Vorsicht Schnäppchen! Diesmal kein Weihnachtsspaß mit Aldi-Weinen

Nov 302011

Brav und bil­lig – so ließe sich das Wein­an­ge­bot von Aldi Süd zu Weih­nach­ten cha­rak­te­ri­sie­ren: viel halb­tro­cke­ner Roter aus deut­schen Lan­den, nur ein Weiß­wein über 5 Euro aus Deutsch­land, ansons­ten reich­lich Belang­lo­ses und der obli­gate Cham­pa­gner für 11,99 Euro. Neu­gie­rig machen eigent­lich nur drei Weine: ein Chateauneuf-du-Pape, ein Barolo und ein Bru­n­ello di Mon­tal­cino. Jens Priewe hat sie probiert.

ALDI WeinNach einer Ifo-Erhebung sind die Deut­schen auch die­ses Jahr in ähnli­cher Ein­kaufs­laune wie 2010, als der Ein­zel­han­del ein Rekord­weih­nach­ten regis­trierte. Sollte das auch für Wein gel­ten, wäre Aldi für das dies­jäh­rige Weih­nachts­fest schlecht gerüs­tet. So bie­der und brav war Wein­an­ge­bot der Esse­ner schon lange nicht mehr. Das gilt nicht nur für Aldi Nord. Im Han­dy­be­reich weiß der Dis­coun­ter zum Bei­spiel genau, was von ihm erwar­tet wird: zum Bei­spiel das Samsung Galaxy zum Schnäpp­chen­preis. Beim Wein fehlt den Esse­nern dage­gen jeg­li­che Inspi­ra­tion. Über­ra­schen­der­weise die­ses Jahr auch den wein­of­fe­ne­ren Kol­le­gen von Aldi Süd. Offen­bar fah­ren sie mit ihrer Eigen­marke „Mario Col­lina“ und der „Edi­tion Fritz Kel­ler“ so gut, dass sie auf wei­tere Hight­lights verzichten.

Viel schlich­ter Rot­wein aus Deutschland

Viel schlich­ter Rot­wein aus Deutsch­land, etwa die Hälfte im halb­tro­cke­nen Bereich, aus Bor­deaux zwar Chateau-Wein, aber nur sol­cher unter 5 Euro, aus Ita­lien immer­hin für 6,99 Euro der solide „Villa Impe­riale“ der Gra­fen Guer­rieri Gon­zaga, die mit ihrem (nicht bei Aldi erhält­li­chen) San Leo­nardo (3 Glä­ser im Gam­bero Rosso) immer­hin bewie­sen haben, dass sie von Wein etwas ver­ste­hen. Im Weiß­wein­be­reich füllt reich­lich Gut­e­del, Müller-Thurgau, Ries­ling oder Sil­va­ner in jeder Geschmacks­rich­tung die Regale, wobei nur ein Wein die 5-Euro-Grenze knackt (Baden Weiß­wein „Edi­tion Fritz Kel­ler“). Beschei­den­heit scheint ange­sagt zu sein: ein dün­ner Elsäs­ser Ries­ling und ein unrei­fer Sau­vi­gnon Blanc aus Süd­afrika. Ansons­ten viel Belang­lo­ses, Aus­tausch­ba­res, Unspektakuläres.

Prosecco-Trinker auf­ge­passt!

Von ernst­haf­ter Qua­li­tät ist aller­dings ein Pro­secco Supe­riore D.O.C.G. aus der bes­ten Zone von Con­e­gliano und Valdob­bia­dene, der mit 4,99 Euro güns­tig ist. Er ist extra tro­cken aus­ge­baut, so dass er die tra­di­tio­nelle Aldi-Kundschaft mög­li­cher­weise nicht sehr begeis­tern wird, die Wein­ken­ner dafür umso mehr. Natür­lich gibt es auch wie­der den Aldi-Champagner für 11,99 Euro, und schlech­ter als man­che deut­li­che teu­rere Han­dels­mar­ken ist die­ser Klas­si­ker nicht.

Ver­däch­tig bil­li­ger Barolo

Ganz auf die Schnäpp­chen­jä­ger ver­zich­ten woll­ten die Wein-Einkäufer von Aldi Süd in die­sem Jahr offen­bar aber doch nicht. So kauf­ten sie einen 2007er Barolo ein, den sie für wohl­feile 7,99 Euro anbie­ten. Vor einem Jahr, als die Lager im Pie­mont noch voll waren, hätte die­ser Preis ins Bild gepasst. Heute, da die Abwärts­spi­rale gestoppt ist, sind 7,99 Euro für einen Barolo ver­däch­tig güns­tig. Der Ver­dacht bestä­tigt sich: Die­ser Barolo (der aus der Dach­ge­nos­sen­schaft Terre da Vino kommt und von Mack & Schüle impor­tiert wird) ist kei­nen Cent mehr wert. Kein Schnäpp­chen also.

Am Anfang noch nach Neb­biolo duf­tend, ent­wi­ckelt er nach ein, zwei Stun­den ein dump­fes Bou­quet, büßt rasch an Fri­sche ein und ver­liert sich im erdig-fruchtigen Nie­mands­land des Geschmacks. Dank des guten Jahr­gangs 2007 ist das Tan­nin gesund und nicht zu hart. Aber jeder mit­tel­mä­ßige Neb­biolo d’Alba (der im Fach­han­del frei­lich das Dop­pelte kos­tet) ist bes­ser als die­ser Wein, der uner­fah­rene Wein­trin­ker irri­tiert fra­gen lässt, wor­auf der Ruhm des Barolo eigent­lich basiert.


2006 Brunello di Montalcino
82
ALDI Brunello
2006

Rotwein
Ein Abklatsch dessen, was einen guten Wein dieses Namens auszeichnet. Dabei kommt dieser Brunello aus dem großen Jahrgang 2006. Es fehlt ihm dadurch nicht an Struktur oder Farbe. Auch die Textur ist gut. Er ist einfach nur geschmacksarm. Es fehlt ihm an Aromentiefe, an Facetten, an Fruchtnuancen – kurz: an dem, woran ein Weintrinker eigentlich interessiert ist. Ein rauer, anfangs streng schmeckender, später geschmacklich völlig amorpher Wein, zahnlos, müde, einschläfernd. Ohne jedes Temperament.
2010 Châteauneuf-du-Pape
84
ALDI Chateauneuf du Pape Francois Martenot
2010

Rotwein
Dunkel violettrote Farbe, halbwegs fruchtiges, an Blaubeeren und Süßkirsche erinnerndes Bouquet mit leicht rauchigem Einschlag, am Gaumen von gezügelter Fülle, dabei keinen großen Charme versprühend, gleichwohl sauber und zumindest ohne Fehl und Tadel. Ein einfacher, nicht übermäßig beeindruckender Wein, der sich sicher noch einige Monate (vielleicht auch ein, zwei Jahre) positiv auf der Flasche verändern wird.
2007 Barolo
79
ALDI Barolo Terre da Vino
2007

Rotwein
Am Anfang noch nach Nebbiolo duftend, entwickelt dieser Barolo nach ein, zwei Stunden ein dumpfes Bouquet, büßt rasch an Frische ein und verliert sich im erdig-fruchtigen Niemandsland des Geschmacks. Ein diffuser Wein, ungeordnet, unlecker, schon im Glas verblühend. Dank des guten Jahrgangs 2007 ist das Tannin immerhin gesund und nicht hart.

Verwandte Artikel:

20.12.2010 | Große Namen, kleine Preise: Nicht immer kommt Freude auf
26.04.2010 | Aldi will's wissen: Neue Weine der Edition Fritz Keller
14.12.2011 | Schöne Bescherung: Edeka unterbietet Aldi
22.02.2012 | Nicht billig, aber gut: 2009 Spätburgunder Edition Fritz Keller bei Aldi
13.03.2012 | Aldi, Lidl, Norma beim Wein rückläufig

Tags:

,

  2 Antworten zu “Vorsicht Schnäppchen! Diesmal kein Weihnachtsspaß mit Aldi-Weinen”

  1. “Aber man ver­steht auch, wes­halb ein guter, klas­si­scher Châ­teau­neuf nor­ma­ler­weise das Dop­pelte kostet.”

    Dem kann nur beipflichten !

  2. ich habe bei Aldi Süd einen Bru­n­ello di Mon­tal­cino 2206 / 2007für unglaub­lich € 12,95 gekauft…
    ZB. 2007 -er L 11253 23129900

    er schmckt unglaub­lich dürf­tig
    ich möchte den Wein che­misch und sen­so­risch tes­ten las­sen,
    wel­che Optio­nen beste­hen?
    danke
    diego

 Antworten

(erforderlich)

(erforderlich)