Dürfen Weingüter nur mönchisch-schlicht aussehen?
Wieso eigentlich? Darf Wein, der in den letzten fünfzig Jahren vom Nahrungsmittel zum Genussmittel mutiert ist, nur mönchisch-schlicht auftreten? Der Aufwand, der getrieben wird, um die Qualität zu erhöhen, ist überall auf der Welt gestiegen. Teilweise ist er irrwitzig hoch. Als Folge dessen besitzt guter Wein heute eine Aura, wie er sie in der Vergangenheit nie besaß. Manche meinen, von ihm gehe Magie aus.
Warum also soll ein Gut, das Weine mit hohem Genusswert erzeugt, in einer ungestalteten, rein nutzwertmäßig zurechtgeschneiderten Hülle existieren? Wenn Banken Bürotürme errichten, die in den Himmel wachsen, mag Größenwahn der Baumeister gewesen sein. Moderne Weingutsarchitektur aber bleibt am Boden. Der Boden ist das Element, das den Wein wachsen lässt. Die 150-stufige Treppe geht bei Petra auch nicht in den Himmel. Sie geht optisch den Hang hoch, an dem das Weingut erbaut ist.
Kein Wort über ökologische Belange
Doch mit ästhetischen Fragen setzt sich der SZ-Autor nicht groß auseinander, mit ökologischen noch weniger. Kein Wort darüber, dass der Kellers riesig und trotzdem unsichtbar ist, weil er weitgehend unter der Erde verschwindet. Die Landschaft wird nicht verschandelt, der Flächenverbrauch gering gehalten. Kein Wort davon, dass der Keller technisch so konstruiert ist, dass trotz der teilweise hohen Außentemperaturen im Sommer wenig Energie zum Kühlen gebraucht wird, und dass diese wenige Energie auch noch durch Sonnenpanel erzeugt wird.
Vittorio Moretti, der Besitzer, ist Unternehmer, kein Winzer. Er stellt Beton-Fertigteile für Krankenhäuser, Schulen, Brücken, Verwaltungsgebäude her. Damit hat er es zu Wohlstand gebracht. Daneben baut er Hochsee-Yachten, die beim America’s Cup mitsegeln. Die Schaumweinkellerei Bellavista, die er in der norditalienischen Franciacorta gegründet hat, ist Ausdruck seiner persönlichen Leidenschaft für Wein. Diese Leidenschaft hat sich mit der Gründung des Weinguts Petra in der Toskana fortgesetzt. Ist dieser Mann nun ein Angeber? Wollte er nur einen PR-Effekt?
Petra-Architektur – ein Statement für den Weinbau
Ich kann nicht in seinen Kopf schauen. Aber ich weiß, dass die spektakuläre Petra-Architektur auch ein Statement ist: für die Wertschätzung des Weinbaus, der in diesem Teil der Toskana nahezu eingeschlafen war. Die Landbevölkerung war vor über hundert Jahren in den Bergbau abgewandert, weil dieser ein sicheres Einkommen versprach. Die Weinberge blieben offen. Als die Eisenerzförderung in der Toskana unrentabel wurde, wechselten sie als Industriearbeiter ins Stahlwerk im benachbarten Piombino. Erst als sie auch da nicht mehr gebraucht wurden, kehrten sie auf ihre Scholle zurück und versuchen sich seitdem als Winzer. 15 Jahre ist das erst her.
Moretti, der Industrielle aus dem Norden, hat früher als die Einheimischen selbst begriffen, dass die Zukunft dieses Landstrichs nicht beim Stahl, sondern beim Wein und beim Olivenöl liegt. Er war überzeugt, dass sich im Val di Cornia, wie das Anbaugebiet präzis heißt, genauso gute Weine erzeugen lassen wie im weiter nördlich gelegenen Bolgheri. Von dort kommen Weine wie Sassicaia und Ornellaia, die Weltruf genießen.






Naja, dass aber irgendjemand sowas auch bezahlen muss liegt doch auf der Hand. Und in diesem Fall ist auch klar, wer das ist: Nämlich jene Menschen, die die Produkte des Weingutes kaufen, das ist nämlich deren Einnahmequelle. Von daher zahle ich mit jeder Flasche auch für diesen Bau…
Mir ist es ehrlich lieber, wenn man das Geld in den Weinbau, vernünftige Bezahlung der Mitarbeiter, von mir aus auch den eh nicht vorhandenen BIO Wein steckt…
Die Idee hinter diesem Gebäude ist natürlich Marketing. Mich aber spricht das nicht an. Wein ist ein Luxusartikel, aber auch Luxus lässt sich verschiedenen definieren und offensichtlich will das Weingut eben ein gewissen Klientel ansprechen. Kann es, darf es, ich werde den Wein jedenfalls nicht kaufen!
Was wäre die Welt öde, wenn es nicht solche Entwürfe gäbe – sei es bei einer Winery, die in meinen Augen für die Symbiose von Natur, Kultur und Technik wunderbar geeignet ist, sei es in anderen Bereichen, wo Genuss im Mittelpunkt steht oder auch, wo solche Entwürfe kontrastiv wirken. Vielen Dank für einen gelungenen Kommentar, Herr Priewe, dessen Inhalt ich vollstens teile!
[...] Fragwürdiger SZ-Bericht über moderne Weingutsarchitektur | weinkenner.de [...]