Durch den Hochmut der Luxusweintrinker hat der Südtiroler Vernatsch in den letzten Jahren viel an Boden verloren. Jetzt bahnt sich eine neue Generation von Weinbauern einen Weg zu diesem Südtiroler Wein. Das Ergebnis überrascht. Im mondänen Vigilius Mountain Resort hoch über Meran hat eine Jury gerade die besten Vernatsch-Weine des vergangenen Jahres gekürt.
Während die Weinsnobs um jedes Fläschlein Lagrein Riserva von Josephus Mayr, Quarz von Terlan, St. Valentin Sauvignon von St. Michael-Eppan, Riesling von Castel Juval und Sylvaner von Peter Pliger wie die Löwen kämpfen, verlagert sich das Interesse der Südtiroler selbst wieder auf einen Wein, den viele schon tot gesagt haben: den Vernatsch. Dieser hellrote, süffige Wein aus jener Sorte, die in Deutschland Trollinger, in den Alpen Vernatsch heißt, erfreut sich in den Gasthöfen und Wirtshäusern des Etschtals wieder zunehmender Beliebtheit. Mit seiner unkomplizierten Art entspricht er oftmals mehr der Befindlichkeit der Menschen als dunkler Lagrein oder teurer Merlot.
Während deutsche Gourmet-Touristen, oft mit Gambero Rosso bewehrt die Restaurants betretend, in den Weinkarten nach den berühmten Etiketten suchen, bestellen die Einheimischen entschlossen einen St. Magdalener, einen Kalterersee, einen Meraner oder einen der zahlreichen anderen Vernatsch-Weine, die in Südtirol wachsen. Zu einer Brotzeit, einer Kaminwurzen, zu Schlutzkrapfen, Speckknödel oder auch zu einer Pizza passt dieser hellrote Wein viel besser als die hochfliegenden Drei-Gläser-Weine.
Neuverortung in der Genussarchitektur der Gegenwart
Eine Retromode? Mitnichten. Denn mit den genussfeindlichen Tropfen aus der Literflasche, mit denen Südtiroler Kellereien jahrzehntelang die Menschen diesseits und jenseits der Alpen quälten, haben die neuen Vernatsch-Gewächse nicht einmal mehr die Farbe gemein. Statt in müdem Blassrot funkeln sie erdbeerfarben oder kirschrot im Glas.
Nach dem beispiellosen Niedergang der Vernatsch-Rebe (ihre Fläche ist in den letzten 30 Jahren von 75 auf 25 Prozent geschrumpft) werden die Weine jetzt wieder neu entdeckt. Vor allem junge Weinbauern wie Christian Plattner vom Waldgrieshof oder junge Kellermeister der Genossenschaften wie Andreas Prast (Kellerei Kaltern), Gerhard Sanin (Erste & Neue), Harald Schraffl (Kellerei Nals Margreid) und Gerhard Kofler (Kellerei Girlan) verstehen es, diesen alten Südtiroler Wein in der Genussarchitektur der Gegenwart neu zu verorten. Statt nichtssagender, dumpfer Plörre machen sie aus der viel gescholtenen Sorte einen knackig-fruchtigen, teilweise sogar säurebetonten Wein, der zwar unkompliziert zu trinken, aber nie langweilig ist.

obere Reihe v.l.n.r.: Stefan Filippi (Kellerei Bozen), Gerhard Sanin (Erste & Neue), Andreas Prast (Kellerei Kaltern), Othmar Donà (Kellerei Kurtatsch), Wolfgang Tratter (Kellerei St. Pauls) | Untere Reihe v.l.n.r.: Franz Graf Pfeil (Ansitz Kränzel), Harald Schraffl (Kellerei Nals Margreid), Christian Plattner (Ansitz Waldgries), Florian Gojer (Glögglhof)
Auch gestandene Kellermeister, deren Ehrgeiz bisher auf Blauburgunder, Gewürztraminer oder andere Prestigeweine Südtirols gerichtet war, verspüren plötzlich den Reiz, aus dem Massenträger Vernatsch mehr zu machen, als in der Vergangenheit möglich schien. Stefan Filippi (Kellerei Bozen-St. Magdalener) und Othmar Donà (Kellerei Kurtatsch) gehören in diese Kategorie.
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