Typisch deutsches Weingut
Die Schneiders sind so ein typisch deutsches Weingut. Sie verkaufen den größten Teil ihrer Weine ab Hof. Vater Jakob fährt die Kartons noch im Lieferwagen aus. Oma Liesel, 78 Jahre alt, bedient die Kunden, die an die Kellertür klopfen. Monika Schneider, die Winzersfrau, schreibt die Rechnungen. Jakob junior, der Kellermeister, geht auf Präsentationen und verhandelt mit Händlern. Alle vier leben unter einem Dach. Gehälter oder Stundenlöhne gibt es nicht. Was man einnimmt, wird irgendwie untereinander verteilt. Einem Betriebswirt würden die Haare zu Berge stehen. Doch die Familienökonomie funktioniert. Die alten Schneiders sind zufrieden. Der junge Jakob sagt: „Ich möchte nicht tauschen.“ Und die Kunden freuen sich, so preiswert an eine Hermannshöhle zu kommen.
Freilich würde der Junior den Preis für den Wein gern anheben. „Du kannst die Hermannshöhe doch nicht für acht Euro vermarkten“, versucht er seinem Vater ins Gewissen zu reden. Doch der Alte bremst. Seine Stammkunden erinnern sich genau, dass der Wein vor wenigen Jahren noch 6 Euro gekostet hat.
Der Vater weiß, wo die rote Linie verläuft
Der Sohn argumentiert, dass die Hermannshöhle eine Steillage ist. Sie weist bis zu 60 Prozent Gefälle auf. Die Bewirtschaftung ist arbeitsaufwendig. Und der karge Grauschiefer lässt keine hohen Erträge zu. Jakob junior findet, dass diese Faktoren in die Preisgestaltung eingehen sollten, zumal die Trauben für die 2011er Hermannshöhle bei der Lese 96° Oechsle aufwiesen – der Wein also eine satte Auslese ist (an der Nahe ab 85° Oechsle). Trotzdem: Der Vater weiß, wo bei seinen Kunden die rote Linie verläuft.
Wie die Preisdiskussion im Hause Schneider am Ende ausgeht, weiß niemand. Aber wahrscheinlich geht sie so aus, wie in den meisten deutschen Weingütern: Am Ende siegt die junge Generation.
Trockene Weine ohne Prädikat – obwohl satte Auslesen
Das Weingut Jakob Schneider ist eigentlich für seine feinherben und fruchtigen Weine bekannt. Mit seinen trockenen Weinen hat es sich erst in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Diese kommen grundsätzlich ohne Prädikate auf den Markt (also ohne die Zusatzbezeichnungen Kabinett, Spätlese, Auslese). Sie heißen einfach Qualitätswein trocken.
In der Hermannshöhle ernten die Schneiders noch einen zweiten Qualitätswein trocken vom Riesling. Er heißt zur Unterscheidung „Magnus“, kommt von noch älteren Stöcken und weist mit 102° Oechsle ein noch höheres Mostgewicht als die einfache Hermannshöhle auf. „Unser großes Gewächs“ heißt dieser Wein bei den Schneiders.
Das „große Gewächs“ aus der Hermannshöhle für nur 14 Euro
Offiziell dürfen sie den Wein nicht so nennen. Die Bezeichnung ist für Mitglieder des VDP reserviert, und das Weingut Jakob Schneider ist nicht Mitglied im Eliteverband deutscher Winzer. Zwar ist dieser Wein von Dönnhoffs Großem Gewächs aus der Hermannshöhle noch ein gutes Stück entfernt. Doch eine gute Figur würde der „Magnus“ allemal machen angesichts der zahlreichen bescheidenen Weine, die sich offiziell Große Gewächse nennen.
Paradoxerweise ist das Interesse der Schneiders gering, Mitglied in diesem erlauchten Club zu werden. Denn die Großen Gewächse des VDP sollen, so die Empfehlung des Vorstands, für mindestens 20 Euro verkauft werden. Doch die Zahl der Rieslingtrinker, die so viel Geld für eine Flasche ausgeben, ist in Deutschland gering. Die Schneiders glauben, ihren „Magnus“ nicht zu diesem Preis verkaufen zu können. Sie verlangen 14 Euro für diesen Wein. Was Ausländern als Schnäppchen gälte, ist in Deutschland noch lange keins.
Die Weine

Feine Granny- und Grapefruitnoten, schiefrige Mineralik, zarte, nicht zu hohe, aber weinige Säure: eine als einfacher Qualitätswein daherkommende, saftige Auslese, wohldosierte Kraft, filigrane Frucht.
Preis: 8,20 €
Bewertung: 88/100

Trockener Spitzenwein des Weinguts aus der berühmten Lage an der Nahe: reife Pfirsisch- und Aprikosennoten in der Nase, unterlegt mit Zitrus und Schiefer, stabiles Säurerückgrad, satte, aber disziplinierte Fülle, dabei feingliedrig und tief mit sicherem Alterungspotenzial. Schon jetzt gut antrinkbar.
Preis: 14 €
Bewertung: 90/100
Bezug: Weingut Jakob Schneider




