedes Weingut hat das Recht, aus den Trauben seines besten Wein­bergs eine Gran Sele­zione zu erzeugen. Die Einschät­zung, ob ein Wein­berg gut genug für eine Gran Sele­zione ist, trifft der Produ­zent selbst. Sicher, der Wein wird später analy­tisch und senso­risch kontrol­liert. Aber das ist bei Riserva und Annata auch jetzt schon so. Eine Selbst­klas­si­fi­ka­tion also.

Neue Klassifikation ein Papiertiger

Weinland Toskana
Wein­land Toskana

Hinzu kommt, dass im State­ment des Präsi­denten absichts­voll von „Trauben der besten Wein­berge“ die Rede ist. Der Plural zeigt an, dass eine Gran Sele­zione von mehreren Wein­bergen kommen kann. Eine derar­tige Gran Sele­zione mag ein guter Wein sein, ist aber kein Terroir-Wein – also das, was die Vertreter dieser Top-Kategorie eigent­lich sein sollten und sein wollen. Wenn man dann noch sieht, dass ein Produ­zent wie Ruffino 500.000 Flaschen Gran Sele­zione in einem Jahr­gang produ­ziert (seine gesamte Riserva Ducale Oro gehört jetzt in diese Kate­gorie), wird endgültig klar, dass die neue Klas­si­fi­ka­tion ein Papier­tiger ist.

Auch unter­scheiden sich die im Regle­ment verbrieften Quali­täts­kri­te­rien für die Gran Sele­zione nur marginal von den Krite­rien, die für eine Chianti Clas­sico Riserva gelten. Die Minimum-Extraktwerte wurden von 25 auf 26 Gramm/Liter ange­hoben, der Verbleib im Keller von 24 auf 30 Monate erhöht. Keine Revo­lu­tion. Die Option, 20 Prozent andere Sorten als Sangiovese zu verwenden, gilt für beide Weine. Bei der Decke­lung der Trau­ben­er­träge unter­schieden sich Riserva und Gran Sele­zione eben­falls nicht. Mit 7.500 Kilo­gramm pro Hektar liegen diese übri­gens viel zu hoch. Ein Grand Cru im Burgund liegt bei umge­rechnet rund 4.500 Kilo­gramm.

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