Nachverkostet: 1999 Pignolo, Le Vigne di Zamò

Pignolo ist ein Rotwein aus dem Friaul. Kenner sagen, er sei der beste – aller­dings auch der sper­rigste in seiner Jugend. Ulrich Sautter, unser Mann fürs Beson­dere, hat eine alte Flasche aufge­macht – und war ange­nehm über­rascht.

Pignolo ist ein Rotwein aus dem Friaul. Kenner sagen, er sei der beste – aller­dings auch der sper­rigste in seiner Jugend. Ulrich Sautter, unser Mann fürs Beson­dere, hat eine alte Flasche aufge­macht – und war ange­nehm über­rascht.

1999 Pignolo, Le Vigne di ZamòIm Jahr 2002 befand ich mich auf einer Rund­reise durch die nord­os­t­i­ta­lie­ni­sche Region Friaul. Damals begann gerade der Trend hin zu den auto­chthonen Sorten. Statt Sauvi­gnon und Char­donnay stellten die Winzer Tocai (heute offi­ziell Friulano geheißen) und Ribolla in den Vorder­grund, statt Merlot und Cabernet die roten Lokal­sorten Refosco, Tazzelenghe, Schiop­pet­tino. Und Pignolo: auffal­lend dunkel­far­bene, seltsam gerb­stoff­reiche Weine aus einer völlig unbe­kannten Rebsorte glei­chen Namens.

Unbe­kannt auch den meisten Friau­la­nern. Denn sie ist mit keiner anderen euro­päi­schen Sorte verwandt, und es gab damals gerade 29 Hektar, die mit ihr bestockt waren. Zwei Winzer stritten sich, wer diese mindes­tens 400 Jahre alte Traube (wieder-) entdeckt hatte: Giro­lamo Dorigo und Walter Fili­putti. Letz­terer nahm für sich in Anspruch, Pächter der Abbazia di Rosazzo zu sein, die als Entste­hungsort der Pignolo gilt. Tatsäch­lich hatte er um die Abtei südlich von Udine zwei alte Stöcke Pignolo gefunden, die Reblaus und Welt­kriege über­lebt hatten. Er hatte sie vermehrt und konnte 1985 den ersten Rotwein aus dieser Sorte auf den Markt bringen.

Heimat des Pignolo: die Abtei von Rosazzo

Dorigo behaup­tete dagegen, die beiden alten Stöcke, die bei der Abtei von Rosazzo gestanden hätten, hätten das Erbgut zweier grund­sätz­lich verschie­dener Spiel­arten in sich getragen, und nur „sein“ Pignolo sei der echte. Die Wahr­heit wird sich nicht mehr fest­stellen lassen. Dorigo erzeugt bis heute in schöner Regel­mä­ßig­keit einen exzel­lenten Pignolo, während Fili­putti sich ganz aus dem Wein­ge­schäft zurück­ge­zogen hat. Die von ihm wieder­her­ge­stellten Wein­berge haben inzwi­schen viele Pächter gesehen. Der Bischof von Udine, Besitzer der Abtei von Rosazzo und der Wein­berge um sie herum, war nicht wähle­risch, was die Pacht­ver­träge anging. Wer mehr zahlte, bekam den Zuschlag.

Das Weingut Le Vigne di Zamò hatte sich durch Kauf und Pacht­ver­trag einen großen Teil der Wein­berge gesi­chert und bereits 1996, direkt gegen­über der alten Abtei, neue Wein­berge ange­legt und eifrig Pignolo-Stöcke vermehrt. Als ich 2002 kam, exis­tierte bereits eine präch­tige Anlage dieser Sorte in den hübsch anzu­se­henden Quer­ter­rassen. Ich beschloss, den 1999er Pignolo, der damals gerade frei­ge­geben worden war, für längere Zeit in den Keller zu legen. Dort vergaß ich ihn dann.

Noch ganz vitaler Wein…

Weingut Le Vigne di Zamo
Weingut Le Vigne di Zamo

Umso gespannter war ich, als ich die Flasche jetzt wieder fand. Nach zwei Tagen aufrechter Lage­rung – ich hatte einiges Depot am Boden der Flasche ausge­macht – öffnete ich die Flasche. Schon die Farbe stimmte opti­mis­tisch: ein leuch­tendes Kirschrot mit nur leicht gereiften Nuancen am Rand. Auch im Duft zeigte sich dieser Pignolo noch als ganz und gar vitaler Wein: mit Aromen von feuchtem Lehm, Schlehen und roten Johan­nis­beeren.

Und kein Anflug von Müdig­keit. Seine Flaschen­reife deutete dieser 13 Jahre alte Wein ausschließ­lich durch die komplexe Wand­lung seiner Aromen an: Je länger der Wein im Glas blieb, desto stärker verwan­delte sich die lehmige Note in ein Kräuter-Aroma. Auch die Frucht chan­gierte hin zu Noten von Wild­pflaume und Bitter­scho­ko­lade.

Milder Gerbstoff

War ich zu diesem Zeit­punkt bereits höchst angetan, so begann ich erst recht zu strahlen, als ich den Wein in den Mund genommen hatte. Der Gerb­stoff war mild und mürbe geworden – nicht ohne mit einem leicht harzigen Nebenton an seine frühere Kraft zu erin­nern. In der Gaumen­mitte floss der Wein mild und rund über die Zunge, bevor ihn eine fein­glied­rige, reife Säure in den Abgang hinein trug. Dort stellte sich eine kräf­tige taktile, mine­ra­li­sche Wahr­neh­mung ein, und auch die Frucht hallte lange nach.

Abbazia di Rosazzo
Abbazia di Rosazzo

Ist der Pignolo mit irgend einer anderen Sorte vergleichbar? Eher nein. Im Zusam­men­spiel von Gerb­stoff und Mine­ra­lität erin­nert er viel­leicht entfernt an einen Burgunder, in der fein­nervig unter­malten Milde seiner Gaumen­mitte an einen hoch­wer­tigen Pomerol. Die Aromen hingegen scheinen auf eine schwer zu grei­fende Weise eher „italie­nisch“ als „fran­zö­sisch“ zu sein, auch wenn sie mit Nebbiolo fast gar nichts und mit Sangiovese nur wenig gemein haben.

Aber der Pignolo braucht gar nicht vergli­chen zu werden. Er hat seine eigene Geschichte, soll schon vor Jahr­hun­derten von den Bene­dik­ti­nern selek­tiert worden sein. In Verges­sen­heit geriet er seiner nied­rigen Erträge wegen. Und seinen Namen erhielt er durch Form und Größe seiner Traube, die einem Pini­en­zapfen („pigna“) ähnelt.

Inzwi­schen hat der Pignolo eine kleine Renais­sance erfahren. Ein gutes Dutzend von Wein­gü­tern hat die Rebsorte ausge­pflanzt. Der größte Pignolo-Produzent ist heute Jermann.

Der Wein

1999 Pignolo, Colli Orien­tali del Friuli DOC
Weingut: Le Vigne di Zamò, Manzano
Weinkenner-Bewertung: 93/100 Punkte
Preis (Jahr­gang 2004): 53,90 Euro
Bezug: www.profumo-del-vino.de

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