Jour­na­lis­ten jam­mern öffent­lich über die zu hohen Alko­hol­ge­halte. Som­me­liers kla­gen, dass die Weine immer schwe­rer wer­den. Am Ende glaubt auch der gemeine Wein­trin­ker, er trinke die fal­schen Weine. Jens Priewe sprach über die­ses Thema mit Sté­phane Dere­non­court, dem der­zeit wohl berühm­tes­ten Önolo­gen in Bor­deaux: „Komisch, dass diese Weine allen am bes­ten schmecken.“

Stéphane DerenoncourtIch traf Dere­non­court letz­ten Sonn­tag in Mün­chen auf der Pra­ter­in­sel. Das Wet­ter war som­mer­lich warm. Die Isar trug nach den Regen­fäl­len der Vor­wo­che noch viel Was­ser, strömte aber laut­los durch die baye­ri­sche Lan­des­haupt­stadt. Dere­non­court lehnte an der alten Kas­ta­nie im Innen­hof der ehe­ma­li­gen Likör­fa­brik, die auf der Pra­ter­in­sel steht, und rauchte eine Ziga­rette. „Durch­schnau­fen“ nennt man in Bay­ern so eine kurze Pause.

Drin­nen im Saal dräng­ten sich 200 Leute, um Côte Rôtie von René Rosta­ing, Mas­seto von Ornellaia, Remelluri von Telmo Rod­ri­guez, Tré­val­lon von Eloi Dur­bach, Bricco della Bigotta von Braida und Her­mi­tage von Jean-Louis Chave zu pro­bie­ren. Oder Pon­tet Canet, Comte de Vogue, Châ­teau Mon­te­lena – alles Rot­weine, die zu den bes­ten und teu­ers­ten der Welt gehö­ren. Die Firma Alpina aus dem baye­ri­schen Buch­loe bot ihren Kun­den die „bes­ten Weine in Jahr­gangs­ver­ti­ka­len“ zur Ver­kos­tung an.

Große Rot­weine haben 13,5 Vol.% und mehr

Kei­ner der aus­ge­schenk­ten Weine wies weni­ger als 13 Vol.% Alko­hol auf. Die meis­ten ten­dier­ten in Rich­tung 14 Vol.% und mehr. Trotz­dem genos­sen die Gäste, was sie im Glas hat­ten. Auch die Weine der Domaine de l’A, deren Besit­zer Dere­non­court und seine Frau sind. Ihret­we­gen waren sie nach Mün­chen gekom­men, obwohl Deutsch­land nor­ma­ler­weise nicht auf ihrem Rei­se­plan steht. Die Weine aus den Côtes de Cas­til­lon, einer Satelliten-Appellation von St. Emi­lion, gehö­ren in die glei­che Schwere-Kategorie. „Der Alko­hol kann hoch sein, aber er muss ein­ge­bet­tet sein“, sagt Dere­non­court. „Extrakt und Tan­nin müs­sen in glei­chem Maße vor­han­den sein. Wich­tig ist nur die Balance des Weins.“

Keller der Domaine de l'ABekannt ist der 49-jährige Fran­zose weni­ger als Wein­guts­be­sit­zer denn als önolo­gi­scher Bera­ter. Rund hun­dert Wein­gü­tern in aller Welt gehö­ren zu sei­nen Kun­den. In Bor­deaux hören Châ­teaux wie Canon-la-Gaffelière, Tal­bot, Rol Valen­tin, Petit Vil­lage, Prieuré Lichine auf sei­nen Rat. Aber auch in Spa­nien (Alonso Del Yerro), Ita­lien (Fat­to­ria La Massa, Argen­tiera), Öster­reich (Ester­hazy), Kali­for­nien (Rubi­con Estate), Tür­kei, Syrien und Indien ist Dere­non­court tätig. In Deutsch­land hat der Sohn eines Stahl­ar­bei­ters aus der Nor­man­die noch nie ein Bera­tungs­man­dat gehabt, was wohl daran liegt, dass er weder ein Weißwein- noch ein Burgunder-Experte ist. Seine Spe­zia­li­tät sind tan­nin­be­tonte Rot­weine, vor­zugs­weise aus Caber­net Sau­vi­gnon, Mer­lot & Co.

Nicht die Kli­ma­ver­än­de­rung, son­dern Par­ker ist Schuld

Wer, wenn nicht er, kann die Frage beant­wor­ten, ob Rot­weine, zumin­dest die guten, immer 13,5 oder 14 Vol.% Alko­hol haben müs­sen? Und wenn ja, ist die Kli­ma­ver­än­de­rung daran schuld, dass sie immer schwe­rer wer­den? Dere­non­court zögert nicht lange mit der Ant­wort: „Nicht die Kli­ma­ver­än­de­rung ist Schuld, son­dern Parker.“

Physiologisch reife TraubenIm ers­ten Moment habe ich, zuge­ge­ben, gestutzt. Der ame­ri­ka­ni­sche Wein­kri­ti­ker? Was hat er mit hohen Alko­hol­ge­hal­ten zu tun? Um zu begrei­fen, was Dere­non­court meint, muss man um eine Gesetz­mä­ßig­keit des moder­nen Wein­baus wis­sen: Weine von Reben mit nied­ri­gen Trau­ben­er­trä­gen erge­ben höhere Qua­li­tä­ten. Des­halb sind in den letz­ten zwei, drei Jahr­zehn­ten über­all, wo Qua­li­tät das Ziel ist, die Erträge in den Wein­ber­gen her­un­ter­ge­fah­ren wor­den. Par­ker war nicht der erste, der das erkannte. Aber er war der erste, der diese Weine hoch beno­tete, und zwar auf eine Art und Weise, die ein brei­tes, auch wein­frem­des Publi­kum verstand.

Aller­dings erge­ben weni­ger Trau­ben pro Stock zwangs­läu­fig auch höhere Zucker­werte. Und das nicht nur in Bor­deaux. In allen Anbau­ge­bie­ten der Welt sind daher die Alko­hol­werte gestie­gen, in Spa­nien, Ita­lien und den Län­dern der Neuen Welt ebenso wie in Deutsch­land. Erhöh­ter Alko­hol ist der Preis für bes­sere Qua­li­tä­ten. Man muss Par­ker nicht mögen, um zuzu­ge­ben, dass diese Kon­se­quenz unver­meid­lich ist.



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28.05.2012 | Stéphane Derenoncourt: Wie es zu den hohen Alkoholgehalten kam

  2 Antworten zu “Zuviel Alkohol? Stéphane Derenoncourt über „schwere“ Rotweine”

  1. [...] Zuviel Alko­hol? Sté­phane Dere­non­court über „schwere“ Rot­weine Sté­phane Dere­non­court: Wie es zu den hohen Alko­hol­ge­hal­ten kam [...]

  2. Sehr geehr­ter Herr Derenoncourt,

    ich bin mal wie­der ver­wun­dert, wie wenig Sach­kennt­nis in die­sem Arti­kel steckt. Klar, wenn ich an Bor­deaux und schwere Weine denke, ist das ja auch nahe­lie­gend. Nur ist Bor­deaux der Nabel der Welt? Zum Glück nicht! Denn es gibt Regio­nen, wo der nicht so hohe Alko­hol­ge­halt vor­bild­lich prak­ti­ziert wird. Warum? Weil es um Elge­zanz und Finesse geht und das auch mit wenig Alko­hol. Wo? Z..Bsp. in Bur­gund. Wer behaup­tet, dass dies nicht mög­lich ist, der hat schlicht weg keine Ahnung! Es geht ganz klar. Siehe andere Anbau­ge­biete aus­ser­hlab Bor­deaux. Prof. Schultz von der Uni Gei­sen­heim hat in sei­nem Vor­trag über wein­bau­li­che Mass­nah­men gespro­chen unter ande­rem zum Thema Rei­fe­ver­zö­ge­rung. Erreich­bar durch eine Ver­än­de­rung des Blatt-Frucht-Verhältnisses. Weni­ger Blatt­masse durch z.Bsp. kurze Laub­wand oder Ent­blät­te­rung (nicht in der Trau­ben­zone) ver­zö­gert die Reife. Die Erträge sind ver­gleich­bar. Aber wei­ni­ger Zucker bei trotz­dem aus­rei­chen­dem Stick­stoff im Most. Die Frage was ist das Ziel? Qua­li­tät oder mög­lichst gleich­blei­bend hohe Most­ge­halte? Aber das hat­ten wir ja schon in den 70er Jah­ren. Mich wun­dert es kaum, dass sich immer mehr an Qua­li­tät inter­es­sie­ren anstatt hohen Alko­hol­ge­hal­ten im Wein. Mit vino­phi­len Grüssen

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