Streitfrage: Überfordern Große Gewächse den deutschen Gaumen?

Mrz 152013

Im Inter­net und auf Face­book ist eine Dis­kus­sion ent­brannt: Wis­sen die Deut­schen ihre eige­nen Weine nicht zu schät­zen? Cap­tain Cork meint: ja. Dirk Würtz stimmt ihm zu. Er bezeich­net Große Gewächse sogar als Zin­no­ber, den wir viel­leicht gar nicht brau­chen. Jens Priewe mischt sich hier in die Debatte ein. Er fin­det, dass die Geschmacks­fä­hig­kei­ten der Deut­schen limi­tiert sind – aber nicht nur bei deut­schen Weinen.

Überfordern Große Gewächse den deutschen Gaumen? | Foto: © DWI

Limi­tierte Geschmacks­fä­hig­keit? | © DWI

Man­fred Kli­mek alias Cap­tain Cork wun­dert sich. Er hat bei einem Wein­ver­sen­der einen Wein gefun­den, der nach sei­ner Mei­nung längst aus­ver­kauft sein sollte: Schloß­bö­ckel­hei­mer Kup­fer­grube Ries­ling Gro­ßes Gewächs aus dem Wein­gut Schäfer-Fröhlich, Jahr­gang 2008. Er fin­det es bedenk­lich, dass einer der bes­ten deut­schen Weine auch nach fünf Jah­ren immer noch im Han­del ist. „Wo sind die Samm­ler und Trin­ker?“ fragt er. Und: „Was lässt Deut­sche so gering nach deut­schen Wei­nen greifen?“

Stimmt etwas in Deutsch­land nicht? Der Blog­ger Dirk Würtz glaubt zum Bei­spiel, dass das gesamte Kon­strukt Gro­ßes Gewächs auf den Prüf­stand gehört. Auch die Facebook-Community „Haupt­sa­che Wein“ treibt das Thema um, wobei der Tenor der zahl­rei­chen Pos­tings ist, dass der für „Nor­ma­los“ hohe Preis der Gro­ßen Gewächse die Ursa­che für das schwie­rige Geschäft mit deut­schem Spit­zen­wein ist.

Sind die Deut­schen nicht stolz auf ihre Winzer?

Sind die Gro­ßen Gewächse also über­flüs­sig? Über­for­dern sie Geschmack und Geld­beu­tel der Deut­schen? Oder fehlt es den Deut­schen ein­fach an Stolz, Stolz auf ihre genia­len Weine und Win­zer? Mit die­ser Erklä­rung hatte Cap­tain Cork am letz­ten Sonn­tag das Fass auf­ge­macht: „Deutsch­land und der deut­sche Wein­trin­ker sind nicht stolz auf ihre Win­zer“ – im Gegen­satz etwa zu den Öster­rei­chern. Cap­tain Cork ist Österreicher.

Ich finde alle diese Fra­gen span­nend. Sie trei­ben auch mich schon lange um, wobei  mein Fokus nicht nur auf den Gro­ßen Gewäch­sen liegt. Mir fällt seit Jah­ren auf, dass die Top­weine in ande­ren Län­dern wesent­lich höher geschätzt wer­den als im kauf­kraft­star­ken Deutsch­land. Die Bereit­schaft, für sie ein paar Euro mehr aus­zu­ge­ben, ist bei uns merk­wür­dig schwach aus­ge­prägt. Andere Natio­nen las­sen sich Genuss mehr kosten.

Große Gewächse auf den Wein­gü­tern ausverkauft

Großes Gewächs| Foto: © Bernward Bertram, VDP

Gro­ßes Gewächs | Foto: © B. Ber­tram, VDP

Die Gro­ßen Gewächse sind für die­sen Trend eher ein schlech­tes Bei­spiel. Sie sind bei den Wein­gü­tern längst aus­ver­kauft, auch die jün­ge­ren Jahr­gänge. Und die Käu­fer sind zum weit über­wie­gen­den Teil Deut­sche. Wenn der eine oder andere Wein noch in der Liste eines Händ­lers auf­taucht, kann ich darin kein Pro­blem erken­nen. Bes­ser gesagt: kein Indiz für man­geln­den Stolz, gar Igno­ranz. Bei Prei­sen um 30 Euro pro Fla­sche ist die Luft nun ein­mal dünn.

Was spe­zi­ell den 2008er angeht: Die­ser Jahr­gang wurde sei­ner­zeit von den Jour­na­lis­ten ziem­lich lust­los kom­men­tiert. Das hat sich in den Köp­fen vie­ler Wein­trin­ker fest­ge­setzt. Nur ganz wenige Kri­ti­ker haben erkannt, dass der 2008er ver­mut­lich der beste Riesling-Jahrgang im neuen Jahr­tau­send ist.

Im Übri­gen sind von den teu­ren aus­län­di­schen Spit­zen­wei­nen noch sehr viel mehr Fla­schen älte­rer Jahr­gänge im Han­del als von deut­schen Wei­nen: Cham­ber­tin, Sas­si­caia, Pin­gus, Mar­gaux, Sin­ger­rie­del. Dar­über regt sich nie­mand auf. Mit Recht nicht. Aller­dings sind die Men­gen, in denen diese Weine auf den deut­schen Markt kom­men, meis­tens grö­ßer als die der Gro­ßen Gewächse, die Preise noch höher. Logisch, dass die Läger noch nicht sofort geräumt sind.


  8 Antworten zu “Streitfrage: Überfordern Große Gewächse den deutschen Gaumen?”

  1. Wir haben eine sehr, sehr große Anzahl von genia­len Win­zern und fan­tas­ti­schen Wei­nen und dar­auf soll­ten wir auch sehr Stolz sein. Genau das ist auch ein Grund, warum in Ham­burg die “REBEN Wein­bar und mehr” ent­ste­hen wird und auch nur deut­sche Weine ihr zuhause fin­den wer­den. Aller­dings ist auch bei man­chen Win­zern die Bereit­schaft nicht sehr hoch, mein Pro­jekt zu unter­stüt­zen, was sich dann doch wider­spricht.
    Tina Koch

  2. Aus mei­ner Sicht eine sehr rich­tige ein­schät­zung, was die DNA angeht. aller­dings ist das Pro­blem nicht wein­spe­zi­fisch: Ganz ähnli­che Dis­kus­sio­nen gibts bei Slow Food, Food Watch etc., Stich­wort Bio oder Massentierhaltung.

    Den meis­ten Men­schen hier­zu­lande sind eben Urlaub, Auto, Handy und TV wich­ti­ger als Essen und Trin­ken. as wird sich – wenn über­haupt – nur lang­sam ändern…

  3. [...] Streit­frage: Über­for­dern Große Gewächse den deut­schen Gau­men? | weinkenner.de [...]

  4. [...] via Streit­frage: Über­for­dern Große Gewächse den deut­schen Gau­men? | weinkenner.de. [...]

  5. Ich gra­tu­liere zu die­ser bril­lan­ten und wohl­tu­end unpo­le­misch geschrie­be­nen Ana­lyse!
    Und ja, wir brau­chen Große Gewächse, wenn diese dem Anspruch an einen ech­ten “Grand Cru” gerecht wer­den. So wie der Mor­stein 2009 von Witt­mann, den ich ges­tern im (Zalto)-Glas hatte. Das ist rich­tig gro­ßes Kino, Genuss und Lebens­freude, die jeden Cent ihres Prei­ses wert ist.

  6. Bin der Mei­nung, man darf es sich nicht so ein­fach machen und die deut­schen Wein­trin­ker so abwat­schen. Wer nicht bereits als Wein­freak auf die Welt gekom­men ist, muss es ler­nen Weine zu ver­ste­hen. Bin 20 Jahre haupt­be­ruf­li­cher Wein­händ­ler und kann behaup­ten, dass Ver­brau­cher sehr­wohl den Unter­schied zwi­schen einem 5€ und einem 15€ Wein erken­nen. Aller­dings benö­ti­gen sie dafür am Anfang eine pro­fes­sio­nelle Hilfe, die ihnen bewusst macht, was der Kick an “ech­ten” hoch­wer­ti­gen Wei­nen aus­macht. (Trotz­dem kann ihnen ein süf­fi­ger Kab. bes­ser schme­cken.) Nur, … heute wer­den ca. 80% der Weine über LEH und Dis­coun­ter ver­kauft. Wie sol­len die Leute es ler­nen, dass die pri­märe Frucht nicht das ist, was den Wein so beson­ders macht! Die Kol­le­gen pas­sen sich häu­fig auch an und bie­ten dem Kun­den das an, was er über­all bekommmt ..
    Kurz noch zu den Gro­ßen Gewäch­sen: Wenn jene die Cha­rak­ter­züge und soviel Alko­hol wie eine WW aus dem Fri­aul, Tren­tino oder Süd­ti­rol haben .. aber zum Teil wesent­lich mehr kos­ten, darf man sich nicht wun­dern, wenn es Weine für Samm­ler sind und bleiben.

  7. [...] Priewe, dem Kopf hin­ter der Web­seite ,Weinkenner.de‘. Es han­delt sich um einen schon älte­ren Bei­trag zur Debatte dar­über, ob die Deut­schen ihrem Wein genü­gend Ach­tung ent­ge­gen brin­gen. Lei­der wer­den solche [...]

  8. Große Gewächse hin und her, der Kunde muss es Nach­fra­gen. Die Nach­frage bestimmt den Preis. Für fast jeden Wein/Weinstil gibt es einen Kun­den. Die Menge die davon über den Laden­tisch geht hängt jedoch sicher auch mit dem Preis zusammen.

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