Soll Petra seine Trauben in einem Schuppen vinifizieren?
Er hat, als nur wenige an das Potenzial der dortigen Weinberge glaubten, 100 Hektar mit Reben bestockt. Er ist so zum größten Weingutsbesitzer der Gegend aufgestiegen. Dass so einer seine Trauben nicht in einem Schuppen oder einer Garage vinifizieren kann, ist klar. Also musste ein neues Gebäude her, aber keines, das den bäuerlichen Natursteinbau historisierend nachäfft, sondern eines, das funktionell auf dem neuesten Stand ist und äußerlich ein Zeichen setzt. Ist das verwerflich? Ist das Protz?
Vielleicht ist das Zeichen, das Mario Botta mit seiner Architektur gesetzt hat, zu stark geraten. Angelo Gajas neue Kellerei in Bolgheri ist zum Beispiel vollständig unterirdisch angelegt. Es gibt keine sichtbaren Treppen und Mauern. Von Antinoris neuer, gerade im Entstehen begriffener Kellerei in San Casciano sieht man von außen sogar gar nichts, nur eine langgezogene, schlitzartige Glasfront. Die eigentliche Kellerei ist tief im Hügel versenkt. Understatement pur.
Spektakuläre Weingüter in Spanien, Bordeaux, Kalifornien
Aber ist nur der gut, der sich versteckt? Dürfen Weingüter nicht wie Wohnhäuser, Kirchen oder Bürogebäude mit Formen spielen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, protzig zu sein? Auf PR-Effekte zu schielen?
Bei Titus Arnu haben es Design-Weingüter diesbezüglich schwer, nicht nur das Weingut Petra. Der SZ-Autor zitiert die Bodegas Marques de Riscal (Architekt: Frank O. Gehry) und Ysios (Santiago Calatrava) in der spanischen Rioja sowie Opus One (Scott Johnson) und Dominus (Herzog & Meuron) im kalifornischen Napa Valley, die sich alle bei ihren Kellerneubauten für spektakuläre, kühne Entwürfe entschieden haben. Der Autor weiß genau warum: „Der Konsument soll den Wein als Gesamtkunstwerk wahrnehmen. Eine wohlgeformte Flasche und ein kunstvolles Etikett reichen dafür anscheinend nicht aus. Wer als Winzer etwas auf sich hält, beauftragt einen berühmten Architekten mit dem Bau einer Design-Kellerei.“ Aha.
Die Architektur kann auf den Wein einstimmen
Überhaupt spielt der Keller bei großen Weinen nur eine untergeordnete Rolle. Die technischen Anforderungen an ihn sind relativ gering. Trotzdem tut es der Seele gut, auf ein gelungenes Bauwerk und nicht nur auf einen schäbigen Plattenbau zu treffen, wenn man das Gut besucht, aus dem der Wein der Wahl kommt.
Die Formensprache eines gut gestalteten Kellergebäudes kann einstimmen auf den Wein, kann seine Individualität und Einzigartigkeit unterstreichen. Das Kellergebäude kann mit der Landschaft harmonieren. Es kann aber auch einen sichtbaren Kontrast zu seiner Umgebung bilden – wie es alle architektonischen Meisterwerke tun, egal ob Weingut oder Museum. Deswegen ambitionierte Weingutsarchitekturen nur als bloße Litfaßsäulen zu sehen, die der „Imagebildung“ oder der „PR“ dienen, ist engstirnig und kulturfremd.
Kritik in Erbsenzählermanier
Zugegeben, viele Nobelweintrinker sind so. Sie legen in bester Erbsenzählermanier dar, wie sehr Architektur den Wein verteuert. Der SZ-Mann macht da keine Ausnahme: „Wer die spektakulären Wein-Kultstätten besichtigt, stellt sich die Frage, wieviele Promille des Architekten-Honorars auf den Verkaufspreis der Weine umgerechnet werden…“
Ein bisschen platt, finde ich. Immerhin wird am Ende klar, worauf der Autor hinaus will: das Geld. 60 Euro für eine Flasche guten Rotwein – das findet er ziemlich happig. Ist es ja auch. Nur verschweigt er, dass es von dem teuren Spitzenwein lediglich 36.000 Flaschen gibt. Petra produziert aber 350.000 Flaschen. Den größten Teil der Produktion, nämlich 130.000 Flaschen, macht ein Wein namens Zingari aus. Er kostet rund 13 Euro – inklusive der Promille für den Architekten. Dafür muss niemand sein Konto plündern.







Naja, dass aber irgendjemand sowas auch bezahlen muss liegt doch auf der Hand. Und in diesem Fall ist auch klar, wer das ist: Nämlich jene Menschen, die die Produkte des Weingutes kaufen, das ist nämlich deren Einnahmequelle. Von daher zahle ich mit jeder Flasche auch für diesen Bau…
Mir ist es ehrlich lieber, wenn man das Geld in den Weinbau, vernünftige Bezahlung der Mitarbeiter, von mir aus auch den eh nicht vorhandenen BIO Wein steckt…
Die Idee hinter diesem Gebäude ist natürlich Marketing. Mich aber spricht das nicht an. Wein ist ein Luxusartikel, aber auch Luxus lässt sich verschiedenen definieren und offensichtlich will das Weingut eben ein gewissen Klientel ansprechen. Kann es, darf es, ich werde den Wein jedenfalls nicht kaufen!
Was wäre die Welt öde, wenn es nicht solche Entwürfe gäbe – sei es bei einer Winery, die in meinen Augen für die Symbiose von Natur, Kultur und Technik wunderbar geeignet ist, sei es in anderen Bereichen, wo Genuss im Mittelpunkt steht oder auch, wo solche Entwürfe kontrastiv wirken. Vielen Dank für einen gelungenen Kommentar, Herr Priewe, dessen Inhalt ich vollstens teile!
[...] Fragwürdiger SZ-Bericht über moderne Weingutsarchitektur | weinkenner.de [...]