Trauben Jahrgang 2011

Jahrgang 2011: Früheste Lese seit 2003, teilweise sogar seit 1893

In vielen Anbau­ge­bieten Europas ist die Wein­lese bereits in vollem Gange – drei Wochen früher als in einem normalen Jahr. Experten bezwei­feln, dass in einem so früh­reifen Jahr große Weine entstehen können. In Deutsch­land ist der Vege­ta­ti­ons­vor­sprung durch den kühlen August jedoch geschrumpft. Aller­dings sind die Säure­werte vieler­orts jetzt schon tiefer als 2010 zum Zeit­punkt der Lese. Von Ulrich Sautter und Jens Priewe

In vielen Anbau­ge­bieten Europas ist die Wein­lese bereits in vollem Gange – drei Wochen früher als in einem normalen Jahr. Experten bezwei­feln, dass in einem so früh­reifen Jahr große Weine entstehen können. In Deutsch­land ist der Vege­ta­ti­ons­vor­sprung durch den kühlen August jedoch geschrumpft. Aller­dings sind die Säure­werte vieler­orts jetzt schon tiefer als 2010 zum Zeit­punkt der Lese. Von Ulrich Sautter und Jens Priewe

Dem Wein­jahr­gang 2011 ging in ganz Europa vom Früh­jahr weg der Ruf voraus, dass es eine frühe Lese geben werde. So ist es gekommen. Am 18. August fiel im Anbau­ge­biet von Graves der Start­schuss für die Ernte. Auf Château Carbon­nieux wurden die ersten Sauvignon-Trauben mit 13 Vol.% einge­bracht: „Seit 1893 haben wir nicht mehr so früh gelesen“, berichtet Eric Perrin, der Régis­seur. Am 25. August begann die Sauvi­gnon blanc-Lese für den trockenen G von Château Guiraud in Sauternes. Im Burgund wurden am 28. August bereits die ersten Pinot Noir-Trauben einge­bracht. „Das ist das sechste Mal in den letzten 300 Jahren, dass wir so früh lesen“, konsta­tiert Chris­tine Monany vom Bureau Inter­pro­fes­sionel des Vins de Bourgogne. Die letzten fünf Male waren 1719, 1822, 1893, 2003 und 2007 – eine auffäl­lige Häufung  in den letzten zehn Jahren.

Ursache der frühen Lese ist die frühe Blüte

In Pomerol und St. Emilion rechnet man Mitte nächster Woche mit dem Erntebe­ginn für die Merlot. In der Cham­pagne ist die Trau­ben­ernte schon seit dem 20. August in vollem Gange. Ursache für die außer­ge­wöhn­lich frühe Lese ist in allen Fällen nicht etwa der heiße, trockene Sommer, sondern die frühe Blüte, ausge­löst durch einen extrem warmen April und Mai. Der Vege­ta­ti­ons­vor­sprung – im Juni spra­chen viele Winzer noch von drei Wochen – hat sich im Laufe des durch­wach­senen Sommers eher etwas verrin­gert.

In Apulien wurde schon im Juli geerntet

Noch früher mussten die Winzer in Südeu­ropa die Trauben einbringen. Auf Donn­a­fu­gata in Sizi­lien wurden die ersten Chardonnay-Trauben bereits am 10. August in perfektem Zustand gelesen, in Apulien sogar schon Ende Juli – 14 Tage früher als normal. In der Toskana sind die Trauben im Vergleich zu einem normalen Jahr 3 Wochen voraus. Auf Rocca delle Macie im Chianti classico-Gebiet war der Merlot am 20. August schon komplett gelesen. Im Unter­schied zu 2003, als die Reben unter enormem Trocken­stress litten, sind die Reben diesmal vital und die Trauben kern­ge­sund.

Auch im Schweizer Kanton Wallis waren die Winzer früh dran: In der vergan­genen Woche konnten Pinot Noir-Trauben mit sagen­haften 110 Grad Oechsle einge­bracht werden. Was den Zucker betrifft, haben solche Trauben schon das Stadium der Über­reife erreicht. Frag­lich ist indes, ob auch Aromen und Gerb­stoffe ausrei­chend ausge­reift waren. Denn diese Kompo­nenten benö­tigen ein lang­sames Ausreifen in die kühlere Jahres­zeit hinein.

In Deutsch­land beginnen eben­falls viele Winzer schon mit der Lese. Im rhein­hes­si­schen West­hofen rückten bereits am 6. August die Voll­ernter aus, um voll­reife Ortega-Trauben von den Rebstö­cken zu schüt­teln. Sie werden zu Feder­weißem verar­beitet. Am Kaiser­stuhl in Baden etwa hat das Weingut Bercher bereits mit der Lese von Spät­bur­gunder für Sekt-Grundwein begonnen. Da man im Sekt eine höhere Säure wünscht, wird der Lese­termin für dessen Grund­wein übli­cher­weise zwei, drei Wochen vorge­zogen.

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