Chateau Haut-Brion

Tagebuch der lustvollen Qualen (3): Zwiespältiger Haut-Brion

Ulrich Sautter hat am 3. Tag seines Bordeaux-Aufenthaltes die Weine von Haut-Brion und La Mission Haut-Brion probiert. Doch wirk­lich gefallen hat ihm ein ganz anderer Wein. Und obwohl in Bordeaux der Früh­ling ausge­bro­chen ist, lief es ihm manchmal kalt über den Rücken.

Ulrich Sautter hat am 3. Tag seines Bordeaux-Aufenthaltes die Weine von Haut-Brion und La Mission Haut-Brion probiert. Doch wirk­lich gefallen hat ihm ein ganz anderer Wein. Und obwohl in Bordeaux der Früh­ling ausge­bro­chen ist, lief es ihm manchmal kalt über den Rücken.

Chateau Haut-BrionMein Tag begann im Borde­laiser Vorort Cadaujac auf Château Bous­caut. Hier standen 19 rote und 17 weiße Weine aus der Appel­la­tion Pessac-Léognan zur Probe an. Die Weiß­weine bestä­tigten den Eindruck, den auch schon die Sauternes hinter­lassen hatten: Manche Weine sind ziem­lich gut, sie verbinden Fülle und Nerv und liegen quali­tativ deut­lich über dem lang­jäh­rigen Durch­schnitt. Doch viele andere sind alko­ho­lisch, hohl in der Frucht und ziem­lich mau.

Auch bei den Roten ist das Bild durch­wachsen: Sehr viele Weine sind extrem stark extra­hiert. Die Gerb­stoffe sind noch strenger, als ich es von der Verkos­tung beim Cercle Rive Droite in Erin­ne­rung hatte. Vor allem haben sie noch mehr Grün­töne. Offenbar war der Cabernet am Ende des Herbstes in vielen Wein­gü­tern nicht physio­lo­gisch reif, obwohl sein Zucker­ge­halt spie­lend für 14 Vol.% gut war.

Rätselhafter Haut-Brion

Etikett Haut-BrionVom Mittags­büffet auf Bous­caut kann ich mir etwas Linsen­salat sichern. Unter die Linsen ist – wie ich erst im Mund fest­stellte – ein erkleck­li­cher Anteil Stopf­leber gemischt. Vive la France! Dann eile ich von dannen. Mein nächster Termin ist auf Château Haut-Brion. Hier wird natür­lich nichts dem Zufall über­lassen: deut­sche Gäste, deutsch­spra­chige Hostess. Die Weine werden dadurch aller­dings nicht besser. Ja, liebe Leser, Sie lesen richtig. Ich hänge mich mit meinem Urteil weit aus dem Fenster: Die 2010er Rotweine dieses Premier Grand Cru Classé verstehe ich nicht, weder Haut-Brion, noch La Mission Haut-Brion.

Meinem senso­ri­schen Erfah­rungs­ho­ri­zont nach sind diese Weine deut­lich über­ex­tra­hiert, also viel zu hart gekel­tert. James Suck­ling, der ameri­ka­ni­sche Kollege, ist offen­sicht­lich anderer Meinung. Macht nichts. Ich bin gespannt auf das Verdikt der briti­schen Frak­tion unter den einfluss­rei­chen Bordeaux-Kritikern. Falls ich mich mit meiner Kritik an diesen Weinen irren sollte, wird es jeden­falls sehr lange dauern, bis sich das heraus­stellt. Da bin ich mir ganz sicher.

Kommentar hinzufügen