Primitivo-Revival: We don’t need another hero …

Jun 212011

Für die wach­sende Gemeinde der Primitivo-Liebhaber könnte der Song von Tina Tur­ner die Natio­nal­hymne sein. Sie wol­len kei­nen Bor­deaux, brau­chen kei­nen Spät­bur­gun­der, ver­zich­ten auf sizi­lia­ni­schen Nero d’Avola. Der Wein vom Stie­fel­ab­satz Ita­li­ens ist ihr Held. Er hat alles, was ein guter Rot­wein braucht: Power, Frucht, Tan­nin von der feins­ten Sorte. Und der Preis des Weins ist heiß. Jens Priewe fand drei Pri­mi­tivos, an denen man sich die Fin­ger ver­bren­nen könnte.

Primitivo aus ApulienDer Pri­mi­tivo ist einer jener Weine, die ihr Schick­sal mit hei­te­rem Gleich­mut tra­gen. Sein Schick­sal ist, dass er jahr­zehn­te­lang nur ein Ver­schnitt­wein war und seine Bestim­mung darin fand, alko­hol­schwa­chen Val­po­li­cel­las, Bar­do­li­nos, Chi­an­tis auf die Beine zu hel­fen.  Diese Zei­ten sind zwar längst passé. Aber das Stigma eines Weins, der seine Exis­tenz­be­rech­ti­gung nur aus dem Alko­hol­ge­halt zieht, hängt ihm immer noch an.

Mit hei­te­rem Gleich­mut trägt er sein Schick­sal, weil er gegen­wär­tig einer der erfolg­reichs­ten ita­lie­ni­schen Weine ist. Von Wein­kri­ti­kern ver­kannt, von Snobs igno­riert, von Wein­händ­lern unter­schätzt, hat ihn eine stän­dig wach­sende Gemeinde von Rot­wein­trin­kern ent­deckt und genießt ihn mit größ­tem Ver­gnü­gen. Der Wein besitzt Power. Er hat Frucht. Und trotz sei­ner Fülle fehlt es ihm nicht an Frische.

Reben im SandDer Erfolg kommt nicht von unge­fähr. Die Qua­li­tät des Pri­mi­tivo hat sich in den letz­ten Jah­ren dra­ma­tisch ver­bes­sert. Ein guter Pri­mi­tivo ist, bei aller Fülle, die er mit­bringt, nie über­la­den. Seine Frucht  ist sau­ber und wird von einer mil­den Säure unter­stützt. Von den oft mar­me­la­di­gen Nero d’Avola aus Sizi­lien hebt er sich wohl­tu­end ab. Und die Alko­hol­ge­halte sind mit durch­schnitt­lich 13,5 Vol.% auch nicht exzes­siv hoch.

Zuge­ge­ben: Der Pri­mi­tivo ist nichts für Fili­grant­rin­ker. Aber er sprengt auch nicht das Glas, wie man­cher aus­tra­li­sche Shiraz, man­cher Spa­nier und – par­don – auch man­cher Bor­deaux vom Rech­ten Ufer es mitt­ler­weile tun. Er ist ein Wein von dis­zi­pli­nier­ter Fülle, der leicht zu ver­ste­hen und unkom­pli­ziert zu trin­ken ist. Schon für unter sechs Euro gibt es im Wein­han­del sehr ordent­li­che Qua­li­tä­ten. Wer ein oder zwei Euro drauf­legt, erhält rich­tig gute Weine – vor­aus­ge­setzt er mag den Stil des Weins.

Pri­mi­tivo heißt die Reb­sorte, aus der er zu hun­dert Pro­zent gekel­tert wird. Sie ist mit der Zin­fan­del ver­wandt, aber nicht iden­tisch. Wie sie zu dem Namen Pri­mi­tivo gekom­men ist, kön­nen auch die Apu­lier nicht genau ange­ben. Mit pri­mi­tiv haben weder Reb­sorte noch Wein etwas zu tun. Wahr­schein­lich hieß sie ursprüng­lich Prima-tivo, weil sie schon so früh gele­sen wird: ab Mitte August.

Rebe in terra rossaApu­lien ist die Region, in der sie ange­baut wird. Eine Region mit wenig Indus­trie, viel Land­wirt­schaft und sehr beschei­de­nem Wohl­stand. Der Reich­tum Apu­li­ens sind die Oli­ven und der Wein. Bei­des gibt es im Über­fluss. Auch Hart­wei­zen wird viel ange­baut. Aus ihm wird Pasta her­ge­stellt. Die zahl­rei­chen klei­nen Pas­taer­zeu­ger sind einer der wirt­schaft­li­chen Aktiv­pos­ten der Region. Dazu kommt natür­lich der Tou­ris­mus. Mit sei­nen lan­gen Strän­den ist Apu­lien ein belieb­tes Feri­en­ziel, vor allem der Süden Apu­li­ens, also die Gegend direkt am Stie­fel­ab­satz, wo das Land rela­tiv flach, die Tem­pe­ra­tu­ren hoch und Nie­der­schläge gering sind.

Dort befin­det sich auch der größte Teil der 9000 Hektar, die mit Primitivo-Reben bestockt sind. Boden und das Klima zwi­schen den Städ­ten Brin­disi, Lecce und Taranto sind maß­ge­schnei­dert für die Sorte. Mit rela­tiv wenig Auf­wand las­sen sich in die­sem Drei­eck sehr gute Qua­li­tä­ten erzielen.


2008 Primitivo di Manduria
88
Etikett 2008 Primitivo di Manduria Az. Agr. Le Felline, Manduria
2008

Rotwein
Kardinalrot in der Farbe, Duft von Schattenmorellen und Bitterschokolade,  vollmundig und reich am Gaumen, aber nicht überladen, herrlich fruchtig mit Noten von Kirschkompott und Würzaromen, gestützt durch eine schöne Säure, ausgebaut in französischer Eiche.
2009 Salento Primitivo
88
Etikett 2009 Salento Primitivo Cantine Due Palme, Cellino San Marco
2009

Rotwein
Dunkle rubinrote Farbe, in der Nase sehr würzig mit Mon Cherie und frisch geröstetem Kaffee, am Gaumen kompakt, muskulös mit feinem, süßen Tannin, im Hintergrund frische Zwetschgen und schwarzer Pfeffer, sehr rund, weich, opulent.
2009 Puglia Primitivo „Livruni“
88
Etikett 2009 Puglia Primitivo "Livruni" Az. Agr. Vetrere, Taranto
2009

Rotwein
Extrem dichter, dunkler Wein, der durch Dekantieren gewinnt: Aromen von schwarzer Johannisbeere, Marzipankirsche, Kakao, druckvoll am Gaumen, aber gleichzeitig elegant und easy zu trinken, leichte Röstaromen durch Barriqueausbau, 13,5 Vol.%.

  2 Antworten zu “Primitivo-Revival: We don’t need another hero …”

  1. [...] Seine voll­stän­dige Bewer­tung lesen Sie auf weinkenner.de (Lesens­wert ist außer­dem der Arti­kel Primitivo-Revival, eben­falls von Jens [...]

  2. [...] Seine voll­stän­dige Bewer­tung lesen Sie auf weinkenner.de (Lesens­wert ist außer­dem der Arti­kel Primitivo-Revival, eben­falls von Jens [...]

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