Ulrich Saut­ter war eine Woche in Bor­deaux. Sein Fazit: Die miss­lun­ge­nen Weine sind schlech­ter als alles, was Bor­deaux in den letz­ten zehn Jah­ren her­vor­ge­bracht hat. Die guten sind har­mo­nisch und mit­tel­ge­wich­tig und wer­den in weni­gen Jah­ren ange­nehm zu trin­ken sein. Die bes­ten Weine haben Stil und Klasse – und beschwö­ren die Renais­sance einer Art von Bordeaux-Klassik her­auf, wie man sie zuletzt in den acht­zi­ger Jah­ren gese­hen hat.

PomerolChâ­teau Mar­gaux: 13,1 Vol.%, Châ­teau Latour: 13,1 Vol.%, Châ­teau Lafite Roth­schild 12,8 Vol.% – sol­che mode­ra­ten Alko­hol­werte hat es in Bor­deaux schon lange nicht mehr gege­ben. Spöt­ter sehen diese Gra­da­tio­nen als Aus­druck der schwie­ri­gen Kli­ma­be­din­gun­gen des Jahrs 2011. Doch das ist nur die halbe Wahr­heit. Denn wer den Hin­der­nis­par­cours von Tro­cken­heit, Hitze und herbst­li­chem Stark­re­gen mit nach­fol­gen­den Botry­ti­s­at­ta­cken zu meis­tern wusste, hat aus­ge­zeich­nete Weine von klas­si­schem Zuschnitt im Keller.

Zum Bei­spiel Lafite. Mei­ner Mei­nung nach einer der bes­ten Weine des Jahr­gangs: „kühl“ und prä­zise in sei­nen frisch­fruch­ti­gen Aro­men, am Gau­men von einer alt­mo­di­schen Stof­fig­keit mit hand­werk­lich extra­hier­tem, rei­fem Tan­nin, dabei hin­ter­grün­dig, saf­tig, mine­ra­lisch und in sei­nem ver­gleichs­weise schma­len Alko­hol­rah­men kein biss­chen leicht wirkend.

Lafite – einer der bes­ten des Jahrgangs

Wie ist es mög­lich, dass hier ein so makel­lo­ser Wein ent­stan­den ist, in die­sem schwie­ri­gen Jahr? Chris­to­phe Salin, Ver­triebs­chef des Châ­teau, hat eine ein­fa­che Erklä­rung: „Es kam auf den rich­ti­gen Lese­zeit­punkt an. Seit August waren wir alle zwei Tage im Wein­berg, um reihum in allen Par­zel­len Trau­ben zu kos­ten. So konn­ten wir über­all im rich­ti­gen Moment lesen – genau dann, als die Gerb­stoffe schon reif waren, aber die Frucht noch ihre ganze Fri­sche besaß.“

Doch auch diese Aus­sage ist wahr­schein­lich nur die halbe Wahr­heit, denn natür­lich waren schon frü­her wäh­rend der gesam­ten Sai­son umfang­rei­che Wein­bergsar­bei­ten erfor­der­lich, um die Trau­ben gesund zu erhal­ten. Die chefs de cul­ture, wie in Bor­deaux die für den Wein­berg zustän­di­gen lei­ten­den Ange­stell­ten hei­ßen, berich­ten von der dau­ern­den Not­wen­dig­keit, schwie­rige Ent­schei­dun­gen zu tref­fen: Ent­blät­tern in der Trau­ben­zone hilft gegen Botry­tis (weil die Trau­ben dann vom Wind getrock­net wer­den kön­nen), erhöht aber die Gefahr, dass die Trau­ben Son­nen­brand bekom­men. Eine große Menge Laub ver­sorgt die Trau­ben beson­ders gut mit Inhalts­stof­fen (vor allem Zucker), sorgt jedoch gleich­zei­tig dafür, dass der Reb­stock in tro­cke­nen Pha­sen viel Was­ser durch Ver­duns­tung ver­liert. Nur wenige Güter hat­ten das Kön­nen – und wohl auch das nötige Quänt­chen Glück – um bei die­sen Ent­schei­dun­gen immer die rich­tige Wahl zu treffen.

Pal­mer ver­las die Trau­ben per Scanner

Verlesen der TraubenGroße Bedeu­tung kam zwei­fel­los auch der Selek­tion bei der Lese zu. Auf Châ­teau Pal­mer bei­spiels­weise, wo man Ende des Som­mers auf­grund von Tro­cken­heit und Hitze sogar damit rech­nete, den Jahr­gang ganz aus­fal­len las­sen zu müs­sen, setzte man bei der Lese opti­sche Sor­tier­ge­räte ein. För­der­bän­der, auf denen die Trau­ben wie an der Kasse eines Super­markts an einem Scan­ner vor­bei­ge­führt wer­den, der die von Fäul­nis befal­le­nen erken­nen und aus­schei­den kann. Frei­lich ver­traute man auch die­sen Gerä­ten nicht blind­lings. Der opti­sche Sor­tier­tisch wurde nur zur Vor­aus­wahl genutzt – alle Trau­ben, die er pas­sie­ren ließ, wur­den anschlie­ßend noch­mals von Hand verlesen.

Weni­ger enga­gierte Güter oder sol­che, die durch ihre finan­zi­elle Situa­tion oder die Güte des Wein­bergs weni­ger pri­vi­le­giert sind, haben jedoch häu­fig sub­stan­zi­elle Fehl­schläge gekel­tert. Bit­ter­nis, grüne Tan­nine, Bran­dig­keit, pil­zige und medi­zi­nale Aro­men – all sol­che Phä­no­mene begeg­nen einem beim Ver­kos­ten des 2011er Jahr­gangs, in wech­seln­den Kom­bi­na­tio­nen und zuwei­len auch durch kos­me­ti­sche Retu­schen mehr oder weni­ger wir­kungs­voll verdeckt.



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