Nachverkostet: 1986 Tokay-Pinot Gris, Domaine Weinbach

Apr 202012

Durch die Spring­flut von tri­via­len Wei­nen im Pinot Grigio-Stil ist in Ver­ges­sen­heit gera­ten, dass aus der Sorte, die bei uns Grau­bur­gun­der heißt, hoch­feine und lang­le­bige Weine ent­ste­hen kön­nen. Jens Priewe hat einen 1986er Tokay-Pinot Gris der berühm­ten Elsäs­ser Domaine Wein­bach auf­ge­macht und einen Wein gefun­den, der gegen alle gän­gi­gen Trink­mo­den verstößt.

1986 Tokay-Pinot Gris | Domaine WeinbachDeutsch­land wurde 1986 von der RAF in Atem gehal­ten. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung lag noch in wei­ter Ferne. In Frank­reich regierte François Mit­terand. In Russ­land, das damals noch UdSSR hieß, flog das Atom­kraft­werk von Tscher­no­byl in die Luft: Die Erin­ne­run­gen an das Jahr 1986 sind noch lebendig.

Doch für einen Weiß­wein sind jene 25 Jahre, die seit­dem ver­gan­gen sind, fast so viel wie drei Leben. Oder fünf. Oder zehn – je nach dem, um was für einen Wei­ßen es sich handelt.

25 Jahre über­lebt ohne Altersspuren

Der 1986er Tokay-Pinot Gris der Domaine Wein­bach im elsäs­si­chen Kay­ser­berg hat die 25 Jahre gut über­lebt. Er prä­sen­tiert sich heute in einer honig­gel­ben Robe und mit einem Bou­quet, das von Quitte über Tee­blät­ter, Brat­ap­fel, wei­ßer Scho­ko­lade bis hin zu Minze und Zitro­nen­me­lisse reicht. Keine Spur von Unfri­sche, gar von Oxy­da­tion. Natür­lich besitzt der Wein nicht mehr die limo­na­dige Fri­sche jun­ger Ries­linge oder ande­rer Weiß­weine. Gott sei Dank. Er läuft cre­mig über den Gau­men, ist druck­voll und klingt mit sei­nen zahl­rei­chen Facet­ten lange, sehr lange nach.

Pinot Gris im GlasSo kann nur ein Wein schme­cken, bei dem alles stimmt. Der am rich­ti­gen Ort gewach­sen und durch die Hände der rich­ti­gen Men­schen gegan­gen ist. Der rich­tige Ort, das ist in die­sem Fall der Clos du Capu­cins, ein von einem nied­ri­gen Mäu­er­chen ein­ge­fass­ter Wein­berg von fünf Hektar Größe, im Vor­bei­fah­ren nicht son­der­lich spek­ta­ku­lär, aber aus allu­vio­na­len Sän­den mit Gra­ni­tschot­ter und Kie­sel beste­hend. Die­ser Boden erwärmt sich leicht. Und der Pinot Gris, zu deutsch: Grau­bur­gun­der, braucht Wärme. Sonst fehlt ihm die Reife und die Opu­lenz. Die rich­tige Reb­sorte ist eben auch wichtig.

La Blonde et la Brune

Catherine, Collette und Laurence FallerDie rich­ti­gen Hände, das sind in die­sem Fall die Hände der Fami­lie Fal­ler. Sie hat die Domaine Wein­bach 1898 erwor­ben. Auf dem Eti­kett steht noch Théo Fal­ler. Er ist 1979 gestor­ben. Seine Frau Colette führte damals den Betrieb mit Hilfe von Jean Merky, einem Freund ihres Man­nes, wei­ter. Sie ist keine Önolo­gin. Aber sie kann gut kochen liebt große Gesell­schaf­ten – auch eine Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tion für Win­zer. Inzwi­schen füh­ren ihre bei­den Töch­ter Cathé­rine und Lau­rence das Wein­gut. Letz­tere brü­nett und eine stu­dierte Önolo­gin, ers­tere blond und eine gute Ver­käu­fe­rin. „La blonde et la brune“ seien unzer­trenn­lich, hat die fran­zö­si­sche Tages­zei­tung Le Monde geschrieben.

Tat­säch­lich stimmt die Che­mie zwi­schen den Schwes­tern. Sie sind wie Zwil­linge, obwohl sie alters­mä­ßig elf Jahre aus­ein­an­der lie­gen. Cathé­rine, inzwi­schen 55, erzählt immer wie­der gerne, wie sehr sie sich als Kind eine Schwes­ter gewünscht habe. Zeit­weise habe sie jede Nacht ein Stück Zucker auf den Fens­ter­sims gelegt, damit der Storch ihr ein Geschwis­ter­chen bringe. Es hat etwas genützt.



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