Der fran­zö­si­sche Star-Önologe Sté­phane Dere­non­court erklärt in Teil 2, was der welt­weite Qua­li­täts­sprung der Rot­weine mit hohen Alko­hol­ge­hal­ten zu tun hat. Kann man die Weine über­haupt wie­der auf alko­ho­li­sches Nor­mal­maß zurück­brin­gen? Dere­non­court zuckt mit den Schul­tern: „Wer die Alko­hol­werte sen­ken möchte, aber die Qua­li­tät erhal­ten will, soll mir erklä­ren wie.“

Viel Zucker, viel AlkoholFrü­here Lese ist für Dere­non­court keine Option, wenn es um die Erzeu­gung von Spit­zen­wei­nen geht. Die Erhö­hung der Hekt­ar­er­träge wäre ein Rück­fall in alte Zei­ten. Bleibt die Frage, wie der Alko­hol­ge­halt sin­ken soll, wenn höchste Trau­ben­qua­li­tät ange­strebt wird. „Das Dilemma besteht darin, dass sich die phy­sio­lo­gi­sche Reife in aller Regel spä­ter ein­stellt als die Zucker­reife. Das heißt: Die Trau­ben müs­sen, nach­dem sie schon genü­gend Zucker gesam­melt haben, noch zehn, 14 oder mehr Tage am Reb­stock hän­gen, damit das Tan­nin in den Bee­ren­häu­ten und in den Ker­nen ganz reif ist. In die­ser Zeit ent­steht jenes Zuviel an Zucker, das sich spä­ter in hohen Alko­hol­ge­hal­ten niederschlägt.“

Der Fran­zose legt aller­dings Wert auf die Fest­stel­lung, dass Weine mit 13,5 oder 14 Vol.% für ihn kein Pro­blem dar­stel­len, solange der Alko­hol gut in den Wein ein­ge­bet­tet ist. Auch die meis­ten Wein­trin­ker aus der Parker-Generation schei­nen über den neuen, aus Bor­deaux kom­men­den Stil nicht unglück­lich zu sein. Der Wein­han­del eben­falls nicht. Und die Châ­teaux sehen sowieso kei­nen Grund zur Klage. Sie hat­ten schon lange vor Par­ker begon­nen, ihre Qualitäts-Anstrengungen zu intensivieren.

Alles begann mit Pro­fes­sor Emile Peynaud

Weinberg in BordeauxDie füh­rende Rolle spielte in die­sem Zusam­men­hang Emile Peyn­aud, Pro­fes­sor für Önolo­gie an der Uni­ver­si­tät Bor­deaux. Er hatte vie­len Châ­teaux schon Anfang der sieb­zi­ger Jahre, als Par­ker noch ein Jura­stu­dent war und Wein nur vom Hören­sa­gen kannte, gera­ten, weni­ger zu ern­ten und spä­ter zu lesen – also eine höhere Reife der Trau­ben anzustreben.

Außer­dem führ­ten auf seine Initia­tive hin viele Châ­teaux damals Zweit­weine ein. Diese wur­den (und wer­den noch heute) aus Trau­ben der jun­gen, unter 30jährigen Reben gekel­tert, wäh­rend die Trau­ben der ältes­ten Reb­stö­cke, die von Natur aus nur noch wenig tra­gen, für den Grand Vin reser­viert sind, den bes­ten Wein des Châ­teau. So ist zum Bei­spiel bei den Pre­miers Crus die Menge des Grand Vin im Ver­gleich zu frü­her deut­lich zurück­ge­gan­gen, weil ein gro­ßer Teil der Trau­ben in den Zweit­wein geht. Die Qua­li­tät des Grand Vin stieg – mit ihr auch der Alko­hol im Wein. Der Preis stieg sowieso.

Höhere Laub­wände

„Alko­hol war damals über­haupt kein Thema“, erin­nert sich Dere­non­court. „Es ging nur um Qua­li­tät, also um per­fekte Trau­ben. Wäh­rend die Laub­wand frü­her nur 80 Zen­ti­me­ter hoch war, wurde sie jetzt auf 120 Zen­ti­me­ter ver­grö­ßert. Mehr Laub bedeu­tet: mehr Pho­to­syn­these und somit mehr Zucker in den Trau­ben. Und spä­ter mehr Alko­hol im Wein.“

Stéphane DerenoncourtAll das führte nach dama­li­ger und heu­ti­ger Ein­schät­zung zu einem spek­ta­ku­lä­ren Qua­li­täts­sprung in Bor­deaux. Erkenn­bar schlug sich die­ser erst­mals 1982 nie­der: ein Jahr­gang, der so ganz anders war als das, was man bis­her aus Bor­deaux kannte: dun­kel in der Farbe, weich und üppig am Gau­men, fast süß­lich im Geschmack und deut­lich erhöht im Alkohol.

Schuld war in die­sem Fall weni­ger Peyn­aud als die Natur, die Bor­deaux end­lich mal wie­der einen war­men, unver­reg­ne­ten Som­mer geschenkt hatte. So, wie sich die­ser Jahr­gang prä­sen­tierte, gab er das Modell ab für jenen Stil, den die Châ­teaux unter Anlei­tung von Peyn­aud anstreb­ten – und der sich dann in der gan­zen Welt ausbreitete.

1982er Bor­deaux war der Modelljahrgang

Auch Par­ker gefie­len die Weine die­ses Jahr­gangs beson­ders gut. Er lobte 1982 als „Jahr­hun­dert­jahr­gang“ und emp­fahl die Weine drin­gend zum Kauf. Mit dem 1982er Jahr­gang begann auch sein Auf­stieg zum ein­fluss­reichs­ten Wein­kri­ti­ker der Welt.

Vor den Ver­än­de­run­gen der 70er-Jahre war der Geschmack der Rot­wein­trin­ker ein ganz ande­rer. Man fand sich damit ab, dass die Weine eine feine Säure auf­wie­sen. Man störte sich nicht an etwai­gen grü­nen Noten. Kon­zen­trierte Weine kannte man nur aus Super­jah­ren. Das gesamte Trink- und Kauf­ver­hal­ten der Wein­trin­ker war anders, erläu­tert Dere­non­court: „ Frü­her kaufte man eine Kiste Bor­deaux und ließ sie zehn oder 20 Jahre lie­gen, um dann vor­sich­tig die erste Fla­sche zu öffnen. Heute kauft man eine Kiste und will sofort sei­nen Spaß haben. Diese Ent­wick­lung ist durch Par­ker ein­ge­lei­tet worden.“



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25.05.2012 | Zuviel Alkohol? Stéphane Derenoncourt über „schwere“ Rotweine

  5 Antworten zu “Stéphane Derenoncourt: Wie es zu den hohen Alkoholgehalten kam”

  1. [...] Zuviel Alko­hol? Sté­phane Dere­non­court über „schwere“ Rot­weine Sté­phane Dere­non­court: Wie es zu den hohen Alko­hol­ge­hal­ten kam [...]

  2. Sehr geehr­ter Herr Dere­non­court,
    vie­len Dank für die Infor­ma­tio­nen die Sie den Wein-/Bordeauxtrinkern liefern.Ich habe die Erfah­rung
    germacht,dass die meis­ten Weine aus dem Bor­de­lais erst ab Mitte bis Ende der 90ziger Jahre im
    Alko­hol­ge­halt gestie­gen sind.Aber ganz mas­siv im letz­ten Jahr­zehnt mit den bei­den “Super­jah­ren”
    2009/10.Die Alko­hol­werte der meis­ten Cha­teau lagen dabei über 14%,am rech­ten Ufer teil­weise
    deut­lich darüber.Diese Weine haben von der eigent­li­chen Cha­rak­te­ris­tik des Bor­deaux nur noch sehr
    wenig gemein.Mag sein das auf der gan­zen Welt (spe­zi­ell Über­see) Weine mit mehr Alko­hol gerne
    getrun­ken werden.Der klas­si­sche Bor­deaux hat aber auch vor dem Jahr­gang 2000 grosse Weine
    hervorgebracht,die deut­lich weni­ger Alko­hol und deut­lich mehr Typi­zi­tät mit­brach­ten.
    Auch Herr Par­ker befand einige Weine aus 1982/1990/1996 ect..als 100 Punkte Weine,trotz weni­ger Alko­hol.
    Das Herr Par­ker mit­schul­dig ist an dem gan­zen immer mehr Extrakt und damit Alko­hol steht aus­ser Frage.Interessant ist trotzdem,dass es ein­zelne Cha­teaus auch in 2009 schaff­ten mit nur 13% Alko­hol ( auf dem Eti­kett ) auszukommen,während andere Weine in der Nach­bar­schaft locker 14,5% prä­sen­tier­ten.
    Sicher auch um Herrn Par­ker “ent­ge­gen zukommen”,aber irgend­wie muss es der Win­zer “um die Ecke” ja auch geschafft haben.Wie geht das bei ver­gleich­ba­rer Qua­li­tät ?? Da müsste ange­setzt wer­den !!
    Denn es gäbe gerade hier in Europa bestimmt genü­gend Menschen,die sich über ehr­li­che und klas­sisch pro­du­zierte Bor­deauxweine freuen würde !
    Glei­ches gilt selbst­ver­ständ­lich auch für viele andere Regionen,wo die Alko­hol­werte auch spe­zi­ell in
    den letz­ten Jah­ren mas­siv gestie­gen sind.Mag sein das hier und da ein Umzug mit den Reben in küh­lere Berei­che ( höher ) mög­lich ist,in Bor­deaux muss es einen ande­ren Weg geben.
    Viel­leicht haben Sie die Sicht und die Mög­lich­kei­ten hier etwas zu errei­chen.
    Ansons­ten haben unsere Wein­freunde in Über­see und Asien wei­ter­hin viel Spass mit überalkoholisierten,süssen,überteuerten Bor­deaux und der euro­päi­sche Wein­freund trinkt etwas ande­res oder muss sich um ältere Jahr­gänge bemü­hen (übri­gens immer noch zu güns­ti­gen Preisen).

    Mit freund­li­chen Grüs­sen Uwe Böhm ( Berlin )

  3. Vie­len Dank für den auf­schluss­rei­chen Artikel.

    Wenn man aller­dings Pre­mi­um­weine aus Chile von vor 1990 pro­biert hat, wel­che “nur” 12,5% Alko­hol auf­wie­sen und wenn man tolle Weine aus Bor­deaux auch aus der Zeit pro­biert hat und damit nicht nur “Topjahr­gänge”, son­dern auch Jahr­gänge, die eher mit gut bewer­tet wur­den, dann stellt man fest, dass her­aus­ra­gende Qua­li­tät auch mit 12,5% pro­blem­los erreicht wer­den kann.

    In Süd­frank­reich hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren eben­falls ein Sprung von im Durch­schnitt 12,5% auf 14% erge­ben. Einige Win­zer haben dazu auf Nach­frage geäus­sert, dass sie sich darum bemüht haben, den saf­ti­gen Über­see­wei­nen stär­ker Kon­kur­renz zu machen. Sie haben dazu die Reben tie­fer gezo­gen, so dass die Trau­ben auch Nachts durch die Boden­wärme rei­fen kön­nen. Auf diese Weise haben sie dafür gesorgt, dass der Zucker­ge­halt zum Zeit­punkt der phe­no­li­schen Reife deut­lich höher aus­fällt und der höhere Alko­hol­grad erreicht wer­den kann.
    Ich würde mich freuen, wenn Sie auf den Aspekt noch ein­ge­hen können.

    MfG A. Mustermann

    • Ich habe viele Bordeaux-Vertikalen mit­ge­macht und muß sagen, dass die Qua­li­tät der 12,5 Vol.%-Weine aus den klei­nen und mitt­le­ren Jahr­gän­gen vor 1970 ernüch­ternd ist: viel unreife Säure, viel grü­nes Tan­nin. Zuletzt die La Mis­sion Haut-Brion-Probe. Meine (begrün­dete) Ver­mu­tung: zu viel Trau­ben an den Stö­cken, zu früh gele­sen. Wie toll dage­gen die La Mission-Weine aus 2004, 2006, 2007! Spä­ter gele­sen = rei­fes Tan­nin = 13 Vol. bis 13,5 Vol.% Alko­hol. Ich habe mit die­sen Alko­hol­ge­hal­ten kein Pro­blem. Klar, weni­ger Alko­hol wäre bes­ser. Aber die phe­no­li­sche Reife braucht je nach Sorte zwi­schen 100 und 120 Tagen. Beschleu­ni­gen kann man sie nicht. Man kann höchs­tens ver­su­chen, den Zucker­auf­bau zu ver­lang­sa­men. Aber wenn das so ein­fach wäre, hät­ten süd­fran­zö­si­sche, kali­for­ni­sche, aus­tra­li­sche Weine mit Sicher­heit heute nicht 14 Vol.%. Meine Mei­nung: Lie­ber 1 Vol.% mehr als die alten 12,5 Vol.%-Weine aus Bor­deaux. Wie nannte sie Carlo Wolf wäh­rend der La Mission-Probe so schön: “Frühstücksweine”.

      • Hallo Herr Priewe,
        zu Früh­stücks­wei­nen würde ich Weine aus frü­he­ren guten Jahr­gän­gen sicher nicht degradieren.Ich fürchte auch viele bor­de­lai­ser Win­zer nicht ! Aber die Alko­hol­grade von 13% bis 13,5% sind sicher auch in Bor­deaux Wei­nen aus Topjah­ren frü­her erzeug worden,nur stand dann auf dem Eti­kett freund­li­chere 12,5% Alko­hol…
        Aber wohin soll spe­zi­ell der Weg am rech­ten Ufer führen,wenn eben nicht mehr 13% oder 13,5 % Alko­hol im Wein sind , son­dern sport­lich auf dem Eti­kett abge­druckte 15%?? ( im Wein bestimmt nicht weni­ger…)
        Selbst Vinum hat in der Bewer­tung des Cos vom lin­ken Ufer mit 15% Alko­hol zurück­ge­ru­dert und
        sich einer Bewer­tung ent­hal­ten ! Aber warum eigent­lich nur beim Cos und nicht bei so vie­len Gewäch­sen mit viel zu viel Alko­hol?
        Wenn die schrei­bende Zunft diese Weine als gross und 2009/10 als Jahr­hun­dert­jahr­gang titu­liert , wer­den weder die Win­zer noch die End­ver­brau­cher (alte Welt) etwas an den Ver­hält­nis­sen ändern .
        Schade eigent­lich um die wah­ren Bor­deauxfreunde , die wie oben schon geschrie­ben sich ent­we­der mit überteuerten,konzentrierten und alko­hol­star­ken neuen Jahr­gän­gen her­um­schla­gen müs­sen oder eben die heut gut zu trin­ken­den 82,85,89,90,95,96- ziger “Früh­stücks­weine” suchen müssen,gell?
        Mit vino­phi­len Grüs­sen Uwe Böhm

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