Evangelis Gerovassiliou

Nachrichten aus dem anderen Griechenland: Evangelis Gerovassiliou

Stefan Krimm ist nach Thes­sa­lo­niki geflogen und hat sich im nörd­li­chen Teil Grie­chen­lands umge­schaut. Beson­ders beein­druckt haben ihn die Weine der Domaine Gero­vas­si­liou.

Stefan Krimm ist nach Thes­sa­lo­niki geflogen und hat sich im nörd­li­chen Teil Grie­chen­lands umge­schaut. Beson­ders beein­druckt haben ihn die Weine der Domaine Gero­vas­si­liou.

Evangelis Gerovassiliou
Evan­gelis Gero­vas­si­liou

Wer die Nach­richten über Grie­chen­land verfolgt, muss glauben, im ganzen Land herrschten Chaos, Armut, Arbeits­lo­sig­keit. Doch die Realität ist diffe­ren­zierter. Beim Anflug auf Thes­sa­lo­niki (oder kurz: Salo­niki) sehen wir eine gepflegte, durch Straßen gut erschlos­sene, aufge­räumt wirkende Land­schaft, gespren­kelt mit Dörfern, Gehöften, statt­li­chen Land­häu­sern, streng linea­ri­sierten Reis­fel­dern, grünen Wein­bergen, gelben Getrei­de­fel­dern, dazwi­schen immer wieder türkis­far­bene Pools.

Der Eindruck einer blühenden medi­ter­ranen Land­schaft verstärkt sich noch, wenn man mit dem Auto über Land fährt. Die Verkehrs­dichte in diesem nörd­li­chen Teil Grie­chen­lands, der zu Make­do­nien gehört, ist nicht geringer als in länd­li­chen Gegenden Deutsch­lands, Immer wieder begegnen wir statt­li­chen Nobel­ka­rossen deut­scher Hersteller. Und nicht zuletzt: moderne Wein­güter, wie man sie auch in Frank­reich, Italien, Spanien antrifft. Wer ein realis­ti­sches Bild der Verhält­nisse in Grie­chen­land erhalten will, darf die Augen vor dem anderen Grie­chen­land nicht verschließen, das wir hier vor Augen haben. Gerade der Wein­sektor ist geeignet, Vorur­teile zu korri­gieren.

Weinberge nicht weit vom Mittelmeer

Beginnen wir in Epanomi, einem Städt­chen rund 35 Kilo­meter südöst­lich von Thes­sa­lo­niki. Dort haben sich Evan­gelis Gero­vas­si­liou, 62, und seine Frau Sonia einen Traum verwirk­licht: ein eigenes Weingut. Es liegt auf einer Anhöhe, die sanft zum Meer hin abfällt. In der Ferne blinkt das azur­blaue Band des Mittel­meeres.

Domaine Gerovassiliou
Domaine Gero­vas­si­liou

Die Wein­berge umfassen 56 Hektar Reben. In ihnen wachsen Rotweine, wie Wein­trinker sie in Grie­chen­land nicht ohne Weiteres vermuten. Weine wie den Avaton zum Beispiel: ein dunkler, dichter Rotwein aus einer einhei­mi­schen Rebsorte, der die Würze des Südens wider­spie­gelt und in einem Mantel feinen Tannins gehüllt ist. Aber auch Spit­zen­ge­wächse wie den Evan­gelos, der aus Syrah gewonnen wird. Sie ergibt im warmen Klima Thes­sa­lo­niens komplexe, tief­grün­dige Weine, die keinen Vergleich mit den entspre­chenden Rhône-Weinen scheuen müssen. Auch preis­lich sind sie auf deren Niveau. Leute, die Grie­chen­land nur aus der Touristen-Perspektive kennen, werden sich die Augen reiben.

Gerovassiliou hat in Bordeaux studiert

Mavroudi-Traube
Mavroudi-Traube

Gero­vas­si­liou hat bei Emile Peynaud in Bordeaux studiert, dem damals wohl berühm­testen Önologie-Professor der Welt. Als Peynaud mit den Besit­zern der grie­chi­schen Domaine Carras, dem damals flächen­mäßig größten Weingut Europas, einen Bera­ter­ver­trag abschloss, band er seinen grie­chi­schen Muster­stu­denten mit ein. Heute wird in Grie­chen­land kein Geheimnis daraus gemacht, dass der Aufstieg der Domaine Carras viel mit der Arbeit von Gero­vas­si­liou als Keller­meister zu tun hat.

Neben seinem Hauptjob bei Carras arbei­tete Gero­vas­si­liou damals als Feier­abend­winzer auf zwei Hekt­aren des eigenen Fami­li­en­be­sitzes. Seine beson­dere Aufmerk­sam­keit galt zunächst den auto­chthonen Weiß­wein­sorten Assyr­tiko und Malagousia. Letz­tere, eine ziem­lich spät reifende, feinfruchtig-aromatische Sorte, deren Qualität lange verkannt worden war, pflanzte er als einer der Ersten in Grie­chen­land wieder syste­ma­tisch an.

Autochthone und internationale Sorten

Assyrtiko-Traube
Assyrtiko-Traube

Die Böden seiner Wein­berge sind über­wie­gend sandig und mit guter Drai­nage versehen. Die Wurzeln müssen sehr tief hinunter, um an Nähr­stoffe und Feuch­tig­keit zu kommen. Zu den den auto­chthonen Sorten kamen bald noch Sauvi­gnon Blanc, Viognier und Char­donnay hinzu.

Auch im Rotwein­be­reich hatte Gero­vas­si­liou ein Faible für alte grie­chi­sche Rebsorten wie etwa Limnio, Mavroudi und Mavro­tra­gano,  aber er pflegte mit Syrah und Merlot und – in begrenztem Umfang – Grenache auch ein inter­na­tio­nales Spek­trum.

Gervas­si­liou gilt als begna­deter Keller­meister. Aber wie viele andere Spit­zen­winzer betont er, dass Qualität vor allem im Wein­berg entsteht, Dabei bedient er sich unter anderem der Daten einer betriebs­ei­genen meteo­ro­lo­gi­schen Station. Sie warnt ihn früh­zeitig vor Pilz­druck oder Trocken­stress. Die Arbeiten werden, wo immer es nur geht, unter Beach­tung der Prin­zi­pien des inte­grierten Wein­baus und per Hand durch­ge­führt, nicht zuletzt auch zum Schutz der 28 Vogel­arten, die in seinen Wein­bergen leben.

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